Feridun Zaimoglu, Evangelio. Ein Luther-Roman (Kiepenheuer & Wisch)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Einige Monate auf der Wartburg in den Jahren 1521/22, einige wüste Ausflüge nach Wittenberg oder zu Tier- und Menschenjagden sowie zwei sich konträr gegenüberstehende und doch aneinander gebundene Hauptfiguren – mehr Zeit und Raum braucht Feridun Zaimoglu nicht, um einen großartigen Luther-Roman und ein fantastisches Panorama dieser zerrissenen und krassen Zeit zu zeichnen.
In dieser Phase schaut Luther den Leuten aus Maul. In Schutzhaft auf der Wartburg, getarnt als Junker, von Teufelsvisionen geplagt, voller Hass auf Papisten und Juden, mit völliger Missachtung des Aufbegehrens der Bauern nähert er sich seinem großen Projekt der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, Biblia Teutsch. An seiner Seite steht ein fiktiver Landsknecht namens Burkhard, ein harter Kerl, der in vielen Fehden viel Blut gesehen haben muss. In Luther sieht dieser papst- und linientreue Katholik vor allem einen Ketzer, der die Kirche untergräbt und Unruhe im Land stiftet. Und doch ist er seinem Herrn per Eid verpflichtet, Luther zu beschützen.
Zaimoglu geht mit Evangelio in die Vollen. Er zeichnet ungeheuer kraftvoll, mit höchster Hingabe und höchster sprachlicher Kunst das Bild einer Zeit des Glaubens und Aberglaubens und der spätmittelalterlichen Zerwürfnisse. Seine Sprache ist dann auch ein Ereignis für sich: eine Annäherung an die Sprache Luthers und waghalsige Kunstsprache, die „Evangelio“ zu einem großen Leseabenteuer und zu großer Literatur werden lässt. Jawoll!

(Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 22,- €)