Lukas Bärfuss, Hagard (Wallstein)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Vom Verfolgen des Verfolgers:
Philip ist Immobilienmakler in Zürich, in seinen 40ern, und vielleicht könnte es ihm „gut gehen“. Und doch: Als er, während er auf einen verspätetet Termin im Gedrängel der Stadt ein Paar pflaumenblaue Ballerinas ausmacht, folgt er der Frau, die sie trägt und die er nur von hinten sieht. Ein Spiel? Eine Laune? Ein Zeitvertreib vielleicht? Nein, Philip geht viel weiter: Seinen Termin wird er nicht wahrnehmen, seine Geschäftsangelegenheiten nicht regeln, seine Assistentin nicht kontaktieren, sich nicht um sein Kind kümmern und schließlich die eigene Ernährung und Hygiene vernachlässigen. 36 Stunden lang wird er auf der Spur dieser für ihn namen- und gesichtslosen Frau bleiben, die Verfolgung erzeugt einen Sog, eine Spiralbewegung, aus der Philip nicht mehr ausscheren kann. Quer durch die Stadt führt sie ihn, zu Fuß, mit der Bahn, in einen Vorort und wieder zurück. Sein Handy-Akku ist leer, seine Uhr bleibt stehen und er verliert einen Schuh. Eine Verwahrlosung, eine Auslöschung vollzieht sich.
Was hält uns im Leben? Wie fragil sind die Verbindungen, die wir mit der Gesellschaft eingehen und wie absurd sind ihre Konventionen, denen wir wie selbstverständlich entsprechen? Was treibt uns an? Was passiert, wenn wir uns ausklinken? Es sind große Fragen um den Zustand des Menschen und des Menschlichen in unserer Zeit, die Bärfuss mit „Hagard“ einmal mehr meisterhaft verhandelt. Ein echter Kunstgriff ist die Erzählhaltung: Die Ereignisse werden berichtet von einem Erzähler, der Philip gekannt haben muss und der gleich zu Beginn anmerkt, er unternehme noch einen allerletzten Versuch, diese seltsame Geschichte aufzuschreiben. Eine rückblickende Position also, die das eigene Scheitern angesichts der Unmöglichkeit des eigenen Vorhabens kalkuliert. Und so überträgt sich auch die Rolle des Verfolgers: Philip folgt der Frau, der Erzähler folgt Philip, der Leser folgt dem Erzähler. Und auf keiner dieser Ebenen kann die Irritation ausgeräumt werden, die diese Geschichte umgibt.
Mit Philip zeichnet Lukas Bärfuss eine bemerkenswerte Verweigerer-Figur, mit einer Poetik der Irritation und Latenz und mit variierenden Erzählmodi, die ein Erzählen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten erlauben, setzt „Hagard“ Maßstäbe in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Spannend, intensiv, ausgefeilt – grandios!

(Wallstein, gebunden, 19,90 €)