Archiv der Kategorie: Empfehlungen

Joshua Cohen, Auftrag für Moving Kings

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

David King, Sohn eines Holocaustüberlebenden, macht viel Geld als Umzugsunternehmer in New York. Er baut er sein Unternehmen Schritt für Schritt aus, macht Umzüge, vermietet Lagerhallen, führt Zwangsräumungen und Zwangsversteigerungen durch. Ethik, Moral und Empathie sind dabei fast naturgemäß nicht unbedingt seine Richtlinien. Doch jetzt ahnt er, dass es abwärts gehen kann: Seine Frau trennt sich von ihm, seine Tochter nimmt zu viel von seinem Geld, zu viele Drogen und landet schließlich ausgerechnet bei einer NGO. Auch gesundheitlich baut er ab, ein unlängst erlittener leichter Herzinfarkt deutet es an. Was ihm hilft und Rückhalt gibt, ist Israel. Hier lebt seine Schwester mit ihrer Familie; aus Israel oder vielmehr seiner Vorstellung von Israel zieht er die Grundlagen seines Jüdischseins in den USA. Als sein Neffe Yoav nach abgeleistetem Militärdienst nach New York kommt, um sich „zu erholen“ und für David zu arbeiten, und sein Kamerad (und Lebensretter) Uri sich ihm anschließt, kommen diese beiden Welten zusammen. Und es ist ein Crash: Während Uri den Harten gibt und sich hervorragend zur Durchführung von Zwangsräumungen eignet, fallen Yoav immer wieder seine im Kampf gegen die Palästinenser erlittenen Traumata auf die Füße, denn das Räumungsgeschäft in New York erinnert ihn auf allzu fatale Weise an einen Kampfeinsatz. Besonders als sie die Wohnung von Avery Luter räumen sollen, einem zum Islam übergetretenen Veteranen.
Joshua Cohen schreibt schnell, wuchtig und voll teils feiner, teils derber Satire. Etliche Dialoge sind famos und wie er in Hochgeschwindigkeit mit seinen korrespnierenden Motiven Herkunft und Religion, Idee und Wirklichkeit, Israel und USA jongliert, ist brillant. Und es ist beängstigend, denn wenn in den Figuren schon alles im Kleinen crasht, was wird dann wohl aus dem großen Ganzen? „Auftrag für Moving Kings“ hält sich dabei jedenfalls nicht mit Kleinigkeiten auf und seine Figuren führen sich auf Schauspieler in einer aus dem Ruder gelaufenen Theateraufführung: Sie rangeln um die Vorherrschaft in der Handlung, verdrängen die anderen, nur um gleich selber wieder in den Hintergrund gedrängt zu werden. So vermeidet der Roman die Langeweile und die auserzählte epische Glätte vieler amerikanischer Gesellschaftsromane. Seine Charaktere werden nicht detailliert psychologisch ausgeleuchtet, ihr Handeln nicht ausführlich begründet. Der Roman verfährt eher wie seine Figur David King auf seinen Fahrten im Lieferwagen durch New York: Er beschleunigt in den Kurven – und das ist großartig.

(übers. v. Ingo Herzke, Schöffling & Co., gebunden, 300 S.)

Tomer Gardi, Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Das hatte sich der Schriftsteller Kaldi bestimmt anders vorgestellt, der in Israel auf dem Amt Arbeitslosenhilfe beantragen möchte. Diesen Beruf, Schriftsteller eben, gebe es nicht, so sein Sachbearbeiter, und somit könne er auch gar nichts beantragen, es gibt nichts. Verdammt. Doch der Schriftsteller hat eine Idee, so einfach wie riskant. Er schlägt vor, dem Beamten mit jedem wöchentlichen Termin fortlaufend Geschichten zu erzählen, ihm zu beweisen, dass Erzählen sehr wohl eine Profession ist. Solange dieser zuhört, kriegt Kaldi seinen Stempel und sein Geld und „sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück“. Der Beamte geht auf den Deal ein und Kaldi beginnt mit dem Erzählen: von einer Schriftstellerin, die auf dem Amt Arbeitslosenhilfe beantragen möchte und erfährt, dass es ihren Beruf gar nicht gebe, von einem Gasballonverkäufer, einem Messer und einem Vorwurf, von einer Flaschensammlerin und einem rosafarbenen Glücksfisch, von einem Schriftsteller, der den Kriegsdienst „verweigert“, indem er besoffen antritt, wofür er büßen muss, von einem Putzmann in Stierkampfarenen und der Geschichte des Stierkampfs in Israel (!)… Ihnen allen ist gemein, dass sie arme Schlucker sind, für die es ums Überleben geht, die aber in einem Staat Israel leben, der sie abweist, klein hält, degradiert und aus dem sie nicht einfach raus können, in dem sie gewissermaßen gefangen sind.
Gardi erzählt zügellos, wild und virtuos, mal realistisch und mal märchenhaft vom Leben und Zusammenleben in Israel. Es geht um Staatsmacht, Amtswillkür und Zynismus, die Ohnmacht des Einzelnen, um Macht und Ohnmacht des Erzählens und um die Absurdität all dessen. „Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück“ ist so komisch wie tiefsinnig, poetisch ausgefeilt und doch griffig. Ein famoser Roman, auch weil er auf sehr sympathische Weise der feuilletonistischen Gefälligkeitsliteratur das Risiko und das Abenteuer entgegensetzt – echte, lebendige Literatur!

(übers. v. Anne Birkenhauer, Literaturverlag Droschl, gebunden, 160 S., 20,- €)

José Eduardo Agualusa, Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

José Eduardo Agualusa ist einer der wichtigen portugiesischsprachigen Autoren und mit jedem seiner ins Deutsche übersetzten Titel darf man betonen, dass es mit seinen Büchern ein literarisches Werk von Rang zu entdecken gibt, dessen Rezeption bei uns, vielleicht auch wegen des postkolonialen westlichen Dünkels gegen afrikanische Literatur, seiner literarischen Qualität und Bedeutung bei weitem nicht gerecht wird.
Agualusa, der die gesamte lusophone Welt sein Zuhause nennt, stammt aus Angola und hier spielt auch sein neuer, von Michael Kegler großartig übersetzter Roman „Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“, der die Schwellensituation angolanischer Gegenwart zwischen Bürgerkriegsgeschichte und Aufbruch ungemein geistreich einfängt. Als Kunstgriff erweist sich dabei sein Verfahren, die Handlung aus den Figuren, aus ihren Vergangenheiten und ihrem Aufeinandertreffen in der Gegenwart heraus zu entwickeln. Hauptfigur ist der kritisch-politische Journalist Daniel Benchimol, der nach einer eher räudigen Scheidung nach Halt und neuen Wegen sucht. Um sich vom stressigen Alltag der Hauptstadt Luanda zu erholen, reist er für ein paar Tage ans Meer, in das Hotel seines Bekannten Hossi. Von Hossi wird schnell klar, dass er einerseits wegen seiner kämpferischen Vergangenheit im Bürgerkrieg heute die relative Anonymität des Hotelbetriebs schätzt. Andererseits hat er eine seltsame Eigenschaft: Er erscheint, in eine merkwürdige Uniform gekleidet, in den Träumen von Menschen, die sich in seiner Nähe befinden. Wegen beidem scheint der Geheimdienst sich für ihn zu interessieren. Benchimol seinerseits träumt von einer attraktiven Frau, die sich zu seiner Überraschung als die reale südafrikanische Künstlerin Moira herausstellt. Sie lernen sich kennen und nähern sich an. Sie ist gleich auch fasziniert von Hossis verrückter Rolle als Traumgänger und macht ihn, zusammen mit einem Neurologen, zum Gegenstand eines wissenschaftlich-künstlerischen Joint Ventures. Die Träume von Benchimols Tochter Lúcia hingegen sind politischer Natur. Sie kehrt aus Portugal zurück nach Angola und schließt sich einer Gruppe von Aktivisten an, die sich gegen den korrupten Machtapparat  stellen und das Parlament in Luanda stürmen. Dafür gehen sie in den Knast und treten in einen Hungerstreik. Benchimol ist gezwungen, sich nicht nur kontrovers mit seiner Exfrau über die Situation seiner Tochter, sondern abermals auch mit der politischen Lage seines Landes auseinanderzusetzen.
Es ist faszinierend und bewundernswert, mit welcher Poesie und leichter Feder Agualusa mit seiner „Gesellschaft“ komplexe Fragen nach meschlichem Miteinander und zeitlichen Kontexten unserer Gegenwart verhandelt, ohne jemals ins Diskurshafte abzugleiten. Die Träume sind hier nicht nur wundervolle fantastische Einlassungen in die Wirklichkeit, sondern stehen als mögliche Zukunft in Relation zu unserer jeweiligen Gegenwart: als vergangene und gegenwärtige Zukunft, als vergangene und gegenwärtige Vergangenheit. Vielleicht sogar als zukünftige Gegenwart, denn Träume sind bei Agualusa, wie die Literatur, subversiv und mächtig: Sie können sogar Regierungen in die Knie zwingen. Groß!

(übers. v. Michael Kegler, C.H. Beck, gebunden, 304 Seiten, 22,- €)

 

Verena Roßbacher, Ich war Diener im Hause Hobbs

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

„Es war ein schlampiger Tag. Dies ist eine einfache Geschichte.“
Das sind die ersten Sätze in Verena Roßbachers wundervollem Roman „Ich war Diener im Hause Hobbs“. Für Christian allerdings, den etwas verpeilten Erzähler, soll es nicht der einzige schlampige Tag sein. Und ganz so einfach ist diese Geschichte beileibe nicht, denn Roßbacher spannt so virtuos wie genüsslich ein Netz an Beobachtungen, Intrigen, menschlichen Abgründen, biographischen und literarischen Wendungen und Finten.
Christian blickt zurück auf zehn Jahre, die er als Diener bei einer schwerreichen Zürcher Familie gearbeitet hat. Von seinem Beruf, den er an einer Butlerschule in Holland erlernt hat, hat er ein durchaus romantisches Bild, doch die hehre Dezenz, die er an den Tag zu legen versucht und die ihm auch der Überschreibung seiner provinziellen Vergangenheit dient, wirkt angesichts der Verhältnisse lächerlich und grotesk. Seine Arbeitgeber spielen da einfach nicht mit. Schnell ist klar, dass sowohl der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Jean-Pierre Hobbs, als auch sein Zwillingsbruder Gerome, ein in Bezug auf die Kunst wenig ambitionierter Künstler, als auch seine hübsche Frau Bernadette keineswegs so verhalten, wie sich Christian (als Diener lässt er sich Robert nennen) das idealerweise ausmalt und wie es ihm in den Kram passen würde. Sie haben alle Dreck am Stecken, spielen ihre Spielchen; darüber können ihre perfekt arrangierten Familienfotos, die sie als Grußkarten verschicken, nicht hinwegtäuschen. Doch Christian hat Probleme, all diese Andeutungen unter der Oberfläche, seine vielen kleinen Beobachtungen, die unklaren Handlungen und mehrdeutigen Blicke zu ordnen und ein schlüssiges Bild zu gewinnen. Hoffnungslos überfordert ist er schließlich, als Frau Hobbs sich in den Kopf setzt, nach Feldkirch in Vorarlberg zu reisen, um der dortigen Schubertiade beizuwohnen. Das ist nämlich sein Herkunftsort und es schmeckt ihm überhaupt nicht, dass die moderne und allzu aufgeschlossene Frau Hobbs das Städtchen und seine alten Freunde kennenlernt. Diese beiden Welten – Zürich, wo er Robert heißt, und Feldkrich, wo man ihn „Krischi“ ruft – möchte er nur zu gerne voneinander getrennt sehen. Doch zu spät. Und was läuft da eigentlich zwischen Frau Hobbs und seinem alten Kumpel Olli? In Feldkirch nehmen neue Entwicklungen ihren Ausgang, die letztlich nicht nur mit einem schlampigen Tag, sondern mit zwei Toten enden werden. Echt keine einfache Geschichte.
„Ich war Diener im Hause Hobbs“ ist ein großartiger Roman, der unglaublich lässig und präzise mit Klischees spielt, mit Motiven jongliert, Versatzstücke einfügt. Es ist gleichermaßen ein Butlerroman wie eine Krimiparodie und, in den grandiosen Feldkirch-Episoden, eines der schönsten Provinzporträts in Romanform der letzten Jahre. Aus einer tragikomischen Grundstruktur entwickelt Roßbacher eine inhaltliche Dynamik und eine erzählerische Vielfalt, die ihren „Diener“ zu einem durchweg unterhaltsamen und bereichernden Leseerlebnis machen.

(Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 380 S., 22,- €)

Lena Hach, Flo und Valentina. Ach, du nachtschwarze Zwölf!

https://www.beltz.de/fileadmin/beltz/productsfine/9783407812360.jpgEine Empfehlung von Gerrit Völker

Es ist stockfinstere Nacht, als Flo wach wird. Da ist doch jemand in seinem Zimmer? Bestimmt sein meistens doofer Bruder! Das sieht ihm ähnlich, der ärgert ihn doch immer… Doch ist es wirklich Anton, der dieses seltsame Schlaflied anstimmt und an seinem Kopfkissen zieht? Flo staunt nicht schlecht, als er schließlich das Licht anmacht: in seinem Zimmer ist ein wildfremdes, sich ziemlich seltsam gebärendes Mädchen.  Ist sie Zahnfee oder das Sandmännchen, wie sie behauptet? Ausgeschlossen. Aber eines steht fest: Sie will Flos Wackelzahn haben. Und dann verplappert sie sich, von wegen Zahnfee: Sie ist ein waschechter Vampir und heißt Valentina! Die beiden lernen sich kennen und am nächsten Tag kann es Flo gar nicht schnell genug gehen, dass er endlich seinen Zahn verliert. Ob Valentina nächste Nacht wiederkommt?
Eine wundervolle, lustige, schaurig-verrückte Geschichte von einer Freundschaft unter Verschiedenen, von Abenteuer und Mut, schön illustriert von Kristine Schulz. Ein großer Lese- und Vorlesespaß von fünf bis acht Jahre!

(Beltz & Gelberg, gebunden, 12,95 €)

María Cecilia Barbetta, Nachtleuchten

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Bevor wir Ihnen von all den schönen Neuerscheinungen berichten (nun – natürlich nicht von allen; es erscheinen aber in der Tat wunderschöne Novitäten in diesem Frühjahr!), möchte ich eine Lektüre aus dem vergangenen Herbst empfehlen, welche mir ganz besonders gut gefallen hat.

Es ist das Buch „Nachtleuchten“ von Maria Cecilia Barbetta.

Was für eine Geschichte, was für ein Roman !!!

Dieser ist in Buenos Aires verortet und zeitlich am Vorabend eines politischen Umsturzes – der Militärdiktatur in Argentinien, die von 1976-1983 andauerte – situiert.

Aus der gesamten Welt stammen die Protagonisten und haben sich in Buenos Aires, in dem Viertel Ballester, eine neue Existenz aufgebaut.

Erzählt wird von Teresa und ihren Klassenkameradinnen in der katholischen Mädchenschule ebenso wie von Celio, dem Friseur des Salons „Ewige Schönheit“ oder den Mechanikern der Autowerkstatt „Autopia“ und wie natürlich alles miteinander zusammenhängt.

Die Themen, die verhandelt werden, sind der Aufbruch, der Neubeginn, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und gleichzeitig die bedrohender werdende Atmosphäre, das sich verschlechternde, zuspitzende politische Klima.

Die Bewohner vom Ballester träumen vom Lottogewinn, singen Boleros unter der Dusche, lauschen den Stimmen der Vergangenheit und glauben an die Zukunft.

Wenn politische Unruhen und Gewalt am Vorabend der Militärdiktatur das Land in einen zutiefst unheimlichen Ort verwandeln, wissen sie, was zu tun ist.

Wer überleben will, braucht eine Vision. Oder, um es mit Alvaro Fatini zu sagen: „Ohne Utopie kein Durchhalten…Unser Leben basiert auf dem Prinzip der Mechanik. Die Existenz lässt sich bewerkstelligen. Man kann daran herumbasteln…Man soll Ansprüche runterschrauben, ab und an auf die Bremse treten, aber auch keine Kraftanstrengung scheuen. Unser Motor will geschont werden, damit wir im richtigen Moment Gas geben können…selbst

die Oberfläche muss stimmen, wenn man als blitzgescheites Individuum darauf aus ist, einen glänzenden Eindruck zu hinterlassen.“

Anklänge sowie Rekurrenzen an Bilder, Filme, Kunstwerke und literarische Größen kann – wer will – zuhauf finden: einen mehr oder weniger gut versteckten Rene Magritte, einen Federico Fellini, einen Joseph Beuys, einen Andre Breton, einen Julio Cortazar, einen Johann Peter Hebel, einen Goethe, einen Samuel Beckett, einen David Lynch und eine Rebekah del Rio, um nur einige der Künstler aus den unterschiedlichen Sparten zu nennen, die im Text aufleuchten. Manche Referenzen sind offensichtlich, da sie kursiv gesetzt sind, andere sind als Idee in der Geschichte eingeflochten, im Erzählkorpus eingegangen bzw. darin verschwunden.

In diesem sprachlich überschäumenden und virtuosen Roman verlässt sich die Autorin auf die Leserin oder den Leser, auf die Komplizen eines jeden Autors, wie Julio Cortazar die Weggefährten nennt, die sich auf das Abenteuer der Lektüre einlassen, um dem Mysterium, das der Literatur innewohnt und der Wucht der Sprache, auf die Spur zu kommen.

Der Roman war unter den 6 nominierten Finalisten der shortlist des Deutschen Buchpreises 2018. Zu Recht – ein grandioses Buch!!!

S. Fischer, 24,- €, gebunden, Erscheinungstermin 15.08.2018

Mathilda Masters, 321 superschlaue Dinge, die du unbedingt wissen musst

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Wusstest Du, dass einer von fünf Menschen auf der Erdeein Chinese ist? Dass Orangen eine Kreuzung aus Pampelmuse und Mandarine sind und ursprünglich grün waren? Dass Astronauten im All in einem Staubsauger Pipi machen? Und dass es Fische gibt, die auf Bäumen leben? Oder dass es für Barbie ein lebendes Vorbild gab und blaues Blut tatsächlich existiert? 321 vergnügliche und überraschende Fakten aus allen Lebensbereichen – sei es Flora und Fauna, die Sprachen, berühmte Menschen, unser Planet Erde, Geschichte, Sport,unsere Essgewohnheiten und vielesmehr -, witzig und erhellend illustriert und auf den Punkt gebracht, die nicht nur Kindern neue Erkenntnisse bieten. Diese wundervolle Wissensenzyklopädie lädt ein zum Blättern, Schmökern, Verweilen und Vertiefen. Das Buch ist nicht nur sehr lustig, sondern auch überraschend, klug, hervorragend recherchiert und zeigt, wie interessant und spannend die Welt um uns herum ist – und das Lesen darüber.

Alter: ab 11 Jahre (und für Erwachsene)

Carl Hanser Verlag, 22,- €, gebunden, Escheinungstermin: 24. September 2018

Dorothee de Monfreid, Keine Lust

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Micha hat schlechte Laune. Alle seine Freunde wollen ihn aufmuntern. Doch die Versuche der Aufheiterung bleiben leider völlig vergebens. Micha möchte weder Fußballspielen, noch hinausgehen und schon gar nicht sich verkleiden. Noch nicht mal verstecken spielen oder ein kleines Kämpchen machen. Er hat einfach keine Lust. So gilt er als miesepetriger Spielverderber bzw. als gar unausstehlich. Aber zu irgendwas muss er doch Lust haben! Die Freunde lassen nicht locker und siehe da… Aber hier sei an dieser Stelle nicht zu viel verraten, schaut einfach selbst! Mit Micha, Pedro, Alex, Popow, Zaza, Omar, Nono, Jane und Kaki lässt die Autorin eine liebenswerte Rasselbande kunterbunter, verschiedener Hunde von der Leine, in deren turbulenten Erlebnissen Vorschulkinder ihre eigenen Erfahrungen gespiegelt sehen und ihre eigenen Erlebnisse wiederfinden können. Die Autorin arbeitete als Grafikerin, ehe sie ihr erstes Kinderbuch schrieb und illustrierte, dem bis heute diverse Publikationen folgen sollten. Tolle, klare Illustrationen sowie ein -jedem Elternteil und jedem Kind- allzu vertrautes Thema: Wie mit Trotz und Verneinung umgehen? Dies geschieht in dieser Geschichte liebevoll aber auch direkt benennend- mit einem mehr als überraschenden Ende, welches sicherlich bei der gemeinsamen Lektüre die ein oder andere Diskussion entfachen wird…

Alter: 2-6 Jahre

Reprodukt Verlag, 14,- €, Pappe, Erscheinungstermin 04/2018

Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Das kleine Mädchen versteht sofort: Oma hat das Internet kaputt gemacht. Und zwar das ganze. Auf der ganzen Welt! Ihr großer Bruder Max kann es erst gar nicht glauben, denn er hat schließlich Ahnung und weiß, dass man das Internet nicht per Doppelklick zerstören kann. Aber tatsächlich – nichts geht mehr. Max kann nicht mehr auf seinem Handy daddeln, die große Schwester Luisa keine Musik hören und Opa nicht mehr fernsehen. Sogar Mama aus der Agentur und Papa aus der Bank kommen total früh nach Hause, denn sie können nicht arbeiten. Keiner weiß so recht, was er tun soll, so ganz ohne Internet. Zuerst ist es ganz schön komisch, doch dann wird es ein richtig toller Tag. Die ganze Familie sitzt zusammen, plaudert, erzählt Geschichten, spielt tolle Spiele; es wird sehr viel gelacht.So richtig klasse! Obwohl das Internet kaputt ist. Oder vielleicht gerade deshalb? Die Kinder finden jedenfalls, dass es immer so weitergehen könnte…

Das neue Kinderbuch des Autors Marc-Uwe Kling (Känguru-Trilogie) ist absolut witzig und zudem genial illustriert. Wie sehr die Technik uns bestimmt (bzw. wir uns von ihr bestimmen lassen) – davon wird in dieser Geschichte sehr charmant, manchmal auch ein bisschen frech und respektlos erzählt. Wunderbar zum Vorlesen oder Selberlesen !!!

Ab 6 Jahre

Carlsen Verlag, 12,- €, gebunden, Erscheinungstermin: 28.06.2018

Bernard MacLaverty, Schnee in Amsterdam

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Ein älteres Ehepaar aus Glasgow, Stella und Gerry Gilmore, möchte mit einem verlängerten Wochenende in Amsterdam die Routine ihres Ruhestandsalltages unterbrechen. Was als erfrischende Abwechslung zum etwas trist gewordenen Ehealltag gedacht war, entwickelt sich mehr und mehr zu einer Bilanz der Vergangenheit und schmerzhaften Erkenntnis über ein zunehmend unbefriedigendes Leben. Die Beiden lieben sich – in den vielen kleinen Gesten und Details ist ihre langjährige Vertrautheit sehr spürbar -, man kennt und erträgt einander samt aller Fehler. Doch in den vier Tagen ihres gemeinsamen Aufenthaltes treten tiefe Risse ihrer Beziehung zutage. Dem Leser dämmert langsam, dass die pensionierte Lehrerin Stella einen ganz eigenen Plan verfolgt. Dieser Plan hängt mit einem der bezauberndsten Orte in Amsterdam zusammen, dem Beginenhof, und mit einem Gelübde, das Stella einst abgelegt hat. Gerry dagegen, ehemaliger Architekt, hat weitgehend abgeschlossen mit seinem Leben, in dem der Alkohol eine zu große Rolle spielt. Während ihrer Reise drängt allmählich ein Ereignis aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit in Belfast, Nordirland, immer stärker an die Oberfläche, etwas, das ihr ganzes Leben geprägt hat. Am Ende der Reise zeigt sich, wie tief der Graben zwischen ihnen wirklich ist.

„Sein Stil ist von trügerischer Einfachheit, direkt und schnörkellos. Aber worüber er in seinem lange erwarteten Roman schreibt…ist ganz und gar nicht einfach und direkt. Es ist der Stoff, aus dem unser Leben gemacht ist.“ So urteilt Richard Ford über das neue Buch von MacLaverty. Ein Roman über Liebe und deren Verlust – erzählt mit großer Genauigkeitund enormer Empathie – für beide Romanfiguren.

C. H. Beck, € 22,-, gebunden, Erscheinungstermin 18.09.2018,