Emmanuel Carrère, Ein russischer Roman (Matthes & Seitz Berlin)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Am Anfang steht der Auftrag für einem Dokumentarfilm: Emmanuel Carrère reist mit seinem Team nach Russland, wo der letzte Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs, ein Ungar, der in einer sibirischen Psychiatrie irgendwie vergessen wurde, im hohen Alter entlassen und in seine Heimat gebracht werden soll. Doch es wird viel mehr daraus, denn Carrère interessiert sich auf der einen Seite immer mehr für den Ort, an dem eine solche Geschichte überhaupt möglich sein konnte. Kostelnitsch, dieser elend traurigen postsowjetischen Kleinstadt mit ihrer Klinik, ihrer Gütertrasse und ihren ebenso ermüdeten und traurigen Einwohnern möchte er ein eigenes Filmporträt widmen. Zum anderen wird er über diese Arbeiten auf die Geschichte seiner Familie aufmerksam, die teilweise aus Russland und Georgien nach Frankreich eingewandert ist. Insbesondere interessiert er sich für seinen Großvater, der offenbar als Nazi-Kollaborateur von Mitgliedern der Resistance getötet worden ist. Dieser dunklen, unausgesprochenen Seite seiner Familiengeschichte möchte er gegen den Willen seiner berühmten Mutter ein Buch widmen. Und all diese Projekte laufen zusammen zu einer Zeit, da Carrère und seine Freundin zunächst die Höhen (vor allem sexuell) und dann die Abgründe  einer Liebesbeziehung ausloten und durchmachen. Auch hier wird er konfontiert mit seiner Herkunft, seinem akademischen Background als Mitglied der reichen französischen Bildungselite.
„Ein russischer Roman“ erzählt von diesen Dingen auf eine ehrliche und gleichsam reflektierte Weise. Seine Figuren haut er, auch wenn er mit diesem Text auf Widerstände treffen muss, nicht in die Pfanne, begegnet ihnen mit Respekt. Es ist die ganz große Schreibkunst, wie Carrère all diese Fäden zu einem virtuosen Gesamtgebilde spannt, das sicher kein Roman im klassischen Sinn ist, wohl aber das Verhältnis von Individuum zu Herkunft, Geschichte und Umwelt aus dem autobiographischen Blick unglaublich klug und mitreißend thematisiert. Carrère schreibt in einem eigenen Genre – und in einer eigenen Klasse.

(Matthes & Seitz Berlin, gebunden, 22,- €)