Anja Kampmann, Wie hoch die Wasser steigen

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Als Bohrarbeiter wird Waclaw weltweit auf Ölplattformen eingesetzt. Jede dieser künstlichen Inseln ist gleichermaßen eine künstliche isolierte Welt, in der Rohstoffe, Natur und Mensch ausgebeutet werden. Die Arbeiter schaffen sich eigene Hierarchien und Gesetze, betäuben sich gegen Heimweh, Enge und Einsamkeit. Als Waclaws bester und wohl einziger Freund unter den Ölarbeitern, Mátyás, bei einem Sturm über Bord geht und nach einer pflichtgemäßen aber halbherzigen Suche nicht wieder auftaucht, hält er es auf der Plattform nicht mehr aus und beginnt eine Reise und Sinnsuche. Er packt seine und Mátyás‘ Klamotten und fährt von Marokko nach Malta, Ungarn, wo er Mátyás Schwester besucht, weiter nach Italien, wo er einen Bekannten, ein wiedergekehrter italienischer Gastarbeiter trifft, und schließlich mit einer Brieftaube in einem alten Pickup ins Ruhrgebiet, wo er in einer Arbeitersiedlung in Bottrop aufgewachsen ist. Hier hatte er Milena kennengelernt, seine große Liebe, die er zurückgelassen hat, als er auf die Ölplattformen gegangen ist.
Welche Spuren hinterlässt ein Leben? Was bedeutet Arbeit heute und wie wirken sich Traditionsbrüche und Heimatlosigkeit auf die Familie, das Individuum, die Gesellschaft aus? Was passiert, wenn man sich ausklinkt, das Licht, Halt Herkunft und Sinn sucht? Es sind diese großen Fragen, die Kampmanns Roman mitführt und in Waclaws Reise feinsinnig und virtuos zusammenführt. Dabei werden keine zu einfachen Antworten geliefert, Kampmann steht nicht in der Tradition der Arbeiterliteratur. Mit Waclaw hat der Roman einen eigenwilligen und keinesfalls unterkomplexen Protagonisten. Und Kampmanns Sprache ist ein Ereignis für sich, mal vorsichtig tastend, mal sehr direkt, aufregend und wunderschön: „Die Zeit war kein Skihang, den man einfach wieder hinabfahren konnte. Es ging immer weiter hinauf in diesen Nebel; er hatte eine vage Erinnerung, dass es nicht immer so gewesen war. Dass sie sich erzählt hatten, bis es hell wurde. Milena, ihr inneres Königsberg. Orte, die sie gemeinsam kannten. Als würde es reichen, wenn man davon sprach.“
„Wie hoch die Wasser steigen“ ist ein  sprachlich und inhaltlich relevanter, grandioser Roman und gehört zum Besten, das die (jüngere) deutschsprachige Literatur derzeit bietet!

Hanser Verlag, gebunden, 23,- €, Erscheinungsdatum: 01/2018