Jonas Lüscher, Kraft (C.H. Beck)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

„Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ (Weshalb ist alles, was ist, richtig und weshalb können wir es immer noch verbessern?).
In der Beantwortung dieser Frage sieht Richard Kraft, ein Tübinger Rhetorikprofessor, die große Chance zur Lösung seiner Probleme. Und die sind nicht eben klein, denn Kraft ist zwar einerseits hochintelligent, brillant, mit zwei Doktortiteln und einem unfassbaren Talent zum „Schwafeln“ ausgestattet. Doch er ist mittlerweile in seinen 50ern und Verschleiß ist am Werke. Sein Alleinstellungsmerkmal in akademischen Kreisen etwa, sein glühender, provokanter Einsatz für Wirtschaftsliberalismus, Angebotspolitik, die Vorstellungen Thatchers und Reagans, ist vom globalisierten Kapitalismus längst einverleibt und radikalisiert worden. Unmöglich, damit noch aufzufallen. Und es gibt da auch noch sein desolates Privatleben: Diverse Kinder aus diversen Beziehungen, mit einer Frau verheiratet, die er nicht will und die ihn nicht will, und ein Berg an Schulden, weswegen sein von Unterhaltszahlungen und Krediten gerupftes Professorengehalt für eine teure Scheidung nicht ausreicht.
Doch dann kommt sie, seine Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sich seiner Frau und seiner Schulden gleichermaßen zu entledigen. Istvan, sein alter Freund und wirtschaftsliberaler Weggefährte aus Studienzeiten in Westberlin, lädt ihn ein nach Kalifornien, um dort an einem Wettbewerb teilzunehmen. Ein superreicher Silicon-Valley-Typ hat ein Preisgeld von einer Million Dollar für denjenigen ausgelobt, der eben jene Frage in einem Vortrag von 18 Minuten am besten beantworten kann: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“.
Kraft macht sich auf nach Kalifornien. Doch es läuft nicht gut an, denn anstatt sich voll auf seine Aufgabe zu konzentrieren, sind es seine Erinnerungen und die Geister der Vergangenheit, die ihn einholen, mit einer supermobilen Silicon-Valley-Gegenwart kollidieren und ihm die Dilemmata seiner Existenz vor Augen führen. Sein Scheitern scheint programmiert.
Jonas Lüscher gelingt ein mitreißender Roman, der sich nicht auf Krafts privates Scheitern beschränkt, sondern eindrucksvoll, voller Dringlichkeit, Tragik und feiner Ironie einem großen Thema verschreibt: Dem Verfall der klassischen Biographie und dem Ringen nach Halt angesichts der Entgrenzung und Verflüssigung von Idealen und Standpunkten in einer unentwegten, selbstbezweckenden globalen Beschleunigung.

(C.H. Beck, gebunden, 19,95 €)