Bachtyar Ali, Der letzte Granatapfel (Unionsverlag)

ali_granatapfelEine Empfehlung von Gerrit Völker

Einundzwanzig, diese Zahl nimmt im Leben des ehemaligen Peschmerga-Kämpfers Muzafari Subhdham eine besondere Bedeutung ein: 21 Jahre ist es her, dass er seinen Vorgesetzten Jakobi Snauber vor Regierungstruppen rettete und selber dabei in Gefangenschaft geriet. Es folgen 21 Jahre Einzelhaft in einem Knast in der Wüste, deren Kargheit, Einsamkeit und Schönheit Muzafari und seine Gedanken fortan prägen sollen. Und 21 Jahre lang hat er auch seinen Sohn Saryasi, den er als Kleinkind verlassen hatte, um zu kämpfen, nicht mehr gesehen. Niemand außer Jakobi Snauber weiß, wo er sich in diesen Jahren aufhält, man hält ihn für tot und vergisst ihn.

Und Snauber, die Revolution hat ihn reich und mächtig gemacht, ist es auch, der den Verschollenen schließlich befreit und in eines seiner Anwesen bringt. Doch hier hält es ihn nicht lange; er bricht auf, um seinen Sohn zu suchen und so beginnt eine atemberaubende Odysee, die Muzafari tief durch die Geschichten, Orte und Landschaften des kurdischen Nordiraks zu letztlich drei möglichen Söhnen (ein Marktverkäufer, ein in Isolationshaft sitzender Kämpfer und ein vom Krieg entstellter Zivilist, alle sind gleich alt und heißen Saryasi Subdam, alle hatten einen gläsernen Granatapfel in ihrer Kinderwiege), tief in seine eigene Vergangenheit, zurück zu Jakobi Snauber und schließlich an Bord eines Flüchtlingsschiffes auf dem Mittelmeer führt, wo er den Mitreisenden eben diese Geschichte erzählt.

„Der letzte Granatapfel“ ist ein großer Roman, der gleichermaßen wuchtig wie empathisch ist. Indem er Muzafari mit jedem der drei Saryasis seine mögliche Vaterschaft durchspielen lässt, gelingt Ali eine ungewöhnliche Generationengeschichte. Das Motiv der Versöhnung mit der jüngeren Generation und seines eigenen Handeln und Denkens gerät für Muzafari zunehmend in den Vordergrund und wird zum moralisch-existentiellen Antrieb. Als Erzählreigen angelegt, bedient sich der Roman ebenfalls der Traditionen des orientalischen Erzählens. Eine leidenschaftliche Sprache, märchenhafte und philosophische Einschübe, das Verhandeln der ganz großen Fragen unserer Existenz und großartige Szenen und Bilder machen aus diesem Roman bei allem Schrecken und Elend, von dem er erzählt, ein literarisches Ereignis und etwas zeitlos Lebendiges.

(übers. v. Ute Cantera-Lang u. Rawezh Salim, Unionsverlag, gebunden, 22,- €)