Archiv der Kategorie: Empfehlungen

Maike Wetzel, Elly

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Die elfjährige Elly verschwindet, von jetzt auf gleich ist sie einfach weg. Zuletzt wurde sie auf dem Weg zum Training gesehen. Was mit ihr geschehen ist und ob etwas mit ihr geschehen ist – man weiß es nicht. Unfall, Entführung, Mord, Suizid oder Flucht von Zuhause, alle Möglichkeiten kommen in Frage, es gibt keine Indizien, die für oder gegen etwas sprechen würden. Zurück bleiben ihre Eltern und ihre ältere Schwester, deren Gedanken sich rat- und rastlos um die Fragen danach drehen, was Ellys Verschwinden zu Grunde liegt, ob sie noch lebt, ob sie vielleicht zurückkehren wird. Ihre Fragen bleiben im Raum stehen; Ellys Verschwinden hinterlässt eine Leere, aus der keine Antworten zu erwarten sind. Und so versucht jeder für sich, die Lücke zu füllen, Elly zu substituieren, bis die Eltern schließlich einen krassen Schritt gehen.
„Elly“ ist ein Roman, der Spuren hinterlässt. Maike Wetzels bemerkenswert präzise Sprache und ihre Komposition, die an einen Versuchsaufbau erinnert und auf das Theater verweist, sorgen dafür, dass er an keine Stelle ins Emotive oder Therapeutische entgleitet. Die Psychologie findet im Handeln und Denken der Figuren statt, nicht in der Sprache. Diese Geschichte von Verlust und vergeblicher Wiederaneignung, von Latenz und tiefer Irritation ist frappierend und ergreifend, ihre Sprache reduziert und wesentlich und ihre Poetik überlegt und umsichtig. „Elly“ ist eine unbedingte Entdeckung, also: Lesen!

Schöffling & Co., 20,- €, gebunden, Erscheinungsdatum 07.08.2018

José Eduardo Agualusa, Das Lachen des Geckos

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Félix Ventura ist ein Exot. Als afrikanischer Albino fällt er auf im Straßenbild von Angolas Hauptstadt Luanda. Sein Aussehen stigmatisiert ihn und man meidet ihn. So lebt er recht zurückgezogen in seinem großen schattigen Haus, wo er diskret einer Tätigkeit nachgeht, die nicht minder außergewöhnlich ist als sein Erscheinungsbild und die er als „eine entwickelte Form von Literatur“ bezeichnet: Er verschafft Menschen eine neue Vergangenheit, einen fiktiven Stammbaum, stattet sie mit Materialien und Dokumenten aus, verschafft ihnen eine Herkunft, die ihnen die Gegenwart erleichtert. Aus dem korrupten Parteisoldat und Minister wird ein Bürgerkriegsheld, Politiker einfacher Herkunft werden zu Aristokraten, Neureiche werden zu Nachkommen von portugiesischen Eroberern… Venturas Herausforderung und gleichermaßen seine große Kunst ist die Verknüpfung dieser Pseudogenealogien mit dem gegenwärtigen realen Leben seiner Klienten. Als einer dieser Klienten, ein sinistrer Ausländer, dem Ventura eine afrikanische Vergangenheit verkauft, sich allzu sehr damit identifiziert und sie, auch im Zuge eigener Recherchen, mehr und mehr als wahr und real wahrnimmt, wird Ventura hineingezogen in undurchsichtige Prozesse, die seine Arbeit und seine Existenz erschüttern. Beobachtet wird er dabei vom Erzähler des Romans, der nach einer bemerkenswerten Metamorphose nun als Gecko an Wänden und Decken von Venturas Haus schleicht.
„Das Lachen des Geckos“ ist ein uneingeschränkt großartiger Roman. Er entwickelt nicht nur anhand seiner Figuren virtuos das Porträt des von jahrzehntelangen, verworrenen Revolutions- und Bürgerkriegshandlungen geschundenen Angola, sondern verhandelt so vielschichtig wie unangestrengt große Fragen nach den Wechselwirkungen von Herkunft und Legende, von Realität und Fiktion, von Leben und Literatur. Wunderbar, dass dieses große Leseerlebnis (toll übersetzt von Michael Kegler) nun wieder vorliegt.

Unionsverlag, 12,95 €, kartoniert, Erscheinungsdatum 16.07.2018

Isabelle Ausissier, Herz auf Eis

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Das junge Paar Louise und Ludovic hat (vordergründig) eigentlich alles, um glücklich zu sein: Sehr verliebt ineinander leben sie gemeinsam in Paris, wo sie interessanten Tätigkeiten nachgehen. Und dennoch: Ihr Leben langweilt den überaus charmanten, attraktiven Ludovic. Aus Angst, ihn zu verlieren, willigt Louise zu einem gemeinsamen Sabbatical ein. Sie beschließen, die Welt zu umsegeln, und mit ihnen geht der Leser auf Reise, die Freiheit und Weite genießend.

Die Lektüre bietet verschiedene Lesarten: Zum einen ist es ein großartiger Abenteuerroman – die Autorin hat als erste Frau alleine die Welt umsegelt, was sich sprachlich in grandiosen Naturbeschreibungen reflektiert, zum anderen ist es eine vielschichtige Beziehungsgeschichte.

Was bleibt von einer großen Liebe in einer absoluten Ausnahmesituation? Die Beiden stranden ohne Boot auf einer einsamen, unwirtlichen Insel im stürmischen, eiskalten Südatlantik. Beim Versuch zu überleben und gleichzeitig ihre Würde und Menschlichkeit zu wahren, geht doch so einiges verloren.

Es entwickelt sich ein eisiger, wuchtiger Sog in diesem psychologischen Drama – vielschichtig und klug.

Mare Verlag, 22,00 €, gebunden, Erscheinungsdatum: 07.03.2017

Das Taschenbuch erscheint am 15.10.2018!

Julie Murphy, Dumplin

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Ein wunderbarer Jugendroman über Freundschaft, Loyalität und darüber, dass es im Leben wichtigeres gibt als Körpergrößen.

Die 16-jährige Willodean, „Dolly-Parton-Verehrerin und die Dicke vom Dienst“ hat sich inzwischen daran gewöhnt, von ihrer Mutter nur „Dumplin“ (Pummelchen) genannt zu werden. Sie findet es nicht weiter schlimm, denn sie ist nun mal nicht gertenschlank. Vor allem aber: Sie fühlt sich wohl in ihrem Körper – so, wie sie ist. Doch dann lernt sie den sportlichen und unfassbar attraktiven Bo kennen. Als dieser sie aus scheinbar heiterem Himmel küsst, ist sie vollends verunsichert und plötzlich macht es ihr doch etwas aus, nicht schlank zu sein. Sie stellt sich die Frage, was wohl die Anderen denken würden, wenn sie zusammen mit dem gutaussehenden Bo gesehen wird. Nein, eigentlich fragt Willodean sich das nicht, sie weiß es: „Was will denn dieser schöne Junge von der Dicken?“ Eine sehr wichtige Rolle spielt Wills beste Freundin Ellen. Es häufen sich Situationen, in denen sich Will die Frage stellen muss, ob sie für Ellen vielleicht doch nur die dicke, lustige Freundin ist, durch deren Gegenwart die Schönheit Ellens noch besser zur Geltung kommt. Will beschließt etwas, und springt damit über ihren eigenen Schatten.  Nur so viel sei an dieser Stelle verraten: Es geht um einen jährlichen Schönheitswettbewerb, der immer im Sommer mit Teenagern stattfindet…

Das Buch setzt sich subtil und vielschichtig mit dem Thema „Vorurteile“ auseinander und handelt davon, dass wir uns viel zu viele Gedanken darüber machen, was andere von uns denken. Und es verhandelt das Thema Loyalität, „…die nicht blind ist. Sie bedeutet auch, jemandem zu sagen, dass er einen Fehler macht, wenn keiner sonst es tut.“ Es gibt so viele schöne und kluge Gedanken in diesem Buch: „Badeanzüge haben so etwas an sich, das einen denken lässt, man müsste sich erst das Recht verdienen, sie zu tragen. Aber eigentlich ist doch die entscheidende Frage: Hast Du einen Körper? Dann zieh ihm einen Badeanzug an.“

Witzig erzählt ist es auch. Und: Es ist kein Buch, welches die Botschaft hat „Liebe-Dich-so-wie-Du-bist“ bzw.  „Dickes-Mädchen-und-gutaussehender-Junge-verlieben-sich-und-alles-ist-gut“.  Will ist zwar ein starkes Mädchen, jedoch schleppt sie enorme Selbstzweifel mit sich herum.   Die Autorin macht Will aber eben auch nicht zur unantastbaren Superheldin, die über jede Kritik erhaben ist.

Die Kritiker von der New York Times waren absolut begeistert. Die Verfasserin dieses Artikels ebenso.

Verlag FJB, 18,99 €, gebunden, Erscheinungsdatum 22.03.2018, ab 14 Jahre

 

 

Claire Lebourg, Unterwegs mit Söckchen

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Söckchen mag es behaglich. Er genießt die Ruhe in seinem Haus am Strand, trinkt Kaffee aus seiner Lieblingstasse, schwimmt bei Flut in seinem Wohnzimmer und sammelt und verkauft Sachen, die das Meer anspült. Außerdem schläft er einfach unheimlich gerne. Doch als nach der letzten Flut ein Walross namens Fiete in seinem Wohnzimmer sitzt, keine Anstalten macht zu gehen und auch noch seine Familie nachkommen lässt, ist es aus mit der heiligen Ruhe. Söckchen braucht Urlaub im wunderschönen Süden. Aber ohne Fiete ist das jetzt auch irgendwie doof. Und dann kommt auch noch Felix…
Eine wundervolle Geschichte über einen kleinen Eigenbrötler und die Freundschaft. Grandios geschrieben und illustriert sowie prächtig übersetzt von Annette von der Weppen.

Für Vorleser*innen und Selbstleser*innen von 5 bis 8 Jahre.

Aladin Verlag, 12,95 €, gebunden, Erscheinungsdatum 28.06.2018

Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Wolfram Eilenberger, der langjährige Chefredakteur des „Philosophie Magazins“ und „Zeit“ Kolumnist, erweckt in seinem Buch „Zeit der Zauberer“ die Philosophie der zwanziger Jahre (1919-1929) zwischen Lebenslust, Wirtschaftskrise und aufkommendem Nationalsozialismus zum Leben.Die großen Philosophen Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein waren prägend in jener Zeit – sie ließen die deutsche Sprache vor der unsäglichen Katastrophe des dritten Reiches zur Sprache des Geistes werden. In diesem wohl beliebtesten Aufenthaltsraum für Ideenhistoriker, der Weimarer Republik, schildert der Autor das Leben und Wirken der vier Ausnahmephilosophen, worin sich zentrale Lernpunkte und Kontraste, neuralgische Punkte sowie charakteristische Fragestellungen und Denkmodi der Epoche manifestieren. In ihren Lebenswegen und dem revolutionären Denken sieht Eilenberger den Ursprung unserer heutigen Welt begründet.Dem Leser dieses in jeglicher Hinsicht überaus gelungenen Buches begegnen die Philosophen nicht nur reflektierend als Figuren ihrer Zeit, sondern absolut lebensprall in ihrer Alltagswelt. Diese Art philosophischer Hintertreppe ist eine überwältigende kulturhistorische Darlegung – hervorragend recherchiert, zugänglich, temporeich und sehr unterhaltsam.  So erfahren wir einiges über den rasanten Aufstieg des Seinsphilosophen Heideggers und dessen großer Liebe zu Hannah Ahrendt, eine der signifikantesten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Über den Genius und Milliardärssohn Wittgenstein, der – geradezu als Messias der Philosophie verehrt – völlig verarmt Grundschüler unterrichtet. Über den Semiotiker Ernst Cassirer, der als großbürgerlicher Bildungsbürger das Heraufziehen und Aufsteigen des Antisemitismus am eigenen Leib erfährt. Und schließlich Walter Benjamin, dessen amour fou auf Capri mit einer lettischen Anarchistin ihn zum Revolutionär werden lässt. Die Lektüre dieses wundervollen Werkes (Epochenbeschreibung, Vierfachbiographie und Werkeinführung!!!), dem viele Leser zu wünschen sind, ist lehrreich, ohne zu belehren, augenzwinkernd, aber nie etwa voyeuristisch, bewahrt das Staunen der Philosophie, nicht aber ihr Unverständnis.  Im März 1929 fand die Davoser Disputation statt. Auf dem Symposium stand formal die kantische Frage ´Was ist der Mensch´. Der Antwort bin ich nach der inspirierenden, erhellenden, fabulierfreudigen, klugen und amüsanten Lektüre ein klein wenig näher gekommen.

Klett-Cotta Verlag, 25,00 €, gebunden, Erscheinungsdatum 10.03.2018

Kelly Barnhill, Das Mädchen, das den Mond trank

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Am Rande eines dunklen Waldes lebte einmal eine Hexe, die sich Xan nannte. Alle in der Stadt dachten, sie sei böse und gefährlich, denn sie holte sich jedes Jahr das jüngste Kind, die anderen Bewohner verschonend. Nun- sie nahm es sich nicht einfach so, sondern die Städter setzten es aus und Xan nahm es mit. Das war schon immer so.

Bis- ja bis in jenem Jahr als das Mädchen Luna in die Obhut der -vermeintlich- grausamen Hexe kam. Luna findet nämlich heraus, dass der üble und furchterregende Ruf der Hexe keineswegs der Wahrheit entspricht. Die Hexe entpuppt sich nämlich als – zwar manchmal grummelnd – überaus liebenswürdig und weise. Meist umspielt ein Lächeln ihren breiten Mund, trotz Missstimmung funkeln ihre gütigen alten Augen und aus einem bestimmten Winkel betrachtet hat sie Ähnlichkeit mit einer großen, freundlichen Kröte.
Der Mond – dick und rund und leuchtend – sowie das magische Mondlicht spielen in dieser zauberhaften, sprachlich üppigen Geschichte
eine bedeutende Rolle. Und mit der kleinen Luna erleben wir eine spannende Reise voller Überraschungen.

Dieser Roman ist sowohl inhaltlich als auch in seiner sprachlichen Umsetzung wuchtig und behutsam zugleich.
„So mitreissend und vielschichtig wie die Klassiker ‚Peter Pan‘ und ‚Der Zauberer von Oz'“ schrieb ein Kritiker der New York Times begeistert. Ich kann mich diesem enthusiastischen Urteil nur anschliessen-ein wunder-wunderschönes Buch!!!

FISCHER Sauerländer, gebunden, 16,99 €, Erscheinungsdatum 22.02.2018

Alter: ab 10 Jahre

Haruki Murakami, Die Ermordung der Commendatore Bd. I & Bd. II

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Haruki Murakami, Die Ermordung der Commendatore Bd. I (Eine Idee erscheint) & Bd. II (Eine Metapher verwandelt sich)

Eines gleich vorab: „Die Ermordung des Commendatore“ ist wohl das Beste, das man in den letzten sicher zehn Jahren vom großen Haruki Murakami zu lesen bekommen hat. Diese Geschichte übt eine seltsame Faszination aus und erzeugt einen Sog, wie sie selbst in Murakamis Werk von Weltrang nur die absoluten Highlights zu erzeugen vermögen.
Eigentlich ist der namenlose Erzähler dieses Romans ein ziemlicher Normalo. Er ist Maler und als solcher spezialisiert auf Auftragsporträts, die vor allem reiche Männer von sich anfertigen lassen und in ihr Büro hängen. Er ist Mitte dreißig, mit einer Frau verheiratet, die er gerne bekocht und mit der er ein recht unspektakuläres Leben in Tokio lebt. Nichts Bedeutendes, nichts besonders Aufregendes. Sein wunder Punkt ist der frühe Tod seiner Schwester, die an einer Herzkrankheit gestorben ist, als beide noch Jugendliche waren. Doch alles ändert sich, als seine Frau ihn aus heiterem Himmel verlässt. Der Erzähler fährt zunächst ziellos durch Japan, bevor er im Haus eines berühmten alten Malers unterkommt, mit dessen Sohn er befreundet ist. Im nahegelegen Ort kann er Malkurse für Kinder und Erwachsene geben. Doch in diesem abgelegenen Haus widerfahren ihm seltsame Dinge, die seine Irritation nach der Trennung von seiner Frau erheblich verstärken und den Rahmen einer kontrollierbaren Welt sprengen. Auf dem Dachboden des Hauses entdeckt er ein bislang unbekanntes, faszinierendes Werk des Großmeisters namens „Die Ermordung des Commendatore“, das im Stile der traditionellen japanischen Malerei auf rätselhafte Weise eine Opernszene aus Don Giovanni mit einem biographischen Erlebnis des Meisters im Wien der 1930er Jahre zu verbinden scheint. Ein ebenso weltgewandter wie mysteriöser, schwerreicher Mann namens Menshiki tritt an ihn heran und bietet ihm eine abstrus hohe Summe für ein Porträt, für das der Erzähler einen völlig anderen, für ihn neuen Stil wählt. Zusammen gehen sie dem mysteriösen Läuten einer Klingel nach, das jede Nacht um dieselbe Zeit zu hören ist. Es scheint aus einem alten Schrein zu stammen, den sie öffnen lassen und unter dem sich eine gemauerte Grube verbirgt. Hier finden sie tatsächlich das Glöckchen – aber wer hat geläutet? Jetzt wird es abgefahren: Eine seltsame Figur erscheint ihm, die sich als „Idee“ ausgibt und sich ihm in Gestalt des Commendatore aus eben jenem rätselhaften Bild manifestiert. Menshiki bietet erneut eine hohe Summe, wenn er ein Mädchen porträtiert, das möglicherweise seine Tochter ist und das beim Erzähler Erinnerungen an seine verstorbene Schwester hervorruft. Und das sind nur einige der seltsamen Ereignisse und Entwicklungen, denen er sich gegenübersieht…
Aus dem Aufeinandertreffen seines Protagonisten mit einer Anderswelt, in der alles in ihm rätselhaften Zusammenhängen zu stehen scheint und die immer größeren Einfluss auf sein Leben und sein Werk als Künstler nimmt – beides erfährt eine bemerkenswerte Entgrenzung – entsteht eine Spannung, die bis zum Schluss anhält. Dabei ist Murakamis Sprache und Erzählweise (in der tollen Übertragung ins Deutsche von Ursula Gräfe) nicht auf Effekte angelegt, was auch ein besonderes Faszinosum dieses Romans und vielleicht von Murakamis Werk insgesamt ausmacht: Es ist auf unspektakuläre Weise spektakulär – Weltliteratur!

DuMont Buchverlag GmbH, gebunden, 26,00 €, Erscheinungsdatum Band I: 22.01.2018 und Band II: 16.04.2018

Anja Kampmann, Wie hoch die Wasser steigen

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Als Bohrarbeiter wird Waclaw weltweit auf Ölplattformen eingesetzt. Jede dieser künstlichen Inseln ist gleichermaßen eine künstliche isolierte Welt, in der Rohstoffe, Natur und Mensch ausgebeutet werden. Die Arbeiter schaffen sich eigene Hierarchien und Gesetze, betäuben sich gegen Heimweh, Enge und Einsamkeit. Als Waclaws bester und wohl einziger Freund unter den Ölarbeitern, Mátyás, bei einem Sturm über Bord geht und nach einer pflichtgemäßen aber halbherzigen Suche nicht wieder auftaucht, hält er es auf der Plattform nicht mehr aus und beginnt eine Reise und Sinnsuche. Er packt seine und Mátyás‘ Klamotten und fährt von Marokko nach Malta, Ungarn, wo er Mátyás Schwester besucht, weiter nach Italien, wo er einen Bekannten, ein wiedergekehrter italienischer Gastarbeiter trifft, und schließlich mit einer Brieftaube in einem alten Pickup ins Ruhrgebiet, wo er in einer Arbeitersiedlung in Bottrop aufgewachsen ist. Hier hatte er Milena kennengelernt, seine große Liebe, die er zurückgelassen hat, als er auf die Ölplattformen gegangen ist.
Welche Spuren hinterlässt ein Leben? Was bedeutet Arbeit heute und wie wirken sich Traditionsbrüche und Heimatlosigkeit auf die Familie, das Individuum, die Gesellschaft aus? Was passiert, wenn man sich ausklinkt, das Licht, Halt Herkunft und Sinn sucht? Es sind diese großen Fragen, die Kampmanns Roman mitführt und in Waclaws Reise feinsinnig und virtuos zusammenführt. Dabei werden keine zu einfachen Antworten geliefert, Kampmann steht nicht in der Tradition der Arbeiterliteratur. Mit Waclaw hat der Roman einen eigenwilligen und keinesfalls unterkomplexen Protagonisten. Und Kampmanns Sprache ist ein Ereignis für sich, mal vorsichtig tastend, mal sehr direkt, aufregend und wunderschön: „Die Zeit war kein Skihang, den man einfach wieder hinabfahren konnte. Es ging immer weiter hinauf in diesen Nebel; er hatte eine vage Erinnerung, dass es nicht immer so gewesen war. Dass sie sich erzählt hatten, bis es hell wurde. Milena, ihr inneres Königsberg. Orte, die sie gemeinsam kannten. Als würde es reichen, wenn man davon sprach.“
„Wie hoch die Wasser steigen“ ist ein  sprachlich und inhaltlich relevanter, grandioser Roman und gehört zum Besten, das die (jüngere) deutschsprachige Literatur derzeit bietet!

Hanser Verlag, gebunden, 23,- €, Erscheinungsdatum: 01/2018

Daniel Galera, So enden wir

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Der apokalyptisch anmutende Titel ist Programm dieses Romans. Die aufstiegsverwöhnte Mittelschicht Brasiliens -und stellvertretend nicht nur dort- sieht sich im Vorfeld des globalen Ereignisses der Fußballweltmeisterschaft großen Erschütterungen ausgesetzt. Der grenzenlosen Idealisierung des Internets steht eine große Ernüchterung gegenüber, Lebensläufe scheinen erstarrt in öder Routine, Gewissheiten im Leben äußerst porös und fragil. Überall wird gestreikt, ständig für oder gegen etwas demonstriert; das Land scheint in großer Aufruhr, wo sich selbst die Polizeigewalt nicht mehr nur gegen die Bitterarmen der Favelas richtet, sondern gerade gegen jene, die sich als Normalbürger unter den Demonstranten wähnen.

Erzählt wird die polyperspektivische Geschichte von vier Freunden.

Künstler, Kulturschaffende, Vertreter der digitalen Boheme in der Mitte ihres Lebens:

Emiliano, ein freier Feuilletonjournalist, Aurora, eine Genetikerin, Antero, ein Verhaltens-Ökonomen und Duque, ein ehemals hochgelobter Schriftsteller, der bei einem brutalen Raubüberfall stirbt. An dessen Grab finden sich nun seine drei engsten Freunde wieder und die scheinbar grundlose Melancholie, die in ihrem Alltag ständig präsent war, weicht der Trauer über den Verlust, den nicht zu ändernden Tod. Kurioserweise scheint der Tod des Autors sie bei aller wahrhaftig empfundenen Trauer der Lethargie zu entreißen, die Trauer erwächst zu neuer Lebensintensität. Emiliano beschließt, sich weniger dem Alkohol und seinen promisken Männeraffären hinzugeben und dafür eine Biographie über Duque zu schreiben.

Große Sinnfragen werden verhandelt, wie z.B. ob die Vorstellung, dass jeder von uns so einzigartig ist wie die strukturelle Beschaffenheit einer Schneeflocke nicht etwa nur eine narzisstische Verblendung sei? Ist Schnee nicht -aus großer und gleichzeitig kritischer Distanz betrachtet- nicht einfach eine konforme Masse?

Wer sind wir? Und: Wie enden wir?

Im Roman wird viel getrunken und Galera zeigt Körperlichkeit nah und direkt. Vielleicht bilden die teilweise drastisch pornographischen Elemente das Gegengewicht zu den intellektualisierten Diskursen. Galera bricht somit nicht nur mit dem sogenannten magischen Realismus, der für die südamerikanische Literatur lange stilgebend und prägend war, sondern vielleicht auch mit mancherlei Lesererwartung. Ein kluger, überraschender Roman, der die Gefühls- und kulturelle Mentalitätslage der sich im Leben vermeintlich Eingerichteten verhandelt und erforscht.

Suhrkamp, gebunden, 22,00 €, Erscheinungsdatum: 12.02.2018