Brigitte Kronauer, Gewäsch und Gewimmel (Klett Cotta)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Dass literarische Größe sich oft im Kleinen verbirgt, dafür steht Kronauers Werk wie vielleicht kein zweites im deutschsprachigen Raum. Auch ihr neuer Roman, der Titel deutet es schon an, wimmelt nur so vor Stimmen, Einschüben und kleinsten Erzählungen, die, einzeln gelesen, komisch, tragisch, mysteriös, irritierend, lächerlich, düster oder luzid wirken. In ihrer Gesamtheit aber sind sie angelagert um das Geschehen in der Praxis der „Krankentherapeutin“ Elsa Gerlach. Deren Gegenpol im Romangewimmel bildet der Leiter eines  Renaturierungsprojekts, Hans Scheffer, der nicht nur auf Elsas Lieblingspatientin Luise Wäns große Anziehung ausübt. Ein Spaziergang der beiden Freundinnen und ein Gespräch über diese unglückliche Liebe bilden auch den langen, zusammenhängend geschriebenen Mittelteil des Romans. Darüber hinaus tritt im Geschehen eine Unzahl von Personen als Teil des großen Tratschens auf – Gewäsch und Gewimmel eben.

Kronauers vielfach ausgezeichnete Prosa hebt sich wohltuend ab vom derzeit in der Erzählliteratur vorherrschenden bedeutungsübersättigten Neo-Realismus. Gewäsch und Gewimmel entzieht sich den Zwängen einer unbedingten inhaltlichen Kohärenz, schöpft hingegen konsequent und gleichzeitig federleicht spielerische und formale Möglichkeiten von Literatur aus. Damit verzichtet der Roman natürlich keineswegs auf Bedeutung, diese zieht er vielmehr auch aus seinen literarischen Verfahren, und es ist beeindruckend, wie all diese kleinen Versatzstücke schließlich ein virtuoses Gesamtarrangement bilden. Und das ist dann eben eine aus dem Kleinen entwickelte große Erzählkunst. (Klett Cotta, gebunden, 26,95 €)