Markus Orths, Max (Hanser)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was für ein Leben, was für ein Jahrhundert – was für ein Roman!
Das Leben von Max Ernst war nicht nur ereignisreich, es war spektakulär: 1891 in Brühl geboren (zu eng, zu klein), früh zur Kunst gekommen, als Soldat im ersten Weltkrieg, danach Mitgründer der Dadaisten in Köln (zu eng, zu klein), wichtiges Mitglied der Surrealisten in Frankreich, Flucht vor den Nazis und Emigration in die USA, späte Rückkehr nach Europa und später ökonomischer Erfolg. Er starb 1976 und gilt heute als einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts. Max Ernst war Teil der wesentlichen künstlerischen Diskurse, kannte die großen Künstler seiner Zeit und führte auch noch ein  bewegtes Beziehungsleben.
Ein toller Stoff für einen Roman also, dessen Potenzial Markus Orths mit „Max“ auf mitreißende Weise birgt und nutzt. Er fächert dabei die Positionen des Erzählens auf, indem er dem Leben von Max Ernst zwar weitgehend chronologisch folgt, die einzelnen Kapitel aber Menschen widmet, die in bestimmten Abschnitten Einfluss auf Max Ernst hatten und an den Scharnierstellen seines Lebens standen. Das sind maßgeblich sechs Frauen und der Dichter Paul Eluard, und so heißen die Kapitel Lou, Galapaul, Marie-Berthe, Leonora, Peggy, Dorothea. Es entsteht ein vielstimmiger Roman und all diese verschiedenen Stimmen, Erfahrungen und angelagerten Lebensentwürfe lassen ein lebendiges und greifbares Porträt der Zeit entstehen. Dafür hat Orths intensive Recherchen angestellt und man merkt seinem Buch an, dass es mit Begeisterung für seine Figuren entstanden ist. Es ist aber neben seiner hohen Situations- und Dialogsicherheit vor allem seine wunderbare Sprache – verspielt, witzig und kalauernd dort, wo er es sich leisten kann; konzentriert und ganz nah an den Ereignissen, wo es die historische Situation (etwa der Komplex Flucht und Exil) erfordert – die sein Buch über den Topos „Max Ernst und die Frauen“ hinausführen. „Max“ ist viel mehr als der x-te „Künstlerroman“: Seine Poetik der Korrespondenz zwischen Figuren und Erzählen, das Spiegeln ihres Handelns und ihrer Umtriebigkeit, ist ein großer Wurf, der Menschen, Zeit und Prozesse nahbar und aufwühlend lebendig erscheinen lässt. Markus Orths brennt für seine Figuren und für seinen Roman wie Max Ernst für seine Kunst brannte – das ist ansteckend!

(Carl Hanser Verlag, gebunden, 24,- €)