Empfehlungen

Gerhard Roth, Die Irrfahrt des Michael Aldrian (S. Fischer)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Michael Aldrian, ein ehemaliger Souffleur an der Wiener Oper, der seinem Beruf nach einem Hörsturz nicht mehr nachgehen kann, möchte einen Reiseführer über Venedig schreiben. Das erfordert Recherchearbeit vor Ort. In der Lagunenstadt ist er bestens eingeführt, denn sein Bruder lebt dort mit seiner italienischen Frau und Michael hat in deren Wohnung dauerhaft einen eigenen Bereich. Doch nach einer launischen Zugfahrt muss er feststellen, dass sein Bruder und seine Schwägerin nicht wie verabredet dort sind. Ihre Wohnung und ihr kurioses Geschäft „Jurassic Park“ wirken verwaist, auch telefonisch sind sie nicht zu erreichen. Nach einigen Tagen beginnt sich nicht nur die Polizei für das Verschwinden zu interessieren – Michael verknüpft die Recherchen für sein Buchprojekt mit der Suche nach den beiden. Mehr und mehr scheint ihm, dass er einer großen Sache auf der Spur ist, die sich um die Geschäfte seines Bruders und seine Malerei spinnt. Und es scheint, als bilde die gesamte Stadt, sie wirkt in diesem Buch wie ein monströser Organismus, Chiffren eines großen Geheimnisses. Archive und Bibliotheken werden zu Labyrinthen, Regen, Schnee wechseln sich ab, es herrscht Hochwasser, der Karneval stellt die Ordnung auf den Kopf. Wasserbusse werden zu Orten scheinbarerer Verfolgungsszenen, Bars zu Treffpunkten eventueller Verschwörer. Die Stadt als Geheimnisträgerin. Michael sieht sich bedroht von maskierten Verfolgern und spielt wie manisch seine Rolle in einer Verbrechensgeschichte, die ihn selbst schließlich zum Täter werden lässt. Auch die frische Liebesbeziehung zur klugen und gutmütigen Beatrice kann ihn nicht davon befreien.
Oder findet all dasgar nicht statt? Sind all die mysteriösen Ereignisse, Figuren und ihre scheinbaren Verknüpfungen nichts als Einbildungen eines Wahnsinnigen? Ist das alles eine apokalyptische Oper oder ist die ganze Geschichte gar ein Fake-Roman? Auch diese Möglichkeit besteht, trifft Michael doch kurz vor seiner Abreise in seinem Wiener Wohnhaus seinen Nachbarn, Schriftsteller von Beruf, der ihm aphoristisch mitteilt, das er an einem Kriminalroman sitze, in dem Michael eine Rolle spiele.
Gerhard Roth prüft in seinem meisterhaften, spannenden und von einer dichten Atmosphäre getragenen Roman sein Material, spielt mit den Möglichkeiten, jongliert mit literarischen Motiven, Klischees und Phantasmen und gestaltet eine großartige Venedig-Kulisse, wie sie die besten Bühnenbauer an der Wiener Oper nicht hinkriegen würden. Und er gewährt seinem Protagonisten eine Einsicht, die sich zumindest in Bezug zur Lektüre der „Irrfahrt“ auch auf die Leser übertragen mag: Michael Aldrian “empfand es als Erleichterung, dass etwas mit der Wirklichkeit nicht stimmte. Sie war nicht so allumfassend, wie sie vorgab, sagte er sich.“ Groß!

(S.Fischer, gebunden, 25,- €)

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Markus Orths, Max (Hanser)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was für ein Leben, was für ein Jahrhundert – was für ein Roman!
Das Leben von Max Ernst war nicht nur ereignisreich, es war spektakulär: 1891 in Brühl geboren (zu eng, zu klein), früh zur Kunst gekommen, als Soldat im ersten Weltkrieg, danach Mitgründer der Dadaisten in Köln (zu eng, zu klein), wichtiges Mitglied der Surrealisten in Frankreich, Flucht vor den Nazis und Emigration in die USA, späte Rückkehr nach Europa und später ökonomischer Erfolg. Er starb 1976 und gilt heute als einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts. Max Ernst war Teil der wesentlichen künstlerischen Diskurse, kannte die großen Künstler seiner Zeit und führte auch noch ein  bewegtes Beziehungsleben.
Ein toller Stoff für einen Roman also, dessen Potenzial Markus Orths mit „Max“ auf mitreißende Weise birgt und nutzt. Er fächert dabei die Positionen des Erzählens auf, indem er dem Leben von Max Ernst zwar weitgehend chronologisch folgt, die einzelnen Kapitel aber Menschen widmet, die in bestimmten Abschnitten Einfluss auf Max Ernst hatten und an den Scharnierstellen seines Lebens standen. Das sind maßgeblich sechs Frauen und der Dichter Paul Eluard, und so heißen die Kapitel Lou, Galapaul, Marie-Berthe, Leonora, Peggy, Dorothea. Es entsteht ein vielstimmiger Roman und all diese verschiedenen Stimmen, Erfahrungen und angelagerten Lebensentwürfe lassen ein lebendiges und greifbares Porträt der Zeit entstehen. Dafür hat Orths intensive Recherchen angestellt und man merkt seinem Buch an, dass es mit Begeisterung für seine Figuren entstanden ist. Es ist aber neben seiner hohen Situations- und Dialogsicherheit vor allem seine wunderbare Sprache – verspielt, witzig und kalauernd dort, wo er es sich leisten kann; konzentriert und ganz nah an den Ereignissen, wo es die historische Situation (etwa der Komplex Flucht und Exil) erfordert – die sein Buch über den Topos „Max Ernst und die Frauen“ hinausführen. „Max“ ist viel mehr als der x-te „Künstlerroman“: Seine Poetik der Korrespondenz zwischen Figuren und Erzählen, das Spiegeln ihres Handelns und ihrer Umtriebigkeit, ist ein großer Wurf, der Menschen, Zeit und Prozesse nahbar und aufwühlend lebendig erscheinen lässt. Markus Orths brennt für seine Figuren und für seinen Roman wie Max Ernst für seine Kunst brannte – das ist ansteckend!

(Carl Hanser Verlag, gebunden, 24,- €)

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José Eduardo Agualusa, Eine allgemeine Theorie des Vergessens (C.H. Beck)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Eine unglaubliche aber wahre Begebenheit ist Ausgangspunkt für einen unglaublich guten Roman:
Ludovica folgt ihrer Schwester, mit der sie eine besonderes Verhältnis der Abhängigkeit verbindet, von Portugal nach Angola, wo Odete einen Diamantenhändler heiratet. Zusammen beziehen sie eine Wohnung im obersten Stockwerk eines vornehmen Hochhauses in Luanda. Dann kommt das Jahr 1975: Angola erlangt die Unabhängigkeit von Portugal, Jahre der Revolution, der Unruhen und des Bürgerkriegs kündigen sich an, ihre Schwester und ihr Schwager verschwinden ohne Nachricht. Als Ludovica in Notwehr einen Einbrecher erschießt, kapselt sie sich von allen Turbulenzen und jeglichem sozialen Leben ab. Dreißig Jahre wird sie eingemauert in ihrer Wohnung verbringen.
Hier setzt Agualusas Roman an. Während er zum einen eindrucksvoll Ludovicas einsames, nur zeitweise von einem Hund und einem Affen begleitetes Überleben schildert (sie beginnt Gemüse zu ziehen, fängt Tauben mithilfe von Diamanten, verfeuert Möbel und Bücher, beschreibt die Wände) lässt er ihren Blick zugleich über die Stadt schweifen und erzählt anhand vieler großartiger Episoden aus dreißig turbulenten Jahren angolanischer Geschichte. Fiktive, vom Bürgerkrieg betroffene Charaktere und Biographien bilden das bewegte Draußen im Gegensatz zu Ludovicas innerem Exil: Revolutionäre, Straßenkinder, ein französischer Schriftsteller, ein Journalist, der Fälle des Verschwindens sammelt. Es entsteht ein großartiger Erzählreigen, alles steht in größeren Zusammenhängen und am Ende stehen alle vor Ludovicas Wohnungstür…
„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ ist ein beeindruckender, empathischer, meisterhaft konzipierter und geschriebener Roman – lebendige, große Literatur, deren Lektüre noch lange nachhallt.

übers. v. Michael Kegler, C.H. Beck, gebunden, 19,95 €

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Emmanuel Carrère, Ein russischer Roman (Matthes & Seitz Berlin)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Am Anfang steht der Auftrag für einem Dokumentarfilm: Emmanuel Carrère reist mit seinem Team nach Russland, wo der letzte Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs, ein Ungar, der in einer sibirischen Psychiatrie irgendwie vergessen wurde, im hohen Alter entlassen und in seine Heimat gebracht werden soll. Doch es wird viel mehr daraus, denn Carrère interessiert sich auf der einen Seite immer mehr für den Ort, an dem eine solche Geschichte überhaupt möglich sein konnte. Kostelnitsch, dieser elend traurigen postsowjetischen Kleinstadt mit ihrer Klinik, ihrer Gütertrasse und ihren ebenso ermüdeten und traurigen Einwohnern möchte er ein eigenes Filmporträt widmen. Zum anderen wird er über diese Arbeiten auf die Geschichte seiner Familie aufmerksam, die teilweise aus Russland und Georgien nach Frankreich eingewandert ist. Insbesondere interessiert er sich für seinen Großvater, der offenbar als Nazi-Kollaborateur von Mitgliedern der Resistance getötet worden ist. Dieser dunklen, unausgesprochenen Seite seiner Familiengeschichte möchte er gegen den Willen seiner berühmten Mutter ein Buch widmen. Und all diese Projekte laufen zusammen zu einer Zeit, da Carrère und seine Freundin zunächst die Höhen (vor allem sexuell) und dann die Abgründe  einer Liebesbeziehung ausloten und durchmachen. Auch hier wird er konfontiert mit seiner Herkunft, seinem akademischen Background als Mitglied der reichen französischen Bildungselite.
„Ein russischer Roman“ erzählt von diesen Dingen auf eine ehrliche und gleichsam reflektierte Weise. Seine Figuren haut er, auch wenn er mit diesem Text auf Widerstände treffen muss, nicht in die Pfanne, begegnet ihnen mit Respekt. Es ist die ganz große Schreibkunst, wie Carrère all diese Fäden zu einem virtuosen Gesamtgebilde spannt, das sicher kein Roman im klassischen Sinn ist, wohl aber das Verhältnis von Individuum zu Herkunft, Geschichte und Umwelt aus dem autobiographischen Blick unglaublich klug und mitreißend thematisiert. Carrère schreibt in einem eigenen Genre – und in einer eigenen Klasse.

(Matthes & Seitz Berlin, gebunden, 22,- €)

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Susanne Straßer, So müde und hellwach (Peter Hammer Verlag)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Müüüüde sind sie, die Tiere, und sie liegen schon schön kuschelig im Bett. Nur der Seebär ist plötzlich hellwach: „Ich muss auf’s Klo!“. Und dann geht’s los, das Krokodil, der Pelikan, der Esel, der Fuchs und zuletzt der Igel – sie alle meinen, noch was erledigen zu müssen und tapsen durch die Zimmertür. Schön der Reihe nach – aber wo wollen sie wirklich hin? Und später dann die große Frage: „Wer hat gepupst?“.
Susanne Straßer widmet sich dem Thema Einschlafen ohne didaktischen Zeigefinger – mit einem wunderschönen, inspirierten und saukomischen Buch für alle Schläfer und Nichtschläfer ab 2 Jahre.

(Peter Hammer Verlag, Pappe, 14,90 €)

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Feridun Zaimoglu, Evangelio. Ein Luther-Roman (Kiepenheuer & Wisch)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Einige Monate auf der Wartburg in den Jahren 1521/22, einige wüste Ausflüge nach Wittenberg oder zu Tier- und Menschenjagden sowie zwei sich konträr gegenüberstehende und doch aneinander gebundene Hauptfiguren – mehr Zeit und Raum braucht Feridun Zaimoglu nicht, um einen großartigen Luther-Roman und ein fantastisches Panorama dieser zerrissenen und krassen Zeit zu zeichnen.
In dieser Phase schaut Luther den Leuten aus Maul. In Schutzhaft auf der Wartburg, getarnt als Junker, von Teufelsvisionen geplagt, voller Hass auf Papisten und Juden, mit völliger Missachtung des Aufbegehrens der Bauern nähert er sich seinem großen Projekt der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, Biblia Teutsch. An seiner Seite steht ein fiktiver Landsknecht namens Burkhard, ein harter Kerl, der in vielen Fehden viel Blut gesehen haben muss. In Luther sieht dieser papst- und linientreue Katholik vor allem einen Ketzer, der die Kirche untergräbt und Unruhe im Land stiftet. Und doch ist er seinem Herrn per Eid verpflichtet, Luther zu beschützen.
Zaimoglu geht mit Evangelio in die Vollen. Er zeichnet ungeheuer kraftvoll, mit höchster Hingabe und höchster sprachlicher Kunst das Bild einer Zeit des Glaubens und Aberglaubens und der spätmittelalterlichen Zerwürfnisse. Seine Sprache ist dann auch ein Ereignis für sich: eine Annäherung an die Sprache Luthers und waghalsige Kunstsprache, die „Evangelio“ zu einem großen Leseabenteuer und zu großer Literatur werden lässt. Jawoll!

(Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 22,- €)

 

 

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Lukas Bärfuss, Hagard (Wallstein)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Vom Verfolgen des Verfolgers:
Philip ist Immobilienmakler in Zürich, in seinen 40ern, und vielleicht könnte es ihm „gut gehen“. Und doch: Als er, während er auf einen verspätetet Termin im Gedrängel der Stadt ein Paar pflaumenblaue Ballerinas ausmacht, folgt er der Frau, die sie trägt und die er nur von hinten sieht. Ein Spiel? Eine Laune? Ein Zeitvertreib vielleicht? Nein, Philip geht viel weiter: Seinen Termin wird er nicht wahrnehmen, seine Geschäftsangelegenheiten nicht regeln, seine Assistentin nicht kontaktieren, sich nicht um sein Kind kümmern und schließlich die eigene Ernährung und Hygiene vernachlässigen. 36 Stunden lang wird er auf der Spur dieser für ihn namen- und gesichtslosen Frau bleiben, die Verfolgung erzeugt einen Sog, eine Spiralbewegung, aus der Philip nicht mehr ausscheren kann. Quer durch die Stadt führt sie ihn, zu Fuß, mit der Bahn, in einen Vorort und wieder zurück. Sein Handy-Akku ist leer, seine Uhr bleibt stehen und er verliert einen Schuh. Eine Verwahrlosung, eine Auslöschung vollzieht sich.
Was hält uns im Leben? Wie fragil sind die Verbindungen, die wir mit der Gesellschaft eingehen und wie absurd sind ihre Konventionen, denen wir wie selbstverständlich entsprechen? Was treibt uns an? Was passiert, wenn wir uns ausklinken? Es sind große Fragen um den Zustand des Menschen und des Menschlichen in unserer Zeit, die Bärfuss mit „Hagard“ einmal mehr meisterhaft verhandelt. Ein echter Kunstgriff ist die Erzählhaltung: Die Ereignisse werden berichtet von einem Erzähler, der Philip gekannt haben muss und der gleich zu Beginn anmerkt, er unternehme noch einen allerletzten Versuch, diese seltsame Geschichte aufzuschreiben. Eine rückblickende Position also, die das eigene Scheitern angesichts der Unmöglichkeit des eigenen Vorhabens kalkuliert. Und so überträgt sich auch die Rolle des Verfolgers: Philip folgt der Frau, der Erzähler folgt Philip, der Leser folgt dem Erzähler. Und auf keiner dieser Ebenen kann die Irritation ausgeräumt werden, die diese Geschichte umgibt.
Mit Philip zeichnet Lukas Bärfuss eine bemerkenswerte Verweigerer-Figur, mit einer Poetik der Irritation und Latenz und mit variierenden Erzählmodi, die ein Erzählen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten erlauben, setzt „Hagard“ Maßstäbe in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Spannend, intensiv, ausgefeilt – grandios!

(Wallstein, gebunden, 19,90 €)

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Jonas Lüscher, Kraft (C.H. Beck)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

„Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ (Weshalb ist alles, was ist, richtig und weshalb können wir es immer noch verbessern?).
In der Beantwortung dieser Frage sieht Richard Kraft, ein Tübinger Rhetorikprofessor, die große Chance zur Lösung seiner Probleme. Und die sind nicht eben klein, denn Kraft ist zwar einerseits hochintelligent, brillant, mit zwei Doktortiteln und einem unfassbaren Talent zum „Schwafeln“ ausgestattet. Doch er ist mittlerweile in seinen 50ern und Verschleiß ist am Werke. Sein Alleinstellungsmerkmal in akademischen Kreisen etwa, sein glühender, provokanter Einsatz für Wirtschaftsliberalismus, Angebotspolitik, die Vorstellungen Thatchers und Reagans, ist vom globalisierten Kapitalismus längst einverleibt und radikalisiert worden. Unmöglich, damit noch aufzufallen. Und es gibt da auch noch sein desolates Privatleben: Diverse Kinder aus diversen Beziehungen, mit einer Frau verheiratet, die er nicht will und die ihn nicht will, und ein Berg an Schulden, weswegen sein von Unterhaltszahlungen und Krediten gerupftes Professorengehalt für eine teure Scheidung nicht ausreicht.
Doch dann kommt sie, seine Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sich seiner Frau und seiner Schulden gleichermaßen zu entledigen. Istvan, sein alter Freund und wirtschaftsliberaler Weggefährte aus Studienzeiten in Westberlin, lädt ihn ein nach Kalifornien, um dort an einem Wettbewerb teilzunehmen. Ein superreicher Silicon-Valley-Typ hat ein Preisgeld von einer Million Dollar für denjenigen ausgelobt, der eben jene Frage in einem Vortrag von 18 Minuten am besten beantworten kann: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“.
Kraft macht sich auf nach Kalifornien. Doch es läuft nicht gut an, denn anstatt sich voll auf seine Aufgabe zu konzentrieren, sind es seine Erinnerungen und die Geister der Vergangenheit, die ihn einholen, mit einer supermobilen Silicon-Valley-Gegenwart kollidieren und ihm die Dilemmata seiner Existenz vor Augen führen. Sein Scheitern scheint programmiert.
Jonas Lüscher gelingt ein mitreißender Roman, der sich nicht auf Krafts privates Scheitern beschränkt, sondern eindrucksvoll, voller Dringlichkeit, Tragik und feiner Ironie einem großen Thema verschreibt: Dem Verfall der klassischen Biographie und dem Ringen nach Halt angesichts der Entgrenzung und Verflüssigung von Idealen und Standpunkten in einer unentwegten, selbstbezweckenden globalen Beschleunigung.

(C.H. Beck, gebunden, 19,95 €)

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Daisy Hirst, Alfonso, das macht man nicht! (Aladin)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

„Anfangs gab es Natalie. Dann kam Alfonso dazu.“ Und der kleine Bruder schüttelt Natalies Leben ordentlich durcheinander. Mit ihm kann man zwar echt gut spielen, Tauben gucken und basteln. Manchmal jedoch, und gar nicht mal so selten, geht es einfach durch mit Alfonso. Dann kritzelt er auf Natalies Basteleien oder er beißt einfach hinein. Sogar vor ihrem Lieblingsbuch macht er nicht halt. Nein, das geht eindeutig zu weit, DAS MACHT MAN NICHT. Ob sie sich wieder vertragen? Bestimmt.
Daisy Hirst beschreibt sympathische, pointiert und unglaublich witzig illustriert die Höhen und Tiefen des Geschwisterseins, Streit und Versöhnung – herrlich!

(übers. v. Sophie Birkenstädt, Aladin Verlag, gebunden, 14,95 €)

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Christian Kracht, Die Toten (Kiepenheuer & Witsch)

kracht-_die-totenEine Empfehlung von Gerrit Völker

Irgendwann Anfang der 1930er Jahre: Emil Nägeli, ein Schweizer Filmregisseur, soll mit Geldern der deutschen UFA einen Horrorfilm in Japan drehen. Eingefädelt hat diesen Deal der undurchschaubare Ministerialbeamte Masahito Amakasu, der die Vorherrschaft Hollywoods auf dem japanischen Filmmarkt beenden will. Doch das Filmprojekt wird schließlich gänzlich andere Wege gehen, so verworren und diffus verlaufen wie die Zeiten selbst. Und Nägeli wird am Ende ein anderer Mensch sein.

Mit „Die Toten“ fängt Christian Kracht einmal mehr auf literarisch grandiose Weise die subkutan unter der Weltgeschichte verlaufenden Strukturen und das Ausstrahlen der Ereignisse auf die Personen ein. Wie dieser Roman auf nur etwas über 200 Seiten die Dämonen einer Welt im Wandel aufruft, Technik- und Filmgeschichte inszeniert und wie gekonnt er Nägelis und Amakasus Lebensläufe und gleichsam europäische und japanische Geschichte im Thema Film zusammenführt – das ist schon, hier sei die Floskel  erlaubt, großes Kino. Mit einigen süffisant besetzten Nebenrollen übrigens, nicht nur für Heinz Rühmann und Charlie Chaplin, die hier Slapstick mit hässlichen Fratzen spielen.

(Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 20,- €)

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Anna Weidenholzer, Weshalb die Herren Seesterne tragen (Matthes & Seitz Berlin)

weidenholzer_herren_matthes-seitzEine Empfehlung von Gerrit Völker

Es ist echt so eine Sache mit den Lehrern und dem Ruhestand. Karl Hellmann jedenfalls verfolgt nach seiner Pensionierung folgendes Projekt: Mit einem umfangreichen Fragebogen, der im asiatischen Land Bhutan der Erhebung des Glücks seiner Bevölkerung dient (tatsächlich, das Bruttonationalglück), macht er sich auf in ein Kaff in Österreichs Bergen, um dessen Einwohner zu befragen. Doch auch das mit dem Glück ist so eine Sache, denn Bhutan ist sehr weit weg, der Schnee bleibt aus und mit ihm die Urlauber, die den Ort um diese Jahreszeit beleben sollten. So begegnet Karl Menschen in der Warteschleife: Im Gasthof der Wirtin, an der zur provisorischen Kneipe umfunktionierten Tankstelle ihrem Exmann, im Garten einem Dörfler mit ausgeprägtem Holztick, der die Fragen an seine Frau gleich mit beantwortet, an der Hähnchenbude auf einem Parkplatz, auf einem „Lichtbildvortrag“…

Schnell schon wagt sich Karl nicht mehr von „Glück“ zu sprechen, zu utopisch, „kollektive Lebenszufriedenheit“ scheint adäquat. Auch ist er bei allem geflissentlichen Ernst wahrlich kein Umfrageprofi und als die Umfrageteilnehmer mangels Inspirationen und Vorstellungen für ihr Leben zunehmend Belangloses antworten und so das Bild eines eher tristen Ortes zeichnen,  prallen all die Fragen nach Glück und Zufriedenheit auf Karl zurück. Dabei hat er in seiner Frau Margit eine ständige imaginäre Begleiterin, mit der er stille (Zwie-)Gespräche führt, die in seinen Gedanken andauernd eingreift, ihn korrigiert und mahnt. Und die, nachdem sie das Projekt zusammen mit ihm ausgeheckt und ihn damit entlassen hat, nun nicht mehr auf seine Anrufe reagiert. Wollte sie ihn vielleicht einfach nur loswerden?

Karls Aufenthalt im Bergkaff gerät immer mehr zur eigenen Standortbestimmung und im selben Maße verändert sich der Roman zu einer „Tiefenbohrung in die Seele unserer Gesellschaft, ihrer Ängste, Zweifel und ihres Unglücks“ (Verlag). Inspiriert, komisch und melancholisch, sprachlich wie formal absolut herausragend – toll!

(Matthes & Seitz Berlin, gebunden, 20,- €)

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Heinrich Steinfest, Das Leben und Sterben der Flugzeuge (Piper)

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Eine Empfehlung von Claudia Kürten

Der Spatz Quimp lebt ein durchaus erfreuliches Leben auf einem Pariser Bahnhof. Er ist jung, frei und  neugierig auf das, was ihn erwarten mag, nicht zuletzt von den Weibchen seiner Spezies.

Was merkwürdig ist: Quimp träumt. Und zwar nicht von köstlichem Futter oder künftigem Nestbau, sondern von einem Menschen, genauer einem Kommissar, der zwar Blind heißt, aber nicht blind ist.

Umgekehrt erlebt auch jener Kommissar Blind in seinen nächtlichen Träumen die Welt in Quimps Körper – so auch wie die Dinge aus dem Ruder zu laufen beginnen als Quimp aus heiterem Frühlingshimmel ein sterbender Spatz auf dem Kopf fällt, der ihn mit letzter Kraft auffordert, den legendären uralten Spatzen Pinesits in Wien vor einem Angriff der Menschen auf das Hauptquartier der Sperks (eine ebenso legendäre Kriegerkaste der Spatzen) zu warnen.

Wechselnd mit den Traum- und Wachphasen der beiden Protagonisten wird diese zwei Welten umspannende Geschichte aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt: temporeich, unterhaltsam und mit einer guten Portion Ironie abgerundet. Einer Ironie, die nicht zuletzt dem zeitweise gegensätzlichen Empfinden der Hauptfiguren geschuldet ist, die das Verhalten des anderen zwar nicht beeinflussen, wohl aber kommentieren können… Lesen!

(Piper, gebunden, 25,- €)

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Stephen Davies, Blood & Ink. Die Bücher von Timbuktu (Aladin)

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Eine Empfehlung von Claudia Kürten

Kadija lebt glücklich in Timbuktu. Bis der als Rotbart bekannte islamische Anführer mit seinen Männern, unter ihnen der Hirtenjunge Ali, die Stadt einnimmt und mit Gewalt neue Regeln diktiert: Alle Mädchen älter als 10 dürfen sich nur noch verhüllt in der Öffentlichkeit zeigen, es darf keine Musik mehr gespielt werden, die Moscheen mit ihren „falschen Götzen“ werden verwüstet… Als Kadija und Ali aufeinandertreffen entwickelt sich trotz der dramatischen Situation eine Beziehung zwischen den beiden. Sie reden miteinander, entdecken Gemeinsamkeiten trotz der gewaltigen Vorbehalte vor der Weltanschauung des anderen. Doch dann gibt Kadija ein Geheimnis preis, das Ali nicht für sich behalten kann- und die Existenz der Bücher von Timbuktu steht auf dem Spiel…

Abwechselnd erzählen die beiden Protagonisten ihre Geschichte, äußern ihre Meinungen und die Irritation über die „falschen“ Ansichten des anderen – dadurch wird die Geschichte abwechslungsreich und hilft, den Blick für andere zu schärfen. Spannend und in schöner Sprache erzählt, mit Humor an den richtigen Stellen – lesen! Ab 12 Jahre.

(übers. v. Katharina Diestelmeier, Aladin, gebunden, 14,95 €)

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Jasmin Schäfer, Die Sache mit den Tigerstreifen (Atlantis)

schaefer_tigerstreifen_atlantisEine Empfehlung von Gerrit Völker

Kalle der Tiger begrüßt den neuen Tag und macht sich bereit, um Abenteuer zu erleben. Gesagt, getan. Frühstücken, Zähne putzen, Rucksack packen und auf geht’s. Ein bisschen durch die Gegend wandern und schon beginnen sie,  die Abenteuer: Eine Leiter muss repariert, ein Dach geflickt, eine Brücke ausgebessert, ein Zebrastreifen komplettiert werden… Kalle hilft natürlich gerne, Helfen ist ja super. Und wofür hat er denn seine tollen Streifen im Fell? So verschenkt er für all diese Dinge seine Tigerstreifen, bis er am Ende des Tages keinen einzigen mehr hat. Hmm, jetzt wird Kalle ganz kalt, er ist traurig und kann nicht schlafen. Aber wohl dem, der Freunde hat, und die Rettung kommt per Paketpost!
Ein in Text und Illustrationen wunderschönes Bilderbuch über Freundschaft, Helfen und Gegenseitigkeit. Für Kleine und Große ab 3 Jahre.

(Atlantis, gebunden, 14,95 €)

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Burkhard Spinnen, Das Buch. Eine Hommage (Schöffling & Co.)

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Ein Empfehlung von Gerrit Völker

Das neue Buch und das alte, das unvollständige, das richtige und das falsche Buch, das zurückgelassene, weggeworfene, verbotene, misshandelte Buch, noch viel mehr Bücher, die Bibliothek, die Buchhandlung und das Buch überhaupt. Ausgehend von der Frage, ob wir demnächst die Ablösung des Buches durch digitale Formate erleben werden wie einst das Pferd durch Traktor und Automobil, beschäftigt sich Spinnen vielseitig und klug mit dem Buch und seinem, unserem!, Verhältnis zum papiernen Textträger. Was wir dem Buch antun und was es uns antut, wie wir es bewerten, erwerben, lieben, aufstellen, wünschen, verwünschen, sammeln, behandeln, ordnen, verstecken, was es uns gibt und was es uns nehmen kann: Spinnen erfasst alle denkbaren Facetten der Buchkultur geistreich und sympathisch unaufdringlich. Und am Ende entscheiden wir selbst: Was ist uns dieses Medium wert und was würden wir mit ihm verlieren, welche Formen der Literatur würden gar mit ihm verschwinden?

(mit Illustrationen von Line Hoven, Schöffling & Co., gebunden, 15,- €)

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Bachtyar Ali, Der letzte Granatapfel (Unionsverlag)

ali_granatapfelEine Empfehlung von Gerrit Völker

Einundzwanzig, diese Zahl nimmt im Leben des ehemaligen Peschmerga-Kämpfers Muzafari Subhdham eine besondere Bedeutung ein: 21 Jahre ist es her, dass er seinen Vorgesetzten Jakobi Snauber vor Regierungstruppen rettete und selber dabei in Gefangenschaft geriet. Es folgen 21 Jahre Einzelhaft in einem Knast in der Wüste, deren Kargheit, Einsamkeit und Schönheit Muzafari und seine Gedanken fortan prägen sollen. Und 21 Jahre lang hat er auch seinen Sohn Saryasi, den er als Kleinkind verlassen hatte, um zu kämpfen, nicht mehr gesehen. Niemand außer Jakobi Snauber weiß, wo er sich in diesen Jahren aufhält, man hält ihn für tot und vergisst ihn.

Und Snauber, die Revolution hat ihn reich und mächtig gemacht, ist es auch, der den Verschollenen schließlich befreit und in eines seiner Anwesen bringt. Doch hier hält es ihn nicht lange; er bricht auf, um seinen Sohn zu suchen und so beginnt eine atemberaubende Odysee, die Muzafari tief durch die Geschichten, Orte und Landschaften des kurdischen Nordiraks zu letztlich drei möglichen Söhnen (ein Marktverkäufer, ein in Isolationshaft sitzender Kämpfer und ein vom Krieg entstellter Zivilist, alle sind gleich alt und heißen Saryasi Subdam, alle hatten einen gläsernen Granatapfel in ihrer Kinderwiege), tief in seine eigene Vergangenheit, zurück zu Jakobi Snauber und schließlich an Bord eines Flüchtlingsschiffes auf dem Mittelmeer führt, wo er den Mitreisenden eben diese Geschichte erzählt.

„Der letzte Granatapfel“ ist ein großer Roman, der gleichermaßen wuchtig wie empathisch ist. Indem er Muzafari mit jedem der drei Saryasis seine mögliche Vaterschaft durchspielen lässt, gelingt Ali eine ungewöhnliche Generationengeschichte. Das Motiv der Versöhnung mit der jüngeren Generation und seines eigenen Handeln und Denkens gerät für Muzafari zunehmend in den Vordergrund und wird zum moralisch-existentiellen Antrieb. Als Erzählreigen angelegt, bedient sich der Roman ebenfalls der Traditionen des orientalischen Erzählens. Eine leidenschaftliche Sprache, märchenhafte und philosophische Einschübe, das Verhandeln der ganz großen Fragen unserer Existenz und großartige Szenen und Bilder machen aus diesem Roman bei allem Schrecken und Elend, von dem er erzählt, ein literarisches Ereignis und etwas zeitlos Lebendiges.

(übers. v. Ute Cantera-Lang u. Rawezh Salim, Unionsverlag, gebunden, 22,- €)

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Nis-Momme Stockmann, Der Fuchs (Rowohlt)

Cover_Stockmann_RowohltEine Empfehlung von Gerrit Völker

Wow, auch als Buchhändler kommt es selten vor, dass man nachts um 0:58h auf die Uhr sieht, nachdem man die Lektüre für diesen Tag nach 161 Seiten mit den wunderbaren Sätzen „Sie liest die Vorgänge. Deutet sie. Gestaltet sie bei Bedarf. Surft auf der Wirklichkeit. Flüstert ihr ihre Wünsche ins Ohr. Und die Wirklichkeit hört nickend zu und tut alles, um es möglich zu machen.“ beendet, sich fragt, was zum Teufel man da gerade Unglaubliches liest und sich einfach nur auf die folgenden etwa 550 Seiten freut.

So geschehen mit dem Roman „Der Fuchs“, mit dem Nis-Momme Stockmann in die Vollen geht:
Thule, ein Kaff an der deutschen Nordseeküste, versinkt im Meer. Eine Springflut überschwemmt das Land, verschluckt die Kleinstadt mit all ihren Straßen, Gebäuden, Existenzen. Menschen und Tiere sind den Naturgewalten ausgeliefert, Gegenstände und Leichen treiben im Wasser. Gleichzeitig ist es heiß, die Sonne brennt. Finn Schliemann schafft es mit einigen anderen auf das Dach eines Hauses (wo es fatalerweise zwar ein Gewehr, aber keinen Schatten und kein Trinkwasser gibt) und blickt auf das Chaos. Wie konnte es dazu kommen? Finn muss einige Jahre zurückdenken an seine Zeit mit Katja, die auf einmal da war, auf der Wirklichkeit surfte und Finn nicht nur vor den Baschis, Thules sadistischen Dorfschlägern, rettete, sondern ihn mit ihren kruden Erzählungen und Theorien von etwas Größerem spinnen ließ: Thule sei der Ort eines Kampfes von kosmischem Ausmaß, eine Gruppe von Agenten überwache den Fortgang der Geschichte nach den Maßgaben einer strengstens geregelten Agenda. Katja und Finn seien Auserwählte, die sich gegen diese Totalität stemmen müssten. Und tatsächlich: Ein abgetrennter Arm, Schwärme von Käfern und seltsame Symbole tauchen auf, ein unheimlicher Klingenmann tritt auf den Plan. Menschen sterben. Spooky. Ist alles nur kindliche Spinnerei, gepaart mit den Zufällen des Ortes? Ist Finn nur das Opfer von Katjas Hirngespinsten, möchte er doch nur allzu sehr der Ödnis Thules und seiner traurigen Familie ohne Vater, mit behindertem Bruder und abgestumpfter Mutter entkommen? Oder ist etwas dran an jenen Geschichten, die Katja und Finn in einem Buch festhalten und die für beide nicht gut enden werden? Denn immerhin hat Katja die Katastrophe kommen sehen…

Für die große Flut reißt Stockmann die Schleusen des Erzählens weit auf. Auf seiner Rahmenebene ist „Der Fuchs“ ein Katastrophenroman, der vom Überleben und Sterben mit allen Abgründen und Widerlichkeiten im Augenblick der Katastrophe handelt. Doch indem Finn die alten Geschichten erinnert, zunehmend delirierend weiterspinnt und aktualisiert, erschließen sich Ebenen, die aus diesem Roman ein vielstimmiges, komplexes und grandios konzipiertes Werk werden lassen. So beinhaltet er eine Art Chronik des fiktiven Thule, erzählt von den Menschen, von Deichbauern, von Kindern und Familien und vererbtem Leid, Lehrerinnen, Künstlern, dem Stadtrat. Und er erzählt von babylonischen Göttern, deren konkurrierende Schöpfungsmodelle in genau jenen Kampf und jene Ereignisse zu münden scheinen, die Katja und Finn sich verschwören, verraten und verlieren lassen. Finn, der Fuchs, gräbt als Erzähler Tunnel von Ebene zu Ebene, verbindet und kanalisiert sie zu dieser einen, ganz großen Erzählung, die letztlich doch nur Fragment sein kann.

Nein, es ist natürlich ganz und gar nicht leicht und letztlich wohl unmöglich, auf der Wirklichkeit zu surfen, sie zu beugen oder gar zu entwerfen. Das müssen die Menschen in diesem Roman ebenso erfahren wie die Götter. Und leicht ist die Lektüre dieses inhaltlich wie formal anspruchsvollen Buches auch nicht immer, soll sie auch nicht sein. Fiktion und Wirklichkeit, Erinnern und Erzählen, Kontingenz und Raster, Ödnis und Fantasie, Fortlauf und Gleichzeitigkeit, Bild, Abbild und Trugbild: „Der Fuchs“ verhandelt mal ernsthaft und mal komisch, mal eifernd und mal schnodderig, mal schön und mal brutal die ganz großen Fragen. Und man darf rätseln, ob (sorry Hamlet!) die Zeit wirklich aus den Fugen gerät oder ob das nicht vielmehr nur eine Frage der Perspektive ist, der Seite, auf der man steht. Vielleicht ist das vermeintliche Chaos doch Teil einer großen Ordnung? Vielleicht ist die Zeit und mit ihr die Welt auch überhaupt niemals in irgendwelchen Fugen gewesen? „Der Fuchs“ öffnet Räume, lässt vieles zu und an vieles denken. Literatur eben, und zwar besonders gute!

(Rowohlt, gebunden, 24,95 €)

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Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes (Matthes & Seitz)

Carrère_Reich_Matthes SeitzEine Empfehlung von Gerrit Völker

Emmanuel Carrère verfolgt schon seit einigen Jahren ein Erzählkonzept, das sich einer einfachen Kategorisierung entzieht: Mit „Limonow“ lotet er die erzählerischen Möglichkeiten einer extremen historischen Biographie aus und „Alles ist wahr“ erzählt anhand der Tsunami-Katastrophe in Ostasien, die Carrère selbst erlebt hat, wie zufällige Ereignisse in die eigene Biographie und die Art und Weise, sich und seine Umwelt zu reflektieren, eingreifen können. Und nun: „Das Reich Gottes“, ein Buch, das auf über 500 mehr als lesenswerten Seiten so etwas wie die Frage aller abendländischen Fragen stellt, nämlich die nach den Zusammenhängen von Religion und Sein in der westlichen Welt.

Ausgehend von einem Tischgespräch mit Filmleuten, bei dem es unter anderem um den Anachronismus geht, dass christlich-religiöse Aspekte im 21. Jahrhundert noch immer einen so großen Einfluss auf Individuum und Gesellschaft ausüben, folgt Carrère zunächst jenen Spuren, die Religion und Glauben in seinem eigenen Leben hinterlassen haben. Dreh- und Angelpunkt ist eine persönliche Krise Anfang der 1990erjahre, in der Carrère sich auf fundamentale Weise dem Christentum und dem Studium der Evangelien zugewandt hat. Er kramt die Tagebücher aus dieser Zeit hervor, die eher Glaubenssätzen als Lektüreerfahrungen ähneln und ihm aus seiner heutigen Sicht etwas peinlich sind (er hatte sie vor Jahren schon in der hinterletzten Ecke seiner Wohnung verstaut). Doch er verharrt nicht auf dieser Ebene, sondern begibt sich in die früheste Zeit des Christentums, das er zum Zeitpunkt seines Entstehens mit einiger Berechtigung als „jüdische  Sekte“ bezeichnet. In diesen großartigen Passagen liest sich „Das Reich Gottes“ wie ein Abenteuerroman, dessen Hauptfiguren der Apostel Paulus, Typ bärbeißiger Reiseprediger, und der Evangelist Lukas, Typ suchender Intellektueller, sind. Seine Quellen, die weit über die Hinweise des neuen Testaments hinausgehen, nennt er präzise, beugt sie aber im Zweifelsfall, um persönliche Prioritäten als Erzähler zu setzen. Die erste Generation von Menschen, die ihr Leben und ihre Weltanschauung auf die Überlieferung der Lehre Christi gründeten, benutzt Carrère wiederum, um sie mit der heutigen Zeit rückzukoppeln: Was ist davon geblieben? Welche Ursubstanz hat zwei Jahrtausende überstanden? Welchen Platz nimmt die Religion ein? Und die Frage nach dem eigenen Glauben, nach der Motivation seines Erzählens, klärt er auch:

„Nein. Nein, ich glaube nicht, dass Jesus auferstanden ist. Ich glaube nicht, dass ein Mensch von den Toten zurückgekehrt ist. Aber man kann es glauben, und dass ich es selbst geglaubt habe, weckt meine Neugier, fasziniert, verwirrt mich, wirft mich aus der Bahn – ich weiß nicht, welches Verb hier am besten passt. Ich schreibe dieses Buch, um mir nicht einzubilden, als Nichtmehrgläubiger mehr zu wissen als jene, die glauben, und als ich, da ich selbst noch glaubte. Ich schreibe dieses Buch, um mir selbst nicht zu sehr recht zu geben.“

Das finden wir auch: Emmanuel Carrère hat ein glanzvolles Buch verfasst, das dokumentarisch wie fiktional, autobiographisch wie philosophisch, intim wie reflektiert Fragen von Bedingungen, Möglichkeiten und Paradoxien des christlichen Glaubens in Gegenwart und Antike nachgeht. Mit „Das Reich Gottes“ macht er ein großes Fass auf – sehr spannend und eine große Leseerfahrung!

(übers. v. Claudia Hamm, Matthes & Seitz Berlin 2016, gebunden, 24,90 €)

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Eva Schmidt, Ein langes Jahr (Jung und Jung)

Eva Schmidt_Jung und JungEine Empfehlung von Gerrit Völker

Eine Siedlung und ihre Bewohner, ein Hochhaus, Einfamilienhäuser. Ein langes Jahr. Mehr Raumund Zeit braucht die österreichische Autorin Eva Schmidt nicht, um einen wunderbar reduzierten und in seiner ruhigen Art dennoch bewegenden Roman zu schreiben.

Suburbia, die Vorstadt – welcher Ort könnte mehr für ein Leben außerhalb des Spektakulären stehen? Und welcher Ort wird von der altbauberlinhamburgleipzigbegeisterten Gegenwartsliteratur so sehr links liegen gelassen? Normalität, Sorgen, wenig Glanz, keine Meisterwerke, keine Unsterblichkeit, die Zeit vergeht langsam aber bestimmt. Und doch, Eva Schmidt lässt sich auf diese Topographie ein, denn sie erkennt in ihr ein erzählerisches Potenzial: Die Vorstadt erzeugt Sehnsüchte. Bezeichnenderweise stellt sie ihrem Roman ein Zitat aus Robert Walsers „Rose“ voran („Sehnsüchtig sein heißt nicht wissen, wohin man möchte.“) und überschreibt das letzte der 38 kurzen Kapitel mit „Der schönste Platz auf der Welt“.

Alles beginnt distanziert, abwartend, Erzählen wie aus der Kameraperspektive und Eva Schmidt lässt ihren Ort buchstäblich erst einmal erwachen. Nach und nach treten, einem Versuchsaufbau gleich, einzelne Personen auf. Der ziellose Sohn aus reichem Hause. Ein Mann, der mit dem Fernglas seine Nachbarin beobachtet und eine Waffe besitzt. Der Junge Ben, der sich einen Hund wünscht, seine alleinerziehende Mutter, sein Freund Joachim, seine Vater und der alte Herr Agostini. Karin, die sich ein Seil und eine Leiter kauft. Auch eine Ich-Erzählerin taucht auf. Ein Ende das keines ist. Mit fortschreitendem Verlauf ergeben sich Zusammenhänge und eine Handlung entwickelt sich ebenso wie eine Empathie des Erzählens, ohne dass die Perspektive des Beobachtens verlassen wird.

Eva Schmidt hat seit fast 20 Jahren (!) kein Buch mehr veröffentlicht und ist eine echte Wiederentdeckung. „Ein langes Jahr“ ist eine Prosa von bewundernswerter Klarheit, die auf überflüssige Sprachergüsse ebenso wie auf spektakuläre Effekte sehr gut verzichten kann. Aus den alltäglichen Dingen, aus Nachbarschaften, Sehnsüchten, Möglichkeiten und Hemmnissen webt Eva Schmidt gekonnt die Textur einer Siedlung. Und umgekehrt, die Siedlung wird zur formalen Referenz für den Text. Es gelingt ein Roman, der schlicht vom Leben handelt: Beobachtendes Schreiben von feinsinniger Erhabenheit.

(Jung und Jung, gebunden, 20,- €)

WIR FREUEN UNS AUF DIE AUTORIN: Eva Schmidt liest in der Maternus
Donnerstg, 12. Mai 2016 | 19:30h | Eintritt: 10,- €

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Aleš Šteger, Archiv der toten Seelen (Schöffling & Co.)

Steger_Archiv_der_toten_Seelen+KopieEine Empfehlung von Gerrit Völker

Slowenien? Maribor? War da was? Aber ja, eine ganze Menge, wie Bürgermeister Voda meint: Maribor sei Hauptstadt der Bratkartoffel, Ausrichtungsort internationaler Turniere in Jiu-Jiutsu und Ultimate Frisbee, sowie eines Europäischen Jägerkongresses. In Maribor steht Sloweniens Nationaltheater. Und ja, natürlich, Maribor ist 2012 Kulturhauptstadt Europas. Was der Bürgermeister nicht aufführt, was aber in Aleš Štegers famosen Roman „Archiv der toten Seelen“ sehr wohl eine Rolle spielt: Diese Ecke Europas war in ihrer wandelvollen Geschichte auch ein Ort von Kriegen, von abscheulichen und grausamstem Verbrechen und Gemetzeln. Doch wer sollte schon daran rühren, wenn die Gegenwart doch Kulturhauptstadt heißt.

Karneval 2012: In Maribor setzt sich eine Vermarktungsmaschinerie in Gang und die „wichtigen“ Bürger der kleinen Stadt wittern den großen Reibach. Dreist klüngeln Politiker, Gastronomen, Wurstproduzenten, Kulturmenschen vor sich hin. Genau zu diesem Zeitpunkt tauchen zwei seltsame Gestalten auf: Ein ehemaliger Scientologe und eine vorgebliche Journalistin sind auf der Suche nach den 13 Mitgliedern des „Großen Ork“, einer großen Weltverschwörung, die sich in Maribor manifestieren soll. Ein Befragter nach dem anderen dreht nach dem Interview durch. Maribor gerät in Aufruhr und die Spur des Ork führt über skurrile Gestalten und groteske Situationen tief hinein in Sloweniens und Europas düstere Abgründe. Und das ist nicht alles, es kommt zu einem wahrhaft abgefahrenen Showdown im ehrwürdigen Nationaltheater…

Štegers Roman schafft es, dem System eines aufgeblasenen und oberflächlichen Kulturevents auf kluge Weise den Spiegel vorzuhalten, indem er es mit der Geschichte und dem unerlösten Leiden des Ortes konfrontiert. Er bezieht sich auf Klassiker wie Bulgakow, Gogol, Bely oder Bachtin, ohne verkopft zu wirken. Im Gegenteil: „Archiv der toten Seelen“ kommt als metaphysischer Thriller daher und baut eine wunderbare Verschwörungstheorie auf. Und im selben Zuge wird all das persifliert, ins Groteske gesteigert, wobei Šteger den Trash keinesfalls scheut, sondern als eine unsere Zeit prägende Erscheinung brilliant und komisch in seine Erzählung integriert. Das macht „Archiv der toten Seelen“ zu einem lebendigen, kraftvollen und bereichernden Leseerlebnis.

Karneval? Bereicherung Einiger auf Kosten der Allgemeinheit? Trash? War da was? Aber ja, wie wir meinen. „Eine Stadt überall“ lautet das Motto von Štegers Signatur. Und man möchte sich gar nicht ausmalen, was hier wohl los gewesen wäre, wenn KÖLN tatsächlich einmal, wie einige „wichtige“ Bürger es ernsthaft vorhatten, Kulturhauptstadt Europas geworden… Nein, Schluss damit. Lesen Sie Aleš Štegers „Archiv der toten Seelen“!

(übers. v. Matthias Göritz, Schöffling & Co., gebunden, 22,95 €)

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Mircea Cărtărescu , Die schönen Fremden (Zsolnay)

978-3-552-05764-7-Cover-Web-Standard-278x454Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was ist das? Mircea Cărtărescu, der große rumänische Erzähler, dessen Mega-Romanprojekt „Orbitor-Trilogie“ zu den absolut großartigsten, aber auch irritierenden Leseerfahrungen zählt, die man in der gegenwärtigen Weltliteratur machen kann, überrascht mit drei äußerst komischen und kurzweiligen Erzählungen. Er richtet, ausgehend von erlebten Begebenheiten, seinen Blick auf die Absurditäten des Literaturbetriebs und jenen, die sein Leben als Schriftsteller und als Rumäne mit sich führt.

Als Triptychon angelegt, bildet die titelgebende Erzählung „Die schönen Fremden (oder Wie ich ein Dutzendschriftsteller war)“ den furiosen Mittelteil. Cartarescu berichtet hier von einer Lesereise, die ihn und elf weitere rumänische Autoren in das „für sein Interesse an der Kultur anderer berühmte Frankreich“ verschlägt. Unter anderem geht es da nach Castelnaudary, „die Welthauptstadt der Haxen mit Bohnen“. Und, nun ja, auch im gelobten Land der Literatur werden die tapferen Zwölf konfrontiert mit eben den Absurditäten des Schriftstellerdaseins (enger Terminplan, Reisestrapazen, seltsame Interviews (oder noch schlimmer: unterbundene Interviews), seltsames Publikum) und des Rumäne-Seins (Sprachbarrieren, befremdlich-exotistische und absolut sinnfreie Folklore-Darbietungen und weitere Demütigungen, Minderwertigkeitsgefühle). Und auch das Essen hält so gar nicht, was man sich verspricht. Diese Erlebnisse steigern sich bei Cărtărescu bis ins Groteske, sein irgendwo zwischen heiter-ironisch und geistreich-ätzend sich bewegender Stil treibt wahre Höhepunkte des Erzählens hervor.

Auch die flankierenden kürzeren Erzählungen wimmeln vor so realen wir grotesken Szenen: „Anthrax“ erzählt von einem an Cărtărescu gerichteten seltsamen Brief aus Dänemark, von Briefanschlägen, kafkaesken Erlebnissen mit der Bukarester Kriminalpolizei und einer völlig durchgeknallten Kunstaktion. Und „Wie in Bacovia“ schließlich berichtet von der von absolut fatalen Umständen begleiteten Lesung eines sehr jungen und sehr, sehr hungrigen Cărtărescu im Rumänien der Vorwendezeit. Eine Geschichte, aus der unser Autor ein etwas verbeult hervorgehen wird.

Mit leichter Feder und großer Lust am Erzählen schildert Cărtărescu die grotesken Erfahrungen des Lebens aus der Sicht des Schreibenden. Toll und speziell ist, dass er dabei seinen genialischen Gestus nicht zurücknimmt, sondern ihn ironisiert, indem er ihn auf die profanen Ereignisse treffen lässt. Und so kann er alles, was es braucht, um gut und saftig über den Literaturbetrieb und das Autorendasein zu schreiben: Er kann plaudern, ironisieren, ätzen, klugscheißen, bereuen, leiden, abfeiern, aus der Hüfte schießen, gewinnen, verlieren, Hirngespinste aufbauen und wieder einstürzen lassen – und herausragend klug unterhalten.

(übersetzt von Ernest Wichner, Zsolnay, gebunden, 21,90 €)

 

 

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Benji Davies, Opas Insel (Aladin)

Aladin_DaviesEine Empfehlung von Gerrit Völker

Wo sind unsere Liebsten, wenn sie einmal nicht mehr bei uns sind? Auf einer wunderschönen, herrlich warmen Insel bestimmt, mit vielen vielen exotischen Pflanzen und Tieren, die vor Licht und Farben nur so leuchtet und auf der die Zeit einfach anders vergeht.

Opa möchte Sam etwas zeigen: Eine Tür führt von seinem Dachboden direkt an Deck eines Ozeandampfers. Und ab geht die Fahrt, bis eine tropische Insel im Ozean auftaucht. Hier richten sich die beiden ein und verbringen eine gute Zeit zusammen: Sie erkunden, schwimmen, malen, genießendas Leben… Bis Opa sagt: „Weißt du… ich würde gern hierbleiben.“ Einsam wird es ihm hier sicher nicht – und so tritt Sam die Rückfahrt alleine an. Und irgendwie ist ihm Opa doch immer ganz nah.

Benji Davies‘ neuester Geniestreich erzählt in ruhigen Worten, frei von Kitsch und Schwermut eine wundervolle, rührende und versöhnliche Geschichte vom Verlust des geliebten Opas. Und seine unglaublich schönen Bilder geben die Stoßrichtung dieses außergewöhnlichen Bilderbuchs vor: Es ist eine Feier des Lebens.

Für kleine und große Leser ab 4 Jahren.

(übers. v. Johanna Hohnhold, Aladin, gebunden, 12,95 €)

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Ludwig Fels, Die Hottentottenwerft (Jung und Jung)

Fels_Hottentottenwerft_Jung und JungEine Empfehlung von Gerrit Völker

Ludwig Fels‘ „Die Hottentottenwerft“ ist ein herausragender Roman und einer der interessantesten Titel der letzten Monate. Er bietet ein großartiges literarisches Erlebnis, indem er von Liebe erzählt, ohne kitschig zu sein, indem er ein Afrika-Abenteuer erzählt, ohne klischeehaft zu sein und indem er deutsche Kolonialgeschichte erzählt, ohne in einen lehrerhaften Ton zu verfallen. Und er ist in einer grandiosen, ebenso wuchtigen wie luziden Sprache geschrieben.

1903: Crispin Mohr macht sich auf, um den schwierigen familiären Verhältnissen und einer unglücklichen Liebe in seiner Heimat Pappenheim zu entkommen. Nach Afrika geht es, als Kavallerist in Deutsch-Südwest. Er träumt davon, von Reich und Kaiser belohnt zu werden, hier siedeln und seine Mutter nachholen zu können, wenn er einige Zeit dient. Doch der fremde Kontinent und die Realitäten der deutschen Kolonie empfangen ihn weniger offen als erhofft. Und es passiert ihm, was aus einem militärisch-kolonialen Selbstverständnis heraus nicht passieren darf: Er verliebt sich vom Fleck weg in Hulette, Enkelin eines afrikanischen Stammesoberen und „Hausmädchen“, besser Sklavin, seines vorgesetzten Offiziers. Auch hier erweist er sich als so naiv wie standhaft. Erst, als alles zu spät ist, wird er erfahren, ob seine Liebe von ihr erwidert wird. Doch er hält daran fest, träumt von einem friedlichen Farmleben mit Hulette und versucht, sich gegen brutale Widerstände zum Helden seiner eigenen Geschichte aufzuschwingen.

„Die Hottentottenwerft“ hält zum einen die brutale und zynische Seite des deutschen Kolonialismus in den Monaten vor dem Herero-Aufstand fest. Dabei überwiegt jedoch keineswegs das Dokumentarische: Fels nutzt diesen historischen Kontext vielmehr, um einen wahrhaft „gewaltigen Roman (…) über Sehnsucht und Stolz und das Drama einer Liebe ohne Zukunft“ (Klappentext) zu schreiben. Und das tut er auf grandiose Weise. Wie er die stoische Energie seines modernen Sisyphos auf die Ebene des Textes und auf seine Sprache überträgt, wie er empathisch seinem Protagonisten folgt und dessen Geschichte doch konsequent bis zum Ende erzählt – das findet man sonst in dieser literarischen Qualität im deutschsprachigen Raum vielleicht nur bei Feridun Zaimoglu und das macht ihn zu einem im besten Sinne eigensinnigen und großartigen Autor.

(Jung und Jung, gebunden, 24,90 €)

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Feridun Zaimoglu, Siebentürmeviertel (KiWi)

9783462047646_5Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Feridun Zaimoglu gehört ohne Zweifel zu den interessanten, markanten und wirklich relevanten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Und „Siebentürmeviertel“ bildet einen erzählerischen Höhepunkt in seinem wunderbar eigensinnigen Werk. Was hier auf rund 800 Seiten inhaltlich, sprachlich und formal entfacht wird, kann, wenngleich es einem dieser Roman nicht leicht macht, in einen wahren Leserausch führen. „Siebentürmeviertel“ ist ein Monolith, der sich meilenweit über den realistisch-sentimentalen Einheitsbrei unserer Tage erhebt.

Erzählt wird die Geschichte des deutschen Jungen Wolf, der 1939 mit seinem Vater in die Türkei emigriert. Während es seinen Vater weiterzieht nach Ankara, bleibt der Sechsjährige bei einer türkischen Gastfamilie zurück im Siebentürmeviertel, einem alten und armen Stadtteil von Istanbul. Hier ist Abdullah Bey, Wolfs Ziehvater, das Familienoberhaupt und überdies eine schillernde Instanz im Viertel. Mit Abdullahs Rolle wird Wolf erst Stück für Stück im Laufe des Geschehens konfontiert.

Erzählt wird auch die Geschichte des Siebentürmeviertels in den 1940er jahren, gleichsam eine Hauptfigur des Romans, seiner Bewohner aus vieler Herren Länder, ihrer Stimmen, Mythen und ihrer innerhalb der jungen und sich modernisierenden türkischen Republik archaisch anmutenden Bräuche und Riten. Hier leben Türken, Kurden, Griechen, Armenier, Tschetschenen innerhalb der engen Grenzen des Viertels. Und sie alle tragen ihre Erwartungen, ihre Ablehnung und ihre Sympathie an Wolf heran, der hier ein Exot ist und sich im wahrsten Sinn durchschlagen muss.

Über zehn Jahre begleitet der Roman Wolf, der als Jugendlicher schließlich auch mit dem bürgerlichen modernen Istanbul in Kontakt tritt. Doch das Siebentürmeviertel lässt ihn nicht los.

Es ist die Vielstimmigkeit dieses Romans, gezähmt durch das strenge szenische Arrangement der einzelnen Kapitel, die Vielzahl seiner gekonnt verknüpften Handlungsfäden und Erzählstränge, die ein andauerndes wundervolles Wispern und Raunen erzeugen. „Siebentürmeviertel“ brodelt von der ersten bis zur letzten Seite – groß!

(Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 24,99 €)

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Sascha Reh, Gegen die Zeit (Schöffling & Co.)

g-Reh-Sascha-Gegen-die-ZeitEine Empfehlung von Gerrit Völker

Vergangene Zukunft: Diese Bezeichnung umfasst Zukunftsvorstellungen und -modelle der Geschichte, die in ihrer Zeit relevant und visionär sein können, aber nicht immer direkten Niederschlag in den historischen Ereignissen finden und von diesen oft eingeholt werden. In seinem dritten Roman birgt Sascha Reh ein Erzählkonzept mit hohem literarischen Potenzial, indem er sich solchen vergangenen Zukunftsentwürfen anhand politischer und technischer Utopien 1970er-Jahre und ihrer Konfrontation mit der Realität widmet.

Chile ist Anfang der 1970er Jahre unter seinem Präsidenten Salvador Allende Experimentierfeld und Projektionsfläche für politische Visionen. Auch Hans Everding, ein junger deutscher Industriedesigner, begibt sich ins Land, um im Projekt „Cybersin“ mitzuwirken, dessen Ziel die Steuerung der gesamten Produktion des Landes mittels eines Computersystems ist. Sozialismus, Vernetzung und Kybernetik lauten die Zauberworte und der Idealismus des jungen Teams ist stark genug, um mangelhafte technische und finanzielle Möglichkeiten durch Improvisationskunst halbwegs auszugleichen. Hans ist voller Elan und außerdem verliebt in seine Kollegin Ana – gute Zeiten scheinen sich anzukündigen.

Natürlich kommt alles anders: Am 11. September (!) 1973 putscht das Militär und schafft die Grundlagen für eine Diktatur, die bis 1989 anhalten wird. Hans und ein Kollege versuchen, die gesammelten Daten des Projekts in Sicherheit zu bringen. Doch für Datensammlungen, und das lässt den Roman so aktuell wirken, interessieren sich die Mächtigen egal welchen Systems. Der Putsch bereitet „Cybersin“ ein schnelles Ende stellt Hans und das Projektteam vor eine veränderte, brutale Gegenwart. Genau diese historische Schwelle, diesen Punkt totaler Ungewissheit, nimmt der Roman zum Ausgangspunkt des Erzählens und beginnt eindrucksvoll:

„Während draußen geschossen wurde, blieb ich in meinem Zimmer, hungrig, in dumpfer Sorge vor einer Infektion, in Gedanken bei Ana. Ich tat nichts als darauf zu warten, dass sie mich holten.“

Hans, der schließlich vom Militär verhört wird (diese Szenen gehören zu den stärksten Seiten des Romans), findet sich auf einmal in einem chaotischen, ihn seine fremde Herkunft spüren lassenden Land wieder. Auch seinen ehemaligen Kollegen kann er nicht mehr trauen – und was ist mit Ana?

Wer Sascha Rehs Roman „Gibraltar“ kennt, weiß, wie gekonnt er die Irritation, das Zersplittern von Gegenwart, den Wechsel von Vorzeichen literarisch zu inszenieren vermag. Das gelingt ihm mit „Gegen die Zeit“, wo Bezüge von System und Biographie, Utopie und Geschichte, Realität und Fiktion verhandelt werden, einmal mehr auf grandiose Weise. Er erspart uns dabei eine übermäßige Psychologisierung seiner Figuren und die Romantisierung ihrer Ideale; sein Erzählstil ist nüchtern und unverzärtelt. Durch seinen gut ausgestalteten Spannungsbogen, die spektakuläre retro-futuristische Kulisse und die Aktualität seines Themas in Zeiten systematischer Datenspeicherung steckt ohnehin jede Menge Stoff in diesem vielschichtigen und außergewöhnlichen Roman.

(Schöffling & Co., gebunden, 21,95 €)

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Karin Kalisa, Sungs Laden (C.H. Beck)

Sungs Laden_C.H. BeckEine Empfehlung von Claudia Kürten

„Gute Laune herrscht in Berlin! Eine Utopie, natürlich. Aber von unserer Gegenwart gar nicht so weit entfernt.“

In Minhs Schule soll ein Fest der Kulturen stattfinden. Kurz vor Weihnachten ist der Terminplan eng, so entscheidet der findige Direktor: Aus jeder an der Schule vertretenen Nation (21) soll ein Kind einen Alltagsgegenstand (kein Essen!) mitbringen und darüber zwei Minuten lang referieren.

Minhs Vater Sung, ein in Berlin geborener, studierter Archäologe und Inhaber des von seinen Eltern gegründeten vietnamesischen Ladens, schickt Minh mit diesem Ansinnen zu ihrer Großmutter Hièn.

Diese zögert nicht lange, packt ihre Wassertheaterpuppe Thuy ein und begleitet Minh zu seiner Schule um dort den Kindern und Lehrern eine märchenhafte Geschichte zu erzählen, von Liebe und Krieg und einem Land, das dem Wasser gehört und einer Frau, die von dort in die Fremde aufbrach…

Dieses Märchen zieht in der Wirklichkeit des heutigen Berlins unerwartete Folgen nach sich: Parkwächter tragen Kegelhüte, eine Kunstlehrerin bastelt mit ihren Schülern Wassertheaterpuppen, ein trauriger Tischler lernt das Lächeln, ein Zahnarzt öffnet seine Praxis zur sonntäglichen Gratis-Behandlung der mittellosen Patienten… und das ist erst der Anfang!

Diese absolute Wohlfühlgeschichte verliert durch ihren märchenhaften Erzählton nicht an Glaubwürdigkeit. Die Figuren in Kalisas Geschichte sind keine Gutmenschen, keine Idealisten, es sind Menschen mit all ihren Ecken und Kanten die „einfach nur“ den Spaß im friedlichen Multi-Kulti-Alltag entdecken. Und so wachsen die unglaublichsten Verbindungen und tragen die schönsten Blüten. Der Leser folgt mit Freude dieser so charmanten Utopie.

(C.H. Beck, gebunden, 19,95 €)

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Ralf Rothmann, Im Frühling sterben (Suhrkamp)

Rothmann_Frühling_SuhrkampEine Empfehlung von Gerrit Völker

„Milch ist kriegswichtig.“ Und es wird doch, der Krieg ist doch bald vorbei, ohnehin keiner mehr eingezogen. Das denken die 17-jährigen Melker und Freunde Walter und Fiete und begeben sich zu einem Fest, dass die SS in der norddeutschen Provinz schmeißt. Doch es ist Februar 1945 und niemand wird verschont, weil es nichts mehr zu verlieren gibt. Und so werden die beiden zwangsrekrutiert und an die Front nach Ungarn gebracht. Walter wird Fahrer und Fiete muss kämpfen. Der Krieg tobt, ist sinnlos, grotesk. Walter fährt durch surreal anmutende Kriegslandschaften, während Fiete desertiert, aufgegriffen und exekutiert wird. Walter wird in diesem Krieg eine einzige Kugel abfeuern, als Teil des Erschießungskommandos gegen seinen Freund.

Von der brutalen Macht des Zufalls erzählt dieser große Roman, von der Sinnlosigkeit der letzten Kriegsmonate, von generationenübergreifenden zerrütteten Biographien und den Traumata des 20. Jahrhunderts. Aber er erzählt auch von Freundschaft, von Liebe und von der Schönheit der Natur. Und er tut dies mit einer wundervollen Klarheit seiner Sprache und Poetik und mit großer Verbundenheit zu seinen Figuren Walter und Fiete.

(Suhrkamp, gebunden, 19,95 €)

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Davide Longo, Der Fall Bramard (Rowohlt)

Longo_BramardEine Empfehlung von Gerrit Völker

Zwanzig Jahre ist es her, dass Corso Bramard als Kommissar der Turiner Polizei in einer Frauenmordserie ermittelte. Bis der Mörder seine Frau umbringt und auch seine Tochter spurlos verschwindet. Corso quittiert den Dienst und zieht sich in sein Elternhaus, in die Berge des Piemonts zurück, wo er, gezeichnet, aber nicht abgestumpft, als Lehrer arbeitet und beim Bergsteigen die Grenze zwischen Leben und Tod auslotet. Doch auch hier lässt der Täter ihn nicht in Ruhe: Er schickt Corso Briefe, die jeweils Verse aus Leonard Cohens Song „Story of Isaac“ enthalten. Und mit einem dieser Briefe könnte er sich schließlich verraten. Möchte er womöglich genau das? Corso nimmt den alten Fall wieder auf und kriegt eine junge und nicht weniger gezeichnete Polizistin zur Seite gestellt. Die einzige Zeugin sitzt in der Psychiatrie…

In klarer Sprache verfasst, mal beklemmend, mal luzid, mit häufigen Perspektivwechseln und virtuos verschränkten, sich mehr und mehr kanalisierenden Handlungsebenen ist dieses Buch alles andere als der x-te Krimi von der Stange und sicher kein Staubfänger im Bücherregal.

Davide Longo schafft es wie schon in seinem Debüt „Der Steingänger“, die karge und schroffe Bergwelt des Piemonts mit ihren herben Bewohner und ihrer eigenen Zeitdauer in ungemein dichter Atmosphäre abzubilden und kontrastiert sie mit dem dekadenten Treiben der Turiner Oberschicht. Und er bewegt sich dabei auf einem literarischen Niveau, das aus „Der Fall Bramard“ einen großen Kriminalroman macht. Als kriminalistisches Spiel konzipiert, spannend, wuchtig und dicht bis zum Schluss, hebt er sich in die Nähe der ganz Großen dieses Genres: Dürrenmatt, Sciascia, Chandler…

(übers. v. Barbara Kleiner, Rowohlt, gebunden, 19,95 €)

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Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel (C.H. Beck)

Scheuer_Sprache (C.H. Beck)Eine Empfehlung von Gerrit Völker

„Mein Urahn Ambrosius Arimond glaubte, alle Vögel unserer Erde besäßen eine gemeinsame Sprache. Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der Entschlüsselung ihrer Gesänge, einer Welt magisch klingender Töne, Zeichen und Bedeutungen. Jede Vogelart und ihr individueller Gesang waren für Ambrosius Buchstaben eines kryptischen Alphabets.“ So beginnt der neue Roman von Norbert Scheuer, den man mit guten Gründen als eine der besten deutschsprachigen Prosa der letzten Jahre bezeichnen kann.

2003 begibt sich Paul Arimond in jene Region, in die im 18. Jahrhundert schon sein wohl mythischer „Urahn“ von der Eifel aus gereist sein soll, um dort den Spuren der Vögel zu folgen: Afghanistan. Freiwillig, als Sanitäter der Bundeswehr in einem unübersichtlichen Konflikt. Und Paul kommt aus Gründen dorthin, die ihn in den Augen seiner Kameraden als Sonderling erscheinen lassen. Ihm geht es nicht darum, eine vaterländische Pflicht zu erfüllen, soldatisches Abenteuer zu erleben oder militärische Ehren zu erlangen. Er möchte indes, auf den Spuren seines Ahnen, Vögel beobachten und beschreiben. Dafür nutzt er jede sich bietende Möglichkeit. Und so steht er mit seinem Fernglas auf dem Wachturm des Soldatenlagers und schaut auf einen See, der für ihn zur naturromantischen Imaginationsfläche, locus amoenus, und dessen Erreichen zur fixen Idee wird, für die er sein Leben riskieren wird.

Während seiner Zeit in Afghanistan führt Paul ein Tagebuch, das den kompositorischen Kern der Erzählung bildet. In ihm beschreibt und zeichnet er seine Vogelsichtungen und Naturbeobachtungen und schildert zugleich das Leben im Lager, in dem er sich gefangen fühlt und dessen Enge und vorherrschenden Strukturen mit seinem ornithologischen Projekt kollidieren.

© Erasmus Scheuer / C.H. Beck

Ebenfalls blickt er in seinem Tagebuch zurück auf seine Vergangenheit in der Eifel, was seine ins Wahnhafte sich steigernde Passion als versuchte Überblendung seines bisherigen Lebens mit seinen ungelösten Konflikten, denen er auch in Afghanistan nicht entkommen kann, erscheinen lässt. Und so zieht der Roman auf elegante Weise Ebenen und Motive ein, schwärmt aus, überbrückt Raum und Zeit, ordnet das vielschichtige Material. Ein Kunstgriff, der aus ihm so viel mehr macht als eben „nur“ einen Afghanistan-Roman. Von Pauls Leben in der Eifel wird erzählt, von seiner Familie, seinem besten Freund Jan, nach einem Unfall schwer behindert, und von seiner Freundin Theresa, mit der er von Afghanistan aus in eher losem Kontakt steht, während sie in der Eifel ihr Leben neu zu regeln versucht. Und davon, wie all das zusammenhängt. Und schließlich, auf einer metanarrativen Ebene, wird die Geschichte des Tagebuchs fortgesetzt, das als zunehmend wirr sich gestaltendes und beinahe fantastisch anmutendes Fragment schließlich in die Hände von Pauls ehemaliger Lehrerin gelangt, die sich daran macht, die Papiere zu ordnen. Und das passt dann irgendwie auch: In diesem Buch nämlich ordnen die Frauen die Dinge, zumindest versuchen sie es – während die Männer durchdrehen oder sterben. Oder beides.

„Vielleicht kommt es im Leben nur darauf an, irgendetwas zu finden, bei dem alles andere in Vergessenheit gerät.“, notiert Paul. Das gelingt den wenigsten Figuren in diesem Roman. Auch die Sprache der Vögel bleibt eine Idee, letztlich unergründlich, kryptisch. Eskapismus. Und doch ist es der Text selbst, der bei all seiner Komplexität, aller Traurigkeit und den Schicksalen, von denen er erzählt, auf beinahe paradoxe Weise eine Schönheit und vogelflughafte Leichtigkeit vermittelt, die immerhin den Leser bei der Lektüre diesem Zustand nahekommen lassen kann.

„Die Sprache der Vögel“ ist ein in Inhalt und Poetik herausragender Roman. In einer klaren und schönen Sprache verfasst, beschreibend ohne kalt zu sein, klug komponiert, vielstimmig, vielschichtig und wundervoll gestaltet bereichert er die Literatur und den Erfahrungsraum aller, denen Geschichten, Bücher und das Lesen etwas bedeuten.

(mit Illustrationen von Erasmus Scheuer, C.H. Beck, gebunden, 19,95 €)

 

 

 

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Arno Geiger, Selbstporträt mit Flusspferd (Hanser)

Geiger_SelbstporträtEine Empfehlung von Gerrit Völker

Das Zwergflusspferd ist ein eher ruhiger Zeitgenosse. Es ist kleiner und weniger spektakulär als seine großen Artgenossen, Waldbewohner, Einzelgänger und verbringt seine Tage am liebsten im Schlammbad. Es frisst jede Menge Pflanzen und scheidet jede Menge wieder aus. Ansonsten ist nicht viel los mit ihm.

Wien im Sommer 2004: Julian, Ich-Erzähler in Arno Geigers neuem Roman, ist 22 Jahre alt und – ein eher ruhiger Zeitgenosse. Seine erste große Liebe Judith hat ihn verlassen, sein Studium der Tiermedizin kann diese Lücke ebenso wenig füllen wie es ihm eine klare Perspektive für die Zukunft bietet. Auch sein WG-Leben und die Studentenpartys bringen ihn nicht besser drauf und so hadert er mit sich und der Welt. Es gibt coolere, aber auch weniger coole Typen als ihn und alles ist irgendwie diffus, träge und etwas langweilig. Während die Medien von einer rasant sich bewegenden Welt, von den Olympischen Spielen oder der Geiselnahme in Beslan berichten, ist mit ihm einfach nicht viel los.

Dann kommen die Semesterferien und Julian nimmt einen Job an: Er kümmert sich um ein Zwergflusspferd, das im Garten von Professor Beham lebt und dessen Gleichgültigkeit und Genügsamkeit einen spröden Reiz auf ihn ausüben. Weniger spröde hingegen ist der Reiz, den Behams verwegene Tochter Aiko auf ihn ausübt, mit der er bald die Tage und Nächte im Bett verbringt. Und doch ist all das von Anfang an vergänglich: Die Semesterferien sind so endlich wie der Sommer, Aiko wird zurück nach Paris gehen und ist wohl auch ein-zwei Nummern zu groß für ihn und das Zwergflusspferd muss in einen Zoo umgesiedelt werden.

Julians Verharren auf der Zwischenstufe, seinen seltsamen Schwebezustand, die Ausdehnung der Zeit: All das überträgt „Selbstporträt mit Flusspferd“ wunderbar auf die Ebene des Romans. Geiger erzählt gekonnt und mit leichter Feder, ohne Gefahr zu laufen, die x-te belanglose Coming-of-Age-Geschichte zu schreiben. Gerade durch den Kunstgriff nämlich, Triviales zu thematisieren und in sein Erzählkonzept zu integrieren, läuft der Roman (entegegen der Meinung einiger Feuilletonisten) niemals Gefahr, ins Triviale abzugleiten. Dafür ist er sprachlich, kompositorisch und inhaltlich viel zu gut.

(Hanser, gebunden, 19,90 €)

 

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Michel Houellebecq, Unterwerfung (Dumont)

Houellebecq_CoverEine Empfehlung von Gerrit Völker

Leider haben weniger literarische Argumente die Wahrnehmung dieses Romans geprägt als vielmehr seine mediale Verwertbarkeit in einem seltsamen Gemenge irgendwo zwischen dem Attentat auf Charlie Hebdo und Pegida-Demonstrationen, in das die Veröffentlichung von „Unterwerfung“ (zufälligerweise) hineinfiel. Nun ja, den Verkaufszahlen hat es wohl nicht geschadet.

Jetzt endlich, da der Zirkus weitergezogen ist, bietet es sich an, diesen bemerkenswerten Roman denjenigen zu empfehlen, die dieser Medienhype bislang abgeschreckt hat.

Paris in einer nahen Zukunft: François ist Literaturwissenschaftler und forscht an der Sorbonne über Joris-Karl Huysman, dessen dekadenten Eskapismus er im Laufe der Romanhandlung mehr und mehr nachvollzieht. Mag sein Wissen in diesem Spezialfeld ausgeprägt sein (zumindest reicht es für Schulterklopfer seiner Professoren-Kollegen), so führt er darüber hinaus ein wenig inspiriertes Leben. Längere Beziehungen sind nicht seine Sache, er wechselt die Liebhaberinnen (Studentinnen) im Jahresturnus und wenn er mal keine Freundin hat, kauft er sich Sex. Seine Bücher bestellt er bei Amazon und auch sein politisches Interesse ist beschränkt. Dann kommt die Präsidentschaftswahl 2022: Um nach dem Wahlsieg des Front National eine Präsidentin Marie Le Pen zu verhindern, paktieren Sozialisten und Bürgerliche mit den Muslimbrüdern und ermöglichen so den gemäßigt islamistischen Präsidenten Mohammed Ben Abbes. Das ändert natürlich einiges, sollte man zumindest meinen – auch für Francois. Gleichzeitig herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, Anschläge finden statt, deren Motive im Roman aber nicht genauer entwickelt werden.

Bei Houllebecq prallen diese Entwicklungen auf eine französische Professorenkaste, die als weitgehend selbstreferentielles und in politischen Fragen opportunistisches System porträtiert wird. Für die Herren Professoren ist dieser Wechsel denn auch kein größeres Problem. Im Gegenteil, sie können ihm zunehmend Vorteile abgewinnen: Sie brauchen sich nicht mehr mit weiblichen Kolleginnen herumzuschlagen, das Gehalt wird mit saudischen Öl-Dollars aufgestockt, auch muslimische Prostituierte erfüllen ihren Zweck – und die eingeführte Vielehe ist doch eine prima Sache.

„Unterwerfung“ ist ein satirischer Roman. Als solcher ist weder ein Abgesang des Abendlandes noch ein islamophobes Statement, wohl aber führt er irritierend konsequent und genüsslich vor, wie sich eine Gesellschaft und allen voran ihre sogenannte Bildungselite mangels eigener Konzepte und Haltung geradezu anbietet für die (islamistische) Aushöhlung und Aneignung der westlichen „Kultur“.

(übers. v. Norma Cassau u. Bernd Wilczek, Dumont, gebunden, 22,99 €)

 

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Antoinette Portis, Spriedel (Aladin)

Cover_Spriedel_Aladin_VerlagEine Empfehlung von Gerrit Völker

Tagein, tagaus immer nur „Piep“ zu sagen – nö, das ist dem kleinen braunen Spatz auf die Dauer doch viel zu öde. Vielleicht bringen ja ein paar sprachliche Varianten etwas Schwung in die Siedlung. „Spriedel friedel!“ zum Beispiel oder gar „Tiffel biffel und’n bissel miffel!“. Taube und Kardinal hat er gleich auf seiner Seite, Krähe aber gefällt das gar nicht: „Stopp! Du bist klein und braun und sagst gefälligst PIEP!“. Krähe schimpft, schmollt und bleibt bei „Krächz“. Aber zu spät, denn die Albernheit der drei Freunde ist längst angefacht: „Fupen – Hupen – Nini Pupen!“. Ob Krähe sich dem Klamauk entziehen kann?

Antoinette Portis‘ wundervoll illustriertes und gestaltetes Bilderbuch ist ein unangestrengt anarchisches Plädoyer gegen Rollenzwang und für die kleinen Verrücktheiten, die doch eigentlich das Salz in der Suppe sind. Sehr charmant übersetzt von Ebi Naumann. Und es passt gut in den Frühling. Blatzbadatz!

(übers. v. Ebi Naumann, Aladin, geb., 12,90 €)

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Arturo Pérez-Reverte: Dreimal im Leben (Insel Verlag GmbH)

In diese Geschichte bin ich eingetaucht, habe mich von ihr tragen lassen und bin wie aus einem Dreimal im LebenTraum wieder erwacht.
Auf einem Ozeandampfer begegnen sie sich das erste Mal. Es ist das Jahr 1928, Max jung und von wildem Charme arbeitet als Eintänzer in der ersten Klasse. Mecha zieht ihn augenblicklich in den Bann, ihre aparte Schönheit, der weltberühmte Komponist an ihrer Seite, das funkelnde Collier um ihren schlanken Hals. Es folgt ein Tanz, ein nichtssagender Smalltalk, der verheißungsvoller nicht sein könnte. In Buenos Aires angekommen, führt Max das Paar durch die zwielichtigen Tangobars seiner Geburtsstadt. Doch in dieser Nacht geraten die Dinge außer Kontrolle, und für Max und Mecha beginnt das Abenteuer ihres Lebens: die große Liebe. Eine Liebe, die erst viele Jahre später auf der Promenade Nizzas zwischen entrücktem Glamour und den Wirren des Krieges eine zweite Chance erhält …
Dieser wunderbare Roman beschwört den Zauber verstrichener Gelegenheiten und die lebenslange Liebe zweier Menschen herauf.
Er ist gerade als Taschenbuch im Insel Verlag erschienen.

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Isabel Allende: Amandas Suche (Suhrkamp)

Amandas SucheEndlich wieder ein Roman der begnadeten Erzählerin Isabel Allende.

Doch diesmal überrascht Allende mit einem Krimidebüt. Schon nach den ersten Sätzen war ich glücklich. Ja, da ist er, der wunderbare Erzählstil dieser großen Autorin. Feinsinnig und von großer Klarheit.
Amanda ist lebensklug und ausgesprochen eigensinnig. Sie wächst in San Francisco auf, der Stadt der Freigeister. Ihre Mutter Indiana führt eine Praxis für Reiki und Aromatherapie und steht im Mittelpunkt der örtlichen Esoterikszene. Der Vater ist Chef des Polizeidezernats und ermittelt in einer grausamen Mordserie. Auf eigene Faust beginnt Amanda Nachforschungen dazu anzustellen, unterstützt von ihrem geliebten Großvater und einigen Internetfreunden aus aller Welt. Doch als Indiana spurlos verschwindet, wird aus dem Zeitvertreib plötzlich bitterer Ernst. Und Amanda muss über sich hinauswachsen, um die eigene Mutter zu retten.
„Amandas Suche“ erzählt den Weg einer furchtlosen jungen Frau, die mit allen Mitteln verteidigt, was sie liebt – ein atemraubender Krimi und zugleich ein fesselnder Roman über das kostbare Band zwischen Müttern und Töchtern und die lebensrettende Kraft der Familie.
Meine Weihnachtsempfehlung für die Leser und Leserin die eintauchen möchten in eine berührende Geschichte.

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Anna Funder: Alles, was ich bin (Fischer S.)

Alles was ich binDieser Titel hat mich tief berührt, weil es mit einer feinfühligen Sprache das Schicksal dreier Menschen erzählt, die einen leidenschaftlichen Kampf für die Freiheit im 3. Reich führen.
1935 werden in einem Londoner Hotelzimmer die bekannten deutschen Widerstandskämpferinnen Dora Fabian und Mathilde Wurm tot aufgefunden. Die Gestapo spricht von Selbstmord der beiden Frauen, die engstens mit dem charismatischen Revolutionär und Schriftsteller Ernst Toller bekannt waren. Von Hitlers Machtergreifung in Berlin an begleitet Anna Funder in ihrem großen Roman die Gruppe von Freunden, die über Nacht zu einer Bande Verfolgter wird. Sie fliehen nach London, wo sie neue Verbündete finden und große Gefahren auf sich nehmen, um den Widerstand gegen die Nazis zu organisieren. Aber sie sind dort nicht sicher – ein einziger Verrat wird die Freunde auseinandersprengen und in alle Winde zerstreuen.
Anna Funder erzählt von der Verbindung dreier außergewöhnlichen Menschen, die in Zeiten größten Aufruhrs alles riskieren – für die Freiheit, für die Liebe.

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Kristof Magnusson: Arztroman (Kunstmann Antje GmbH)

Der neue Roman von Kristof Maggnusson beschreibt geradezu, wie spannend doch MedizinArztroman sein kann.
Die Leser begleiten die Protagonistin, Anita Cornelius, bei ihren täglichen Einsätzen als Notärztin. Sie arbeitet an einem großen Berliner Krankenhaus und liebt ihren Beruf über alles. Sie geht mit Schwung und Elan durchs Leben, so spornen unerwartete Situationen sie geradezu an, die Lage zu meistern. Auch wenn es bei ihren Einsätzen nicht immer so aufregend zugeht, wie man sich das vorstellt. Anita ist das recht. Sie kann helfen. Und ab und zu sogar jemandem etwas Gutes tun. Adrian, ihr Exmann, ist Arzt am selben Krankenhaus. Sie haben sich erst vor kurzem in bestem Einvernehmen getrennt, und Lukas, ihr vierzehnjähriger Sohn, lebt bei seinem Vater und dessen neuer Freundin Heidi. Hätte Anita Adrian nicht zufällig bewusstlos auf der Krankenhaustoilette gefunden, zu gedröhnt mit einem Narkosemittel, und hätte Heidi nicht dauernd diese flotten Sprüche losgelassen, dass jeder seines Glückes Schmied ist, dass Arme und Kranke oft genug selbst an ihrem Zustand schuld sind, dann könnte sich Anita weiter vormachen: alles ist in bester Ordnung. Ist es aber nicht. Weder privat noch beruflich.
Ein Buch das richtig Spaß macht!

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Lutz Seiler: Kruso (Suhrkamp)

Für die Hörer, die gerne den Deutschen Buchpreis 2014 verschenken möchten.Kruso
Lutz Seilers erster, lang erwarteter Roman schlägt einen Bogen vom Sommer 89 bis in die Gegenwart. Die einzigartige Recherche, die diesem Buch zugrunde liegt, folgt den Spuren jener Menschen, die bei ihrer Flucht über die Ostsee verschollen sind, und führt uns dabei bis nach Kopenhagen, in die Katakomben der dänischen Staatspolizei.
Als das Unglück geschieht, flieht Edgar Bendler aus seinem Leben. Er wird Abwäscher auf Hiddensee, jener legendenumwogten Insel, die, wie es heißt, schon außerhalb der Zeit und »jenseits der Nachrichten« liegt. Im Abwasch des Klausners, einer Kneipe hoch über dem Meer, lernt Ed Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte, in denen Ed seine sexuelle Initiation erlebt. Geheimer Motor dieser Gemeinschaft ist Krusos Utopie, die verspricht, jeden Schiffbrüchigen des Landes (und des Lebens) in drei Nächten zu den »Wurzeln der Freiheit« zu führen. Doch der Herbst 89 erschüttert die Insel. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen.

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Erhard Dietl: Die Olchis. Safari bei den Berggorillas (Oetinger Friedrich GmbH)

Für Kinder ab 8 Jahren.

Olchi sind die Helden der Kinder. Denn sie machen all das, was Kinder nicht machen sollen. Die Olchis. Safari bei den BerggorillasOlchis waschen sich nicht, stinken, wohnen auf dem Müllberg und sind unheimlich stark. Kinder lieben diese Geschichten.
Der neue Titel handelt von Schleime-Schlamm-und-Löwenmut! Die Olchis retten wilde Tiere.
Gustav Grünspecht, Tierforscher in Schmuddelfing, bittet die Olchis um Hilfe: Seine Frau Gerda, die sich um bedrohte Berggorillas kümmert, ist spurlos verschwunden. In Afrika erfahren die Olchis, dass der Lebensraum der Berggorillas durch einen großen Ölkonzern bedroht ist. Ob der dubiose Mr Trash, der sich nicht abschütteln lässt, etwas mit der geplanten Pipeline und dem Verschwinden von Gerda Grünspecht zu tun hat?

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Manuela Olten: Mamas Kleid (Aladin)

Für Kinder Ab 3 Jahren.Mamas Kleid

Manuela Olten erzählt eine warmherzige und farbenfrohe Geschichte vom Größerwerden.
Es ist doch sehr schade, wenn das Lieblingskleid nicht mehr passt. Es gibt wohl nur einen Grund: Es ist geschrumpft. Aber toll, dass es diese geheimnisvolle Kiste bei Oma auf dem Dachboden gibt, mit Mamas Kinderkleidern!
Die Maternus Buchhandlung ist seit September 2014 Depotbuchhandlung des Aladin Verlags und führt alle Kinderbücher aus dessen Programm.

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Petra Hesse, Mario Kramp, Ulrich S. Soénius: Köln 1914 (Bachem)

Einhundert Jahre ist es her, dass in Europa ein Krieg entbrannte, wie ihn die Welt noch nicht 1914gesehen hatte. Diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ prägte den Lauf der Geschichte bis heute und er veränderte das Leben von Millionen Menschen weltweit, in Europa, in Deutschland – und auch in Köln.
Die Metropole war logistischer Knotenpunkt für die Westfront, ein Zentrum des beginnenden Luftkriegs und mit über 600.000 Einwohnern eine der größten Städte im Deutschen Reich.
Den Auswirkungen dieses ersten „totalen“ Krieges auf die Stadt widmet sich der reich bebilderte Bildband, der gleichzeitig Begleitband zur Ausstellung „Köln 1914. Metropole im Westen“ ist, die man im Kölnischen Stadtmuseum und dem MaaK besuchen kann.

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Walter Dick: Köln Menschen 1945-1960 (Emons)

Walter Dick zählt neben August Sander zu jenen Fotografen, die Köln nach dem Zweiten Köln. Bildband von Walter DickWeltkrieg bemerkenswert dokumentiert haben.
Brillante Fotografien zeigen die unermessliche Zerstörungen, schon wieder vergessene Neubauten, alte Trümmer, neue Brücken und erste Blechschäden. Und im Mittelpunkt stehen stets die Menschen: Schulkinder, Kriegsheimkehrer, Spätaussiedler, die ersten Arbeiter aus dem Süden Europas – Kölner eben. Walter Dick war eine prägende Gestalt im deutschen Fotojournalismus der Nachkriegszeit.
Eine Hommage an Walter Dick der 2014 einhundert Jahre alt geworden wäre.

Eine Empfehlung von Ursula Jünger aus der Sendung „LebensArt“ für WDR 5 am 22.12.2014

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Jean-Philippe Toussaint, Nackt (FVA)

Toussaint

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was vom Belgier Jean-Philippe Toussaint kommt, gehört schon lange zum Besten, was die europäische Erzählliteratur zu bieten hat. Sein vierbändiger Romanzyklus rund um die Hauptfigur Marie, der mit „Nackt“ seinen wundervollen Abschluss erfährt, wäre an sich ein mehr als guter Anlass für die Damen und Herren im Nobelpreiskomitee gewesen, ihre diesjährige Entscheidung zu überdenken, wenn es denn ein französischsprachiger Autor sein sollte.

Eine durchgeknallte Modenschau in Tokio, eine Verabredung in Paris, der rätselhafte Brand einer Schokoladenfabrik und eine beinahe verpasste Beerdigung auf Elba – es sind diese Orte und Ereignisse, zu denen es die Modedesignerin und Künstlerin Marie mit dem weitgehend eigenschaftslos bleibenden Erzähler zieht. Ob sie wieder zueinander finden? Welches Geheimnis hütet Marie? Dass der Erzähler ein kleines Fläschchen mit Salzsäure mit sich führt, zeigt die möglichen Abgründe in diesem virtuos verdichteten und zugleich so cool wie leichthändig erzählten Roman.

Toussaint schreibt über eine Liebe, ohne in Gefühlspornografie oder Tränendüsen-Affekte abzugleiten – schwerelos, andeutend und szenisch, aber nie trocken. Was für eine großartige Episode etwa, in welcher der Erzähler auf dem Dach eines Tokioter Museums liegend durchs Dachfenster auf das Geschehen einer Vernissage blickt und unter den Besuchern endlich Marie findet: „Voller Rührung beobachtete ich Marie dort unten im Ausstellungssaal, sah ihre ergreifende Gestalt durch die Lichtkuppel, ich öffnete ein wenig die Lippen und wisperte sachte ihren Namen in die Nacht, aber kein Laut drang aus meinem Mund, nur ein schwacher Hauch, ein zögerlicher Dunst, den ich für einen Augenblick vor mir sah, eine kleine dampfende Wolke, die gerade ,Marie‘ gesagt hatte und sich vor meinen Augen langsam in der eisigen Nacht verflüchtigte.“

Groß.

(übers. v. Joachim Unseld; FVA, geb., 19,90 €)

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Claudia Schreiber: Sultan und Kotzbrocken in einer Welt ohne Kissen (Hanser)

Eine Empfehlung von Simone Beule

Der Sultan (sehr dick und sehr faul) lebt auf einem KSultan_Coverissenturm und lässt sich alle Jubeljahre von Kotzbrocken (seinem Diener und mittlerweile Freund, sehr klug) per Flaschenzug rauf- oder runterziehen ziehen. Hundert Frauen umsorgen ihn, singen, kochen, bügeln für ihn und spenden ihm Wärme. Es ist einfach paradiesisch schlaraffig!

Eines Tages ziehen jedoch dunkle Wolken auf im Sultanat. Er bekommt Post. Und der Brief ist nicht gerade nett. Darin steht nämlich, dass er der falsche Sultan sei und ab sofort ein Schwippschwager fünften Grades seinen Thron einnehmen wird.

Da sind der Sultan und der Kotzbrocken schwer verdutzt. Sie räumen ihr Heim, verlassen die Kissen und die Frauen, und begeben sich auf eine abenteuerliche Reise.

Ein anarchisches Lieblingslesebuch für Kinder ab 6 und Eltern. Ein Heidenspass!

(Illustriert von Sybille Hein, Hanser, gebunden, 13,90 €)

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Joe R. Lansdale, Das Dickicht (Tropen)

Lansdale_DickichtEine Empfehlung von Simone Beule

Es gibt Wörter, die einem im alltäglichen Sprachgebrauch selten vor die Füße fallen. „Dickicht“ (im amerikanischen Original „The Thicket“) etwa gehört in diese Kategorie.

Landsdale spinnt nach seinem großartigen Noir-Roman „Dunkle Gewässer“, der soeben auch als Taschenbuch erschienen ist, eine mindestens ebenso fesselnde Geschichte.

Jack ist zum Waisen geworden nachdem seine Eltern beide von den Pocken hinweggerafft wurden. Er bricht alle Zelte in seiner Heimat ab und begibt sich zusammen mit Grandpa auf den Weg in ein neues Leben. Bis sie dort ankommen, passieren jedoch noch einige denkwürdige und düstere, aber auch heitere Begebenheiten. So kommt es etwa, dass der Junge sich mit einem schießwütigen „Zwerg“ namens Shorty und einem etwas tumben Fährtenleser zusammentut. Die ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft landet zum großen Showdown… na wo wohl? Exakt! Im Dickicht!

Für Fans von Mark Twain oder Grimms Märchen. Spannend!

(Tropen, übers.v. Hannes Riffel, gebunden, 19,95 €)

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Tanguy Viel, Das Verschwinden des Jim Sullivan. Ein amerikanischer Roman (Wagenbach)

Viel_SullivanEine Empfehlung von Gerrit Völker

Viels Erzähler treibt eine Frage um, die nicht wenige Schriftsteller tatsächlich beschäftigen dürfte: Wie kann ich endlich „erfolgreicher“ werden, mehr Bücher verkaufen? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Ein „amerikanischer Roman“ muss geschrieben werden, diese sind nämlich von internationalem Format und werden in viele Sprachen übersetzt. Ort der Handlung? Detroit natürlich, Sinnbild gleichermaßen für den Aufstieg und die Krise Amerikas. Protagonist? Dwayne Koster klingt gut, Dozent für Literatur, um die 50. Und noch ein passendes Auto: ein Dodge Coronet, 60er-Jahre-Modell. Der Plot: Dwayne betrügt seine Frau mit, na klar, einer Studentin. Seine Frau betrügt ihn zwar auch mit, na klar, einem seiner Kollegen, Dwaynes Betrug fällt aber eben auf und seine Frau lässt sich scheiden mit allem Pipapo. Dwayne verlagert sein Leben mehr und mehr in sein Auto und sinnt nach Vergeltung. Er gerät in Kontakt mit, na klar, Mafia und FBI und gibt sich der Melancholie und der Musik des auf mysteriöse Weise verschwundenen Freak-Sängers Jim Sullivan hin.

Doch ganz so einfach ist das nun nicht mit dem amerikanischen Roman. Zum einen tut sich der französische Erzähler doch schwer mit der gewählten Erzählform; zum anderen machen seine Figuren letztlich was sie wollen und bringen das ganze Romankorsett zum Einsturz.

„Das Verschwinden des Jim Sullivan“ ist ein Roman auf zweiter Stufe, ein Bericht über den scheiternden Versuch dieses amerikanischen Roman-Projekts. Und indem er das Schreiben selbst thematisiert, ist es eben kein großer amerikanischer Roman (auch sein knapper Umfang verrät es), sondern wohl eine Hommage an und Parodie auf amerikanisches Schreiben und amerikanische Musik, letztlich aber ein selbstreflexives Stück französischer Literatur. Oder wird genau diese parodiert? Heiter-melancholisch, augenzwinkernd, subversiv, vielschichtig, leichtfüßig und komisch. Wundervoll, also bitte lesen!

(Wagenbach, gebunden, 16,90 €)

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Birgitta Sif, Frieda tanzt (Aladin)

Frieda_AladinEine Empfehlung von Gerrit Völker

Tanzen! Das ist es, was Frieda am allerliebsten tut. Wenn sie nur nicht so schüchtern wäre, denn wenn sie sich beobachtet fühlt, mag Frieda nicht mehr tanzen. Doch dann sieht sie ein Mädchen auf der Parkbank, das wunderschön und gar nicht schüchtern singt. Da weiß Frieda endlich, dass sie das auch kann und sie merkt, „dass Tanzen ihr Leben“ ist. Nun kann sie es allen zeigen. Und alle machen mit, selbst die Tiere.

„Frieda tanzt“ ist eine charmante und wundervoll illustrierte kleine Geschichte vom Menschsein, von Begeisterung, Lebensfreude und Glück. Birgitta Sif widmet ihr Buch allen, „die das Leben in vollen Zügen genießen“ – und genau diesen möchten auch wir neben „Frieda“ auch ihren Vorgänger „Oliver“ (ebenfalls bei Aladin) empfehlen. Für kleine und große Leser ab 3 Jahre.

(übers. v. Sophie Birkenstädt, Aladin Verlag, gebunden, 12,90 €)

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Markus Orths, Alpha & Omega. Apokalypse für Anfänger (Schöffling & Co.)

Orths CoverEine Empfehlung von Gerrit Völker

α Hier lässt es einer mal so richtig krachen. Dieser Roman wird seinem Titel absolut gerecht, beinhaltet er doch den Anfang und das Ende, alles und das Nichts, Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart. Er ist ausufernd, verrückt, gnadenlos komisch und in einer famosen, seine Maßlosigkeit mal befeuernden, mal wieder einfangenden Sprache erzählt. Kurzum: Dieses Buch hat mehr Klasse und Saft in den Adern als so manch rüstiger Hundertjähriger und ach so schalkhafter Fakir, die sich monatelang auf die Bestsellerliste setzen und da einfach nicht mehr weg wollen.

Erzählt wird aus der Sicht von Elias Zimmermann, der aus dem Jahr 2525 in unsere Gegenwart reist, um dem Leben der sagenhaften Omega Zacharias, die im Jahr 2021den Kampf mit einem schwarzen Loch aufnehmen und die Welt retten wird, beizuwohnen. Mit von der Partie sind Omegas nicht leibliche Eltern, ihr Bruder Alpha, ihr anarchisch-verpeilter Opa Gusto, ihr hohler Hund Escher, der reichste Mann der Welt und noch ein paar schräge Spezialisten. Dazu einige Promi-Gastauftritte (James Cameron!) und es kann losgehen. Bis zum aberwitzigen Showdown.

„Alpha & Omega“ ist keine Science-Fiction, bedient sich aber einiger Elemente des Zukunftsromans, um eine distanzierte Erzählperspektive auf unsere Gegenwart zu gewinnen. Ein Kunstgriff! Zwar muss man diesem bunten Haufen einfach Sympathie entgegenbringen, letztlich ist es aber auch unser ganzer Trash, der uns hier um die Ohren fliegt: Esoterik, Germany’s Next Topmodel, Show-Business, Porno (kommt im Köfferchen daher), Wissenschaftseifer, Scheingeschäfte, Katastrophentourismus… Orths denkt nun ein paar Jahre weiter, treibt es ein wenig auf die Spitze. Oder auch ein wenig mehr. Das ist grandiose Unterhaltung, beste Literatur und fein inszenierte Satire. Ω

(Schöffling & Co., gebunden, 24,95 €)

Möchten Sie mit uns die Welt retten? Am 15. September, 19:30h, wird Markus Orths aus „Alpha & Omega“ in der Maternus lesen. Eintritt: 10,- €. Wir bitten um Anmeldung: 0221-329993.

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Juan Gabriel Vásquez, Das Geräusch der Dinge beim Fallen (Schöffling & Co.)

g-Vasques-Juan-Gabriel-Das-Gespraech-der-Dinge-beim-FallenEine Empfehlung von Gerrit Völker

Bogotá, Kolumbien 2009: Ein Zeitschriftenartikel berichtet von der Jagd auf ein Nilpferd, das aus dem ehemaligen Privatzoo des legendären Drogenbarons Pablo Escobar ausgebrochen ist. Für den Jura-Professor Antonio Yammata ist dieser Bericht Ausgangspunkt eines Rückblicks auf die Ereignisse im Kolumbien der 1980er- und 1990er- Jahre.

Es ist die Geschichte des ehemaligen Piloten und Häftlings Ricardo Laverde, den Yammata 1996 in einem Billardsalon kennenlernt. Eine Bekanntschaft von kurzer Dauer, denn Laverde wird auf offener Straße erschossen; Yammata selbst wird bei diesem Anschlag schwer verwundet und traumatisiert. Laverde hinterlässt eine Tochter, eine Kassette mit der Blackbox-Aufzeichnung eines Flugzeugabsturzes, bei dem seine Frau ums Leben gekommen ist, – und jede Menge Fragezeichen. Wer war dieser Mann, weshalb hat er gesessen, welche Rolle hat er als Pilot gespielt? Yammata begibt sich auf Recherchen, die tief hinein führen in die jüngere Geschichte Kolumbiens, einem Land außerhalb ziviler Kontrolle, geprägt von Kokainhandel, Mord und Exzessen auf allen Ebenen.

„Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ wurde mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Zu Recht! Als Spannungsroman konzipiert und geradlinig erzählt, entwickelt die Handlung einen gewaltigen Sog. Darüber hinaus zeichnet der Roman die Anatomie eines Landes und einer Generation und reflektiert Aspekte von System und Zufall, Identität und Zwang, Erinnerung und Wandel. Weltliteratur!

(Schöffling & Co., übers. v. Susanne Lange, gebunden, 22,95 €)

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Heinrich Steinfest, Der Allesforscher (Piper)

AllesforscherEine Empfehlung von Simone Beule

Schon seltsam: der Manager Sixten Braun geht zufällig in Taiwan über die Straße, als ein Wal explodiert, der auf einem LKW an ihm vorbeifährt. [So etwas soll ja übrigens 2004 tatsächlich mal vorgekommen sein. Es könnte also auch Ihnen widerfahren…] Doch zurück zu Sixten. Der wird von einem herumfliegenden Stück Wal getroffen und von da an, durch das Ereignis verständlicherweise heftig irritiert, in die kuriosesten Situationen verwickelt. Flugzeugabstürze, Bergbesteigungen und seine neuen Rollen als Bademeister und, unvermittelt, als (Adoptiv-) Vater sind seine neuen Herausforderungen. Und er ist bereit, sich ihnen zu stellen. Steinfest schreibt mit großer sprachlicher Finesse und einem wunderbaren Sinn für feinen Humor. So verzaubert uns „Der Allesforscher“ ein ums andere Mal. Großes Kino.

(Piper, gebunden, 19,99 €)

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John Lanchester, Kapital (Heyne)

351_41099_143317_xlEine Empfehlung von Simone Beule

Ein gut situiertes Mittelschichtsviertel in einer Großstadt, wie wir alle es kennen. In diesem Fall ist es Pepys Road, eine Straße in London, an der sich alles abspielt. Ihre Anwohner sind sich darin einig, dass sie es geschafft haben – gesellschaftlich, finanziell, persönlich. Alles wirkt sicher, kontrollierbar und geregelt. Bis eines Tages ein Nachbar nach dem anderen eine Postkarte mit der Drohung „Wir wollen, was ihr habt“ im Briefkasten findet. Wer steckt dahinter und was wollen die? Es beginnt ein unaufhaltsamer Sog, ein Abwärtstrend, dem keiner der Pepys-Road-Leute entgeht. Sie verlieren alles, ihren Glauben, ihre Familie, ihr Grundstück. „Kapital“ erzählt von der Fragilität einer allzu sehr auf Homogenität ausgerichteten bürgerlichen Gesellschaft und schafft es, der Finanzkrise ein persönliches schicksalhaftes Gesicht zu geben. Spannend und aktuell.

(übers. v. Dorothee Merkel, Heyne, Taschenbuch, 11,99 €)

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Ryad Assani-Razaki, Iman (Wagenbach)

Eine Empfehlung von Ursula Jünger

Iman, Toumani und Alissa: Ohne feste Bleibe und ohne echte Hoffnung begegnen sich diese drei jungen Menschen in einem nicht benannten afrikanischen Land. „Iman“  zeigt  ungeschönt den brutalen Alltag von Kindern, die das ganze Leid des postkolonialen Afrika erleben müssen, die ohne familiäre Bindung ums Überleben kämpfen müssen – als Tagelöhner, als Sklaven oder als notgedrungen Kriminelle. Und zwischen ihnen die Frage nach der Zukunft: Auswandern oder Bleiben?

Das Leben der drei Protagonisten ist  von völlig unterschiedlichen Einstellung und Perspektiven geprägt. Und doch sind ihre Lebenswege aufs engste miteinander verwoben.

Dieser Roman zeigt eindrucksvoll, unter welch erbärmlichen Umständen Leben möglich ist. Er erzählt von der Tragödie Afrikas, aber auch von seiner Kraft und seinem Reichtum. Ein faszinierendes Buch!

(übers. v. Sonja Finck, Wagenbach, gebunden, 22,90 €)

 

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Gregor Sander, Was gewesen wäre (Wallstein)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Astrid bekommt zu ihrem vierundvierzigsten Geburtstag von ihrem Freund Paul einen Kurzurlaub in Budapest geschenkt. Hier möchte Paul mehr über Astrid und ihre Vergangenheit erfahren. Die Geschichte führt 25 Jahre zurück, in die DDR und in die Zeit, in der Astrid Julius kennlernt, mit dem sie nicht richtig zusammen sein, von dem sie sich aber auch nie richtig lösen konnte. Es ist eine Erzählung von Liebe, Freundschaft, Flucht und Verrat – und davon, wie all dies zusammenhängen kann.

Geschichte und die Geschichten derer, die sie erleben: Was gewesen wäre gelingt es, ohne belehrenden Unterton von Lebensentwürfen in beiden deutschen Staaten, ohne Kitsch oder tiefenpsychologische Ergüsse von Sehnsüchten, Beziehungen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu erzählen. Sander schreibt reduziert und gekonnt arrangiert, mit herausragendem Gespür für seine Personen und ihre Konstellationen. Und dieser tolle Titel! Vielleicht der inspirierteste Wende-Roman in diesem Jubiläumsjahr.

(Wallstein, gebunden, 19,90 €)

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Ulrich Hub, Füchse lügen nicht (Carlsen)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was machen Affe, Gans, Tiger, Pandabär und die beiden Schafe, wenn am Flughafen nichts mehr geht? Nun, sie kontrollieren noch einmal Ihre Reisepässe, sie meckern natürlich, quengeln und verlangen nach Unterhaltung, bis wieder Flüge gehen. Dann kommt der Fuchs und die Party kann beginnen. Doch der Kater folgt schnell: Wo sind denn nur die Reisepässe? Sollte etwa der Fuchs…?

Ulrich Hub (An der Arche um Acht) lässt es in seinem neuen Buch ordentlich krachen. Herrlich fuchsteufelswilder Lesestoff ab 8 Jahre mit den passenden Bildern von Heike Drewelow.

(Carlsen, gebunden, 12,90 €)

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Jean Echenoz, 14 (Hanser Berlin)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Jean Echenoz wird bei uns viel zu wenig gelesen. Zuletzt hat er mit seinen drei teilbiographischen Texten über Ravel (Ravel), Zátopek (Laufen) und Tesla (Blitze) die Kunst des knappen Erzählens perfektioniert. Mit seinem neuen Roman 14 bleibt er, der Titel deutet es schon an, seinem Konzept der historischen Romanminiatur treu. Vielleicht setzt sogar noch einen drauf: Wohl noch nie wurde in der Literatur der Erste Weltkrieg so knapp und feinsinnig, so lakonisch, so wenig metaphorisch und pathetisch behandelt. Gerade aber durch diese beinahe sachliche Erzählweise wird der Wahnsinn des Krieges deutlich. Wie eine Welle überrollt er eine zuvor beinahe heile Welt. So muss Anthime, die Hauptfigur des Romans, durch die von Glockengeläut signalisierte Mobilmachung seine Fahrradtour durch eine pittoreske Landschaft abbrechen, es folgen in schnellen Abständen das Anpassen der Uniform, die Anreise ins Kriegsgebiet, der Kampf, die Verwundung, schließlich die Amputation, die ihn allerdings vor schlimmeren Übeln bewahrt.

Das literarische Verfahren bestimmt bei Echenoz den Blick auf das Sujet. Durchdacht, konsequent, differenziert und erfreulich meilenweit entfernt von zeitgenössischen Roman-Materialschlachten in Ernst-Jünger-Manier.

(übers. v. Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Berlin, gebunden, 14,90 €)

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Mark Siegel, Sailor Twain oder Die Meerjungfrau vom Hudson River (Egmont)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

1887: Es regnet ununterbrochen, es ist düster. Der stolze Raddampfer Lorelei befährt den Hudson River. Sein französischer Eigner ist auf rätselhafte Weise verschwunden und sein Bruder begibt sich an Bord, um seinem Verschwinden auf den Grund zu gehen. Dabei entwickelt er ein geradezu manisches Sexleben. Als Kapitän Twain eine verwundete Meerjungfrau an Bord nimmt, der er natürlich sogleich verfällt und die in seiner Kabine versteckt gesundet, wenig später ein Autor von Schriften über Meerjungfrauen an Bord geladen wird und Twains geliebte Meerjungfrau verschwindet, beschleunigen sich die Ereignisse. Und natürlich ist das verführerische Wesen gar nicht so handzahm wie Twain angenommen hat… Und was hat es eigentlich im Hudson verloren?

John Irving meint zum Sailor Twain: „Eine fesselnde Graphic Novel mit unwiderstehlichen Charakteren, verstärkt durch gespenstische, erotisch aufgeladene Zeichnungen.“ Recht hat der Mann, und hinzu kommt noch eine sehr gesunde Portion Seemannsgarn und nautische Romantik – also bitte lesen!

(übers. v. Volker Zimmermann, Egmont, gebunden, 24,99 €)

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François Garde, Was mit dem Weißen Wilden geschah (C.H Beck)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Bei der Erkundung Australiens wird der französische Matrose Narcisse Pelletier auf einem Landgang von seinem Schiff zurückgelassen. Ein Aborigine-Stamm nimmt ihn auf und als er siebzehn Jahre später wieder auftaucht, ist er tätowiert, benimmt sich ganz und gar absonderlich und spricht in einer seltsamen urzeitlich anmutenden Sprache. Ein Wilder – kann das überhaupt ein Franzose sein? Er wird erneut adoptiert: Der reisende Wissenschaftler Octave de Vallombrun möchte ihn in Paris wieder in die einmalige, famose, überlegene französische Kultur und Gesellschaft eingliedern. Das gestaltet sich aber nicht eben einfach…

Garde reflektiert unterhaltsam, im Stile eines Abenteuerromans und über weite Passagen in Briefform, die Begegnung mit dem Anderen, das Andere im Selbst und wirft so einen transnationalen, auch ironischen Blick auf imperiales Denken und die Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts, die bis heute ausstrahlt. Ein packendes, klug geschriebenes Leseabenteuer.

(übers. v.  Sylvia Spatz, C.H. Beck, gebunden, 19,95 €)

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Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (DuMont)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Nach seinem ziemlich abgefahrenen IQ84-Romanprojekt begibt sich Großmeister Murakami mit diesem leichter zugänglichen neuen Roman wieder in ruhigeres literarisches Fahrwasser. Warum nicht, denn er beherrscht auch das begnadet.

Tsukuru Tazaki, Mitte dreißig und ein ziemlicher Sonderling, erzählt seiner Freundin in Tokyo von seinen Jugendjahren in Nagoya, wo er bis zur Aufnahme seines Studiums gelebt hat. Bislang hat er sich nie wirklich damit beschäftigt, warum seine Clique, seine vier farbenfrohen Freunde, ihn von einem Tag auf den anderen verleugneten. Das hat ihn doch immerhin in eine abgrundtiefe persönliche Krise gestürzt. Das soll sich nun ändern und Tsukuru begibt sich auf eine Pilgerreise in die Vergangenheit und zu sich selbst.

Murakami schreibt ruhig und elegant in einer einfachen Sprache und führt den Leser mit seiner Hauptfigur erkenntnisstiftend zum Quell seines Übels. Beste anspruchsvolle Unterhaltung.

(übers. v.  Ursula Gräfe, DuMont, gebunden, 22,99 €)

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Juli Zeh, Nullzeit (btb)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Endlich gibt es Zehs letzten Streich jetzt als Taschenbuch. Er handelt von Sven, einem Tauchlehrer auf den Kanaren (typischer Aussteigertyp) und einem nebulösen Paar, sie ein Seriensternchen (typisch verführerische Tochter aus, naja, „gutem Hause“), er ein zynischer alternden Literat (typisch zynischer alternder Literat), das ihn für einen Tauchkurs bucht. Schnell kommt die Frage auf, was mit Jola und Theo eigentlich los ist – brauchen sie einen Beziehungskick oder wollen sie sich tatsächlich an die Gurgel? Ebenso schnell entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung mit unabsehbaren Folgen.

Zeh jongliert mit Klischees, die sie kunstvoll bricht und erzeugt einen Sog, der den Leser bis zum bitteren Ende in den Bann zieht. Nullzeit ist ein Spiel mit Unzuverlässigkeiten, das konsequent bis hin auf die Ebene des Erzählens getrieben wird. Hier möchte man wirklich niemandem trauen. Unwiderstehlich.

(btb, Taschenbuch, 9,99 €)

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Manuele Fior, Die Übertragung (avant-verlag)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Es nervt ja schon ein wenig, dass man hierzulande noch immer auf die literarische Legitimation und die erzählerischen Möglichkeiten des Genres Comic hinweisen muss. Aber noch einmal: Bitte lesen Sie Comics, wenn Sie sich für Literatur, ihre Formen und Erzählweisen interessieren! Grafische Erzählungen bereichern die Literatur in vielerlei Hinsicht!

Dass das keine steile These ist, beweist auch Manuele Fiors in Italien zur Mitte des 21. Jahrhunderts angesiedelte Graphic Novel „Die Übertragung“. In politisch schwierigen Zeiten, nach nicht genau bezeichneten gesellschaftlichen Unruhen, trifft es den Psychologen Raniero gleich mehrfach hart. Nicht nur, dass seine Frau und er in ihrem Haus überfallen werden, nicht nur, dass seine Frau ihn verlassen möchte –zudem hat er einen Autounfall, weil er seltsame Zeichen am nächtlichen Himmel sieht. So gebeutelt, nehmen die Irritationen auch danach kein Ende. Eine junge Patientin sagt von sich, sie habe telepathische Fähigkeiten, stünde im Austausch mit einer außerirdischen Zivilisation und sehe dieselben Himmelszeichen wie Raniero. Bald sieht diese auch die ganze Stadt…

„Die Übertragung“ ist kein Sci-Fi-Kitsch, hier laufen keine Aliens herum, es gibt keinen Krieg der Zivilisationen. Vielmehr umkreist Fior assoziativ und komplex das Leben in einer Stadtgesellschaft, die sich mit dem Anderen konfrontiert sieht und doch eigentlich so sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Beziehungen, Liebe und Sexualität, die Macht der Gewohnheit, Selbst-Entfremdung und Generationenkonflikte sind die großen Themen, die in diesem virtuos gezeichneten Comic kunstvoll arrangiert und verknüpft werden.

(avant-verlag, gebunden 24,95 €)

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Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur (Rowohlt Berlin)

Buchdeckel „Arbeit und Struktur“Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was für ein Glück, dass Wolfgang Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“ auch in Buchform erschienen ist! Sehr viel eindrücklicher noch als in der Internet-Ausgabe werden dem Leser hier nämlich nicht nur biographische Tragik, sondern auch analytischer Tiefgang, poetologische Dimension und  literarische Qualität dieses Tagebuchs ersichtlich. Dass es Herrndorf nicht darum gegangen ist, seine Leser mit den zwischen mit diesen 8.3.2010 („Gestern haben sie mich eingeliefert. Ich trug ein Pinguinkostüm.“ (S. 9)) und seinem Freitod am 26.8.2013 entstandenen Notizen nur an seinem Leiden teilhaben zu lassen, sich auszuweinen oder auszukotzen, deutet bereits der Titel an. „Arbeit und Struktur“ ist die versuchte Zuordnung eines todkranken und gleichzeitig unglaublich erfolgreichen Schriftstellers auf seine Welt hinsichtlich seiner Krankheit, seiner Existenz, die, angesichts der Absurdität dieser Anlage, ihre Unmöglichkeit bereits mitreflektiert. Und gleichzeitig die Bedeutung von Freundschaft in dieser Situation und darüber hinaus hervorhebt. Das ist sehr ergreifend, sehr traurig auch, immer wieder aber mit feiner Ironie und Lakonie gewürzt und sprachlich wie stilistisch großartig.

 

„27.2.2011  4:13

Traum: In unserem Ferienbungalow stehend schwerer Anfall von Inexistenz. Ich bin nicht mehr da, und auch die Gegenstände um mich herum nicht. Ich sehe Passig durch die Tür kommen, hinter ihr der Schatten einer zweiten Frau. Ich versuche, mich ihnen durch angestrengtes Atmen bemerkbar zu machen, vergeblich. Schließlich schwebe ich die Knie in der Luft und beide Arme über der Brust gekreuzt wie ein ägyptische Pharao und sage: Ich wollte nur, dass du mal siehst, wie sich das anfühlt, das Nichts. Das ist es. Und dass sie keine Angst vor mir haben muss. Wenn ich ihr etwas antun wollte, risse es meinen Körper fort von ihr, wenn er auf sie zuschwebe, sei ich harmlos.“ (S. 193)

(Rowohlt Berlin, gebunden, 19,95 €)

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Umberto Eco, Die Geschichte der legendären Länder und Städte (Hanser)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Endlich liegt er vor, Umberto Ecos nächster Baustein zu einem Archiv des Imaginativen. Nach den Geschichten der Häßlichkeit und der Schönheit sowie der Unendlichen Liste folgt diese wunderbare Sammlung und Beschreibung von Imaginationsorten, von großen Utopien und Topoi der Literatur- und Kulturgeschichte: Atlantis, Wunderland, Thule, Schlaraffenland, Pole, Unterwelten… Eco nimmt uns in seinen Einführungen, in ausgewählten Textausschnitten und hervorragend ausgesuchten Bildern hochgelehrt, aber nicht belehrend oder streberhaft, mit auf die Reise zu diesen fiktiven Orten. Als großer Vorteil erweist sich dabei, dass es keine Hierarchisierung der Quellen zugunsten der sogenannten Hochkultur gibt; Science-Fiction, Trash und Kuriositäten stehen ebenfalls im Mittelpunkt der Ausführungen und steigern deren Unterhaltungswert erheblich. Mit feiner Ironie verweist Eco immer wieder auch auf das zum Scheitern verurteilte Handeln derer, die in diesen Fiktionen eine höhere Wahrheit zu erkennen meinen – so bekommen Verschwörungstheoretiker (etwa Dan Brown) und Okkultisten (besonders interessant sind Exkursionen in den kruden Okkultismus im Umfeld des Nationalsozialismus) ihr Fett weg. Es gibt in diesen mythischen Regionen wohl keinen besseren und unterhaltsameren Reiseführer als Umberto Eco.
(Hanser, gebunden, 39,90 €)

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Brigitte Kronauer, Gewäsch und Gewimmel (Klett Cotta)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Dass literarische Größe sich oft im Kleinen verbirgt, dafür steht Kronauers Werk wie vielleicht kein zweites im deutschsprachigen Raum. Auch ihr neuer Roman, der Titel deutet es schon an, wimmelt nur so vor Stimmen, Einschüben und kleinsten Erzählungen, die, einzeln gelesen, komisch, tragisch, mysteriös, irritierend, lächerlich, düster oder luzid wirken. In ihrer Gesamtheit aber sind sie angelagert um das Geschehen in der Praxis der „Krankentherapeutin“ Elsa Gerlach. Deren Gegenpol im Romangewimmel bildet der Leiter eines  Renaturierungsprojekts, Hans Scheffer, der nicht nur auf Elsas Lieblingspatientin Luise Wäns große Anziehung ausübt. Ein Spaziergang der beiden Freundinnen und ein Gespräch über diese unglückliche Liebe bilden auch den langen, zusammenhängend geschriebenen Mittelteil des Romans. Darüber hinaus tritt im Geschehen eine Unzahl von Personen als Teil des großen Tratschens auf – Gewäsch und Gewimmel eben.

Kronauers vielfach ausgezeichnete Prosa hebt sich wohltuend ab vom derzeit in der Erzählliteratur vorherrschenden bedeutungsübersättigten Neo-Realismus. Gewäsch und Gewimmel entzieht sich den Zwängen einer unbedingten inhaltlichen Kohärenz, schöpft hingegen konsequent und gleichzeitig federleicht spielerische und formale Möglichkeiten von Literatur aus. Damit verzichtet der Roman natürlich keineswegs auf Bedeutung, diese zieht er vielmehr auch aus seinen literarischen Verfahren, und es ist beeindruckend, wie all diese kleinen Versatzstücke schließlich ein virtuoses Gesamtarrangement bilden. Und das ist dann eben eine aus dem Kleinen entwickelte große Erzählkunst. (Klett Cotta, gebunden, 26,95 €)

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Mirko Bonné: Nie mehr Nacht (Schöffling & Co.)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker
Markus Lee reist mit seinem Neffen Jesse in die Normandie, wo er im Auftrag eines Kunstmagazins Brücken zeichnen soll, die 1944 bei der Landung der Alliierten eine besondere Rolle gespielt haben. Überschattet wird sie Reise durch den Suizid von Jesses Mutter. Für Markus wird die Reise zu einem monatelangen Aufenthalt im verlassenen Hotel L’Angleterre, das er hütet und wo er unter dem Einfluss der Geschichte des 2. Weltkriegs jene seiner eigenen Familie, seine eigene und die seines Verhältnisses zu seiner Schwester verarbeitet. Was als Road-Novel beginnt, wird zur melancholischen Bestandsaufnahme und zur individuellen und künstlerischen Selbstverortung.

 

„Nie mehr Nacht“ verhandelt auf vielschichtig und gekonnt historische und individuelle Traumata. In seiner komplexen Anlage, seiner bedachten und reflektierten Sprache (Bonné ist auch Lyriker) und der konsequenten Konstruktion von Prozessen der Entschleunigung, der Abkehr und der Auflösung entfaltet dieser Roman seine außergewöhnlichen poetischen Potenziale jenseits aller literarischen Trends. (Schöffling & Co., 19,95 €)

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