Aleš Šteger, Archiv der toten Seelen (Schöffling & Co.)

Steger_Archiv_der_toten_Seelen+KopieEine Empfehlung von Gerrit Völker

Slowenien? Maribor? War da was? Aber ja, eine ganze Menge, wie Bürgermeister Voda meint: Maribor sei Hauptstadt der Bratkartoffel, Ausrichtungsort internationaler Turniere in Jiu-Jiutsu und Ultimate Frisbee, sowie eines Europäischen Jägerkongresses. In Maribor steht Sloweniens Nationaltheater. Und ja, natürlich, Maribor ist 2012 Kulturhauptstadt Europas. Was der Bürgermeister nicht aufführt, was aber in Aleš Štegers famosen Roman „Archiv der toten Seelen“ sehr wohl eine Rolle spielt: Diese Ecke Europas war in ihrer wandelvollen Geschichte auch ein Ort von Kriegen, von abscheulichen und grausamstem Verbrechen und Gemetzeln. Doch wer sollte schon daran rühren, wenn die Gegenwart doch Kulturhauptstadt heißt.

Karneval 2012: In Maribor setzt sich eine Vermarktungsmaschinerie in Gang und die „wichtigen“ Bürger der kleinen Stadt wittern den großen Reibach. Dreist klüngeln Politiker, Gastronomen, Wurstproduzenten, Kulturmenschen vor sich hin. Genau zu diesem Zeitpunkt tauchen zwei seltsame Gestalten auf: Ein ehemaliger Scientologe und eine vorgebliche Journalistin sind auf der Suche nach den 13 Mitgliedern des „Großen Ork“, einer großen Weltverschwörung, die sich in Maribor manifestieren soll. Ein Befragter nach dem anderen dreht nach dem Interview durch. Maribor gerät in Aufruhr und die Spur des Ork führt über skurrile Gestalten und groteske Situationen tief hinein in Sloweniens und Europas düstere Abgründe. Und das ist nicht alles, es kommt zu einem wahrhaft abgefahrenen Showdown im ehrwürdigen Nationaltheater…

Štegers Roman schafft es, dem System eines aufgeblasenen und oberflächlichen Kulturevents auf kluge Weise den Spiegel vorzuhalten, indem er es mit der Geschichte und dem unerlösten Leiden des Ortes konfrontiert. Er bezieht sich auf Klassiker wie Bulgakow, Gogol, Bely oder Bachtin, ohne verkopft zu wirken. Im Gegenteil: „Archiv der toten Seelen“ kommt als metaphysischer Thriller daher und baut eine wunderbare Verschwörungstheorie auf. Und im selben Zuge wird all das persifliert, ins Groteske gesteigert, wobei Šteger den Trash keinesfalls scheut, sondern als eine unsere Zeit prägende Erscheinung brilliant und komisch in seine Erzählung integriert. Das macht „Archiv der toten Seelen“ zu einem lebendigen, kraftvollen und bereichernden Leseerlebnis.

Karneval? Bereicherung Einiger auf Kosten der Allgemeinheit? Trash? War da was? Aber ja, wie wir meinen. „Eine Stadt überall“ lautet das Motto von Štegers Signatur. Und man möchte sich gar nicht ausmalen, was hier wohl los gewesen wäre, wenn KÖLN tatsächlich einmal, wie einige „wichtige“ Bürger es ernsthaft vorhatten, Kulturhauptstadt Europas geworden… Nein, Schluss damit. Lesen Sie Aleš Štegers „Archiv der toten Seelen“!

(übers. v. Matthias Göritz, Schöffling & Co., gebunden, 22,95 €)

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