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!!!ABGESAGT!!! Autorenlesung: Abbas Khider, Palast der Miserablen (Hanser)

ABGESAGT!!
Unsere Lesung mit Abbas Khider fällt leider aus. Unser Kollege, der die Lesung organisiert und moderiert hätte, befindet sich wegen eines Covid-19-Falls in der Familie in häuslicher Quarantäne.
Über Rückerstattungsmöglicheiten informieren wir zeitnah.

Mittwoch, 30. September 2020 | 20:00 Uhr
Odeon-Kino | Saal 1
Severinstr. 81 | 50678 Köln
Eintritt: 15,- €
anschließend Signieren in der Maternus-Buchhandlung

Foto © Peter-Andreas Hassiepen

 

 

Palast der Miserablen (CarlHanser Verlag 2020)
Die Geschichte eines Jungen aus den Slums von Bagdad: „Überraschend nüchtern, mit schonungslosen Blick und voller Humor, der halb befreiend, halb bitter ist. (Abbas Khiders) mitreißender neuer Roman.“ Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Shams Hussein ist ein normaler Junge mit ganz normalen Träumen. In der Hoffnung auf ein friedlicheres Leben ziehen seine Eltern mit ihm und seiner Schwester aus dem Süden des Irak nach Bagdad. Doch aus dem Streben nach einer besseren Zukunft wird in dem von Saddam Hussein beherrschten Land schnell ein Leben in existenzieller Not. Die Familie wohnt neben einem riesigen Müllberg, Shams arbeitet als Plastiktütenverkäufer, als Busfahrergehilfe, als Lastenträger. Und er liebt Bücher. In einer Zeit jedoch, in der ein falsches Wort den Tod bedeuten kann, begibt er sich damit in eine Welt, deren Gefahren er nicht kommen sieht. Ein persönlicher, höchst lebendiger Roman voll unvergesslicher Figuren.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich als „illegaler Flüchtling“ in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman Der falsche Inder, es folgten die Romane Die Orangen des Präsidenten (2011) und Brief in die Auberginenrepublik (2013). Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis geehrt. Außerdem war er im Jahre 2017 Mainzer Stadtschreiber. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin.

Maternus-Echolot #2: „Rausch mit Fremden.“ Ein Interview mit Tomer Gardi

Maternus-Echolot #2:
„Rausch mit Fremden“.
Ein Interview mit Tomer Gardi

Foto: © Dirk Skiba

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 05. Juni 2019, hat Tomer Gardi in der proppenvollen Maternus gelesen. Es war ein intensiver, furioser und wundervoller Abend. Nun werden wir eine proppenvolle Maternus in absehbarer Zeit leider nicht erleben dürfen. Mit der zweiten Ausgabe unseres MATERNUS-ECHOLOTS bringen wir Ihnen Tomer Gardi aber wieder ein Stück näher. Exklusiv für unsere Kund*innen und Abonnent*innen antwortet er auf Fragen unseres Buchhändlers Gerrit Völker. Dafür unterbricht er kurz die finale Arbeit an seinem neuen Roman und schreibt über Corona, das Fehlen rauschender Nächte in Berlin, Sprachen, das Schreiben, Alterität und und und… In echtem Tomer-Deutsch, ungefiltert und ungekürzt – das geht ab! Gardi beweist eindrucksvoll, dass seine Interviews sind wie seine Bücher und Lesungen: intensiv, furios und wundervoll.

Gerrit Völker: Mein lieber Tomer, vielen Dank für dieses Interview! Du lebst seit 1,5 Jahren in Berlin und erlebst die Stadt, deinen Kiez und dieses Land nun in einer Ausnahmesituation. Was hat sich für dich geändert, worauf verzichtest du, was vermisst du, was genießt du?
Tomer Gardi: Schau, Gerrit, es ist so. Was ich Tagsüber tuhe, hat sich fast nicht gerändert. Ich wach auf, trinke viel Tee, dann Cafe und brot, und dann setze ich mich hin und schriebe. Das habe ich vor der Weltinfektion gemacht, und auch dannach. Was geändert hat, waren die Nächte. Vor die Weltinfektion, habe ich die lange tägliche Stunden, in die ich alleine war und geschrieben habe, mit lange nächtliche Stunden in latue, volle Kneipen ausgeglichen. So habe ich eine herliche Gleichgewicht geschaft und gehalten. So ein Tanz ist nicht immer stabil,  das ist klar, aber für die Musik die ich mag, war es gut. Dieses Ausgleich hab ich im Zeiten der Pandemie veloren. Es ist seltsam aber so, die meisten Menschen werden schwindelig wenn sie trinken, ich werde schwindelig, wenn ich nüchtern bin. Naja. Das musste ich irgend wie lösen, und hab es auch gelöst. Ich hab Freuninnen und Freunde abends zuhause oder drausen getroffen, und so wars gut. Doch ich verzcihte sehr das Gefühl von Rausch mit Fremden. Und ist das nicht, Gerrit, was Literatur ist? Hier, gleich am erste Frage hab ich dir ein Tittel für den Interview gefunden und gegeben. Rausch mit Fremden.

GV: Okay, sehr gut, nehme ich. Apropos: Als wir kurz vorm Shutdown hier in Köln einen schönen schrägen Abend hatten, habe ich meine Bedenken geäußert, dass eine Corona-Debatte unter dem Begriff der „Hygiene“ aufgemacht werden könne. Wegen seiner historisch-semantischen Untiefen, völkischen Konnotationen. Auf sogenannten „Hygiene-Demos“ treten jetzt deutschlandweit neben vielleicht harmlosen Freaks auch Reichsbürger, AFD-Anhänger, Rassisten, Antisemiten, überhaupt Nazis auf den Plan. Wie nimmst du das wahr – ist das für dich eher eine schrullige Randnotiz oder fühlst du dich bedroht?
TG: Im algemein finde ich es spannend, wie der Misstrauen und Skepsis der Stadt gegnüber in den letzten Zeiten von der politische Links zum politischen rechts sich bewegt. Das dachte ich auch vor die Corona Zeiten zu beobachten, und auch jetzt, in den letzten Corona Monate.
Zeiten von Epidemien sind immer gute Zeiten für Fremdenhass, approps Rausch mit Fremden.  Als die ganze Corona Sache erst ernstgenommen war hab ich wieder über die Judenverfolgung während der Zeit der scshwarzen Tod in Europa gelesen. Die Epidamie bewegte sich von Süden nach Norden, und dammit auch die Judenverfolgung und die Progromme: Toulon, Barcelona, dann Erfut, Basel, Frankfurt am Main, Mainz, Köln. Die Demos habe ich als eine zeitgenosische Entwicklung dieser Kräfte verstanden, doch die Fremde sind nicht immer die gleiche Fremde.

GV: Insgesamt verläuft zumindest der offizielle politisch-gesellschaftliche Diskurs in Deutschland aber recht besonnen. Und in Israel, wie sieht es da aus? Neben strengen Corona-Maßnahmen hat das Land eine neue Regierung: Ein wegen Korruption angeklagter Premierminister Netanyahu, ein wortbrüchiger ehemaligen Kontrahent Gantz und sage und schreibe 36 Minister*innen. Wie hängen Corona und Politik hier zusammen?
TG: Es gibt keine wirkliche Unterschiede zwischen Netanyahu und Gantz, die beide sind von Ideologie wie auch von politischen Vision und Programm ähnlich. Nun vor die Corona hatte jeder von die beiden ein Interess sich selbst so zu vermarkten, als wäre er eine qualitative, andere Wahl als der andere. Nach der zweite, uneentschieden Runde, und die Corona Zuastand, Diskurs, und Massnahmen, war diese Interesse nicht so groß, man könnte ja sagen „in diese, ernste Zustand, müssen wir gemeinsam für die Stadt arbeiten“ bla bla bla. Aber ich, zwischen Scheiße und Kake, wähle ich lieber nein danke.
Zum Glück gab es auch andere Wahlmöglichkeiten. Die Vereinte Liste, mit Ayman Odeh als Partei­vorsitzender, ist eine echte progresive politische Möglichkeit und Wahl, und die Liste war diesmal die drittgröste Partei. Ich hofe sie wächst weiter, und schnell.

GV: Dein großartiger Roman „Sonst kriegen Sie ihr Geld zurück“ hat eine Handvoll mittelloser Protagonisten, die ums Überleben kämpfen und eigentlich auf Hilfe angewiesen wären. Vom Staat und seinen Organen werden sie aber degradiert und delegitimiert. Was meinst du: Wie ergeht es wohl Kaldi, Tolli, Lea, Abu Adwan & Co. im jetzigen Tel Aviv?
TG: Ach ja, die. Lange habe ich über ihnnen nicht gedacht. Ich nehme an, es geht ihr nicht so gut, aber sehr unterschiedlich. Lea Agunis, die Pfandflaschen Sammlerin, darf jetzt nicht so oft in den Supermarket rein, um die Flaschen zurück zu bringen und Geld abholen, und dazu sind wirklich weniger Flaschen jetzt auf den Straßen, denn Menschen in Israel dürfen sich in den letzten zwei Monate oder so kaum bewegen, also, kein trinken auf den Straßen, kein Pfandflaschen für Lea. Mist. Kaldi, der ist ja Putzmann bei eine große Stierkampf Arena, und die Stierkampf Arenas sind seit mindestens zwei Monate zu, Putzkräfte natürlich entlastet. Kaldi ist Arbeitsloss, aber die Stiere freuen sich bestimmt. Abu Adwan liefert weiter seine Gas Flaschen, es ist aber jetzt viel gefährlicher, den er macht das ja piratisch, die Polizei ist also ein Problem, den er darf ja nicht frei rumfahren, wie die offizielle Gasliefer Firmen. Anderseits, weil die Restaurants und so geschloßen waren, haben die Menschen mehr zuhause gekocht, und waren sowieso viel mehr zuhause, also hatte er nehr Arbeit, weil er mehr Kochgas verkaufte. Er vermisst Aber seine Familie, er ist ja aus der gegend von Hebron und arbeitet in Israel ohne Papiere, und Weltinfektionszeiten, wenn er über den Checkpoints gehen wird, seine Familie zu besuchen, wird er es nicht wieder zurück schafen. Also bleibt er wo er ist, macht seine Arbeit, und hat Heimweh.

GV: Corona bedeutet für viele Künstler*innen eine finanzielle Krise. Autor*innen brechen ganze Lesereisen weg, die einen Gutteil ihres Einkommens ausmachen. Wie sieht es bei dir aus – du hast dieses Jahr immerhin ein gut dotiertes Stipendium?
TG: Ach, bei mir war zum Glück alles gut. Ich hab ein Stipendium von August 2019 bis August 2020 gekriegt, also hatte ich immer noch eine stabile Einkommen. Dazu, erschien Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück Februar 2019, und mehr als ein Jahr nach der Erscheinungstermin hatte ich sowieso nicht so viele geplannte Termine. Aber vergiss das, jetzt mache ich Werbung.
Online Tomer Gardi Lesung, Samstag, den 27. Juni 2020 um 21 Uhr, im Rahmen von „Heidelberger Literaturtage“, info im Netz. Kommt. Es wird schön.
https://www.heidelberg.de/hd/HD/Leben/heidelberger+literaturtage.html

GV: Du schreibst sowohl auf Deutsch als auch auf Hebräisch. Was ist im Moment die Sprache deiner Wahl – und warum?
TG: Broken German war meine erste Roman auf Deutsch. Nach seiner Erscheinen, würde ich oft in Interviews und Lesungen gefragt, warum ich eigentlich auf Detusch schreibe – eine Sprache die ich ja nur begrenzt kann, und auch zum Glück nicht beherrsche – wenn ich auf Hebräisch schreiben kann.  Darüber hatte ich immer mehr oder weniger eine ähnliche Antwort: meine Erfahrungen auf Deutsch sind anders als meine Erfahrungen auf Hebräisch, meine Fantasie auf Hebräisch ist anders als meine Fantasie auf Deutsch, was ich auf jeder Sprache schreiben kann, und wie ich es schreiben kann, ist total unterschiedlich, und deswegen mache ich das.
Aber, während ich diese Antwort wieder und wieder sagte, hab ich angefangen, es zu hinterfragen. Ist das wirklich so? Ich war nicht so sicher, dass es genau stimmt.
Meine neue Roman heißt Eine runde Sache. Wie auch die zwei andere erwähnte Romane, wird es im wunderbaren Droschl Verlag erscheinen. Es ist ein Versuch, in Fragen über die Zusammenhänge von Erfahrung, Fantasie, Bewegung und Sprache, durch Prosa tief zu gehen und sie zu recherchieren. Ich hab eine Kern von eine Idee ausgesucht. Dieses Kern entwickle ich ein mal auf Hebräisch, und ein mal auf Deutsch. Der hebräischsprachige Teil wird dann ins Detusch übersetzt, von die wunderbare Übersetzungsküntslerin, Anne Birkenhauer. Der ins Deutsch übersetzte Teil wird neben der von mir auf Deutsch geschriebene Teil in einem Roman Form veröffenlicht, zwei Teile die vieles miteinander teilen, aber auch sehr unterschiedlich sind. Es ist in der Tat eine andere Geschichte. Aber dann auch nicht. Es ist großartig so zu schreiben, es macht große spass und ist hochinteressant. Und wenn das meine Erfahrung beim Schreiben ist, kann es auch gut sein, dass es etwas über das Leseerfahrung hindueten kann.

GV: Wir nehmen doch mal stark an und hoffen, dass Corona irgendwann vorbei ist. Was würdest du als erstes tun, wenn du wieder alles tun dürftest?
TG: Meine Mutter wird in eine Woche Siebzig. Vor die Weltentzündung hatte ich vor jetzt in Israel zu sein, und gemeinsam mit meine Familie zu feiern. Das wird nicht der Fall sein. Aber sobald ich nach Israel fliegen kann, werde ich es tun. Es wird aber noch dauern. Vorher werde ich in die Kneipe gehen, für eine schöne, tiefe Rausch mit Fremden.

 

Foto: © Dirk Skiba

Maternus-Echolot #1: „Und das Schreiben hat mich gepackt, wie ich es mir erträume.“ Ein Interview mit Markus Orths

Maternus-Echolot #1
„Und das Schreiben hat mich gepackt, wie ich es mir erträume.“
Ein Interview mit Markus Orths

Foto: © Yves Noir

„Was machen eigentlich die Autor*innen in der Coronazeiten?“ – diese Frage habe wir von unsere Kund*innen immer wieder gehört. Also tun wir das Naheliegende: Wir fragen „unsere“ Autorinnen einfach selbst, lassen sie exklusiv für unsere Kund*innen zu Wort kommen über Bücher, Corona und vieles mehr. Mit einer kleinen Interviewreihe schaltet Gerrit Völker das Maternus-Echolot ein und schreibt Autor*innen an (je nach Resonanz auch weitere Protagonist*innen der Literatur), die mit unserer Buchhandlung in Verbindung stehen. Den Anfang macht der famose Markus Orths, der eigentlich am 1. April bei uns hätte lesen sollen – wir holen die Lesung nach, sobald es wieder geht!

Gerrit Völker: Lieber Markus, hab‘ vielen Dank, dass du unsere Fragen beantwortest, das ist großartig! Du gehörst zu den Autor*innen, die gerne und viel in Buchhandlungen lesen. Was bedeutet dir der direkte Draht zum Buchhandel und seinem Publikum?
Markus Orths: Sehr viel! Schreiben ist eine einsame Tätigkeit. Die Lesungen sind beinah die einzige Möglichkeit für mich, Leserinnen und Leser, Buchhändlerinnen und Buchhändler mit dem, was ich schreibe, unmittelbar zu konfrontieren. Also auch zu merken: Wie wirkt das, was ich schreibe, wenn ich es anderen Menschen vorlese? Das ist ungemein spannend. Ebenso wie die Gespräche nach Lesungen. Und davon abgesehen: Ohne Buchhändler, die sich für unsere Bücher einsetzen, wären wir Schriftsteller sowieso verloren. Und das sage ich jetzt nicht, weil du ein Buchhändler bist, sondern weil es stimmt!

GV: Corona trifft auch die Buchbranche heftig, vor allem euch Autor*innen. Du wolltest gleich mit zwei neuen Büchern durchstarten. Auch wir hatten ja mit „Picknick im Dunkeln“ eine größere Lesung im Odeon-Kino geplant. Wie fühlt sich das an, wenn man auf diese Weise ausgebremst wird?
MO: Zunächst einmal sehr schlecht. Ich hatte bereits sieben Lesungen aus dem „Picknick“ gehalten, und es begann ganz zauberhaft. Es gibt ja Bücher, die eignen sich mehr, und Bücher, die eignen sich weniger für Lesungen. Und das „Picknick“ hätte sich, wie ich bei den ersten Malen feststellte, perfekt geeignet. Und dass dann etwa 40 Termine (mit den Lesungen aus „Luftpiraten“ zusammen) einfach so gecancelt werden, das tat mir richtig weh. Viele Buchhändlerinnen und Buchhändler standen mir aber auch da zur Seite und versprachen, sich zu bemühen, im Herbst einen Ersatztermin zu finden. Hoffen wir, dass es in den meisten Fällen klappt.
Zugleich aber geschah ganz Wunderbares. Die Stoiker sagten schon: Was man nicht ändern kann, muss man annehmen. Und das Absagen der Lesungen bedeutete plötzlich auch: Ich hatte UNGEHEUER viel Zeit! Und das ist ja etwas, was man sich als Schriftsteller immer wünscht. Da ich schon im Januar und Februar zu schreiben begonnen hatte, konnte ich im März, April und Mai einfach nahtlos weitermachen. Es entstanden in diesen 4 Monaten zwei Bände Billy Backe (Band 3 und Band 4), die hoffentlich im Herbst 2021 erscheinen können. Sowie bislang bereits 400 Seiten einer neuen Kinderbuchreihe, einer Trilogie. Und das Schreiben hat mich gepackt, wie ich es mir erträume. Es war und ist wunderbar. Sprich: Die Situation anzunehmen, wie sie ist, hat sich als goldener Weg erwiesen.

GV: Du lebst mit deiner Familie in Karlsruhe. Welche Hilfestellungen gibt das Land Baden-Württemberg seinen freischaffenden Autor*innen und fühlst du dich in diesen Maßnahmen aufgehoben? Nutzt du jetzt digitale Wege für Lesungen?
MO: Ich habe mich darum nicht gekümmert. Ich werde keine Hilfe beantragen. Meine Frau ist Lehrerin und verdient Geld. Und ich selbst verdiene ja gerade mindestens genauso viel Geld wie bei den Lesungen: Denn für das, was ich gerade schreibe, bekomme ich ja Honorare. Insofern denke ich, das gleicht sich mindestens aus. Online-Lesungen mache ich nicht. Weil ich es elementar wichtig finde, die Menschen, die Zuhörer zu sehen, zu hören, bei ihnen zu sitzen. Vor einer weißen Wand oder vor einem Laptop oder einer Kamera kann und will ich einfach nicht lesen. Dann warte ich lieber, bis es wieder Veranstaltungen geben kann.

GV: Schreibst du derzeit weniger, gleichviel oder sogar mehr? Hat die Situation Auswirkungen auf deine Arbeit?
MO: Siehe oben: Ich schreibe VIEL MEHR! Und freue mich darüber. Die Situation hat auch Auswirkungen auf den Inhalt. Das neue Kinderbuch (eineinhalb Bände sind fertig) kreist stark um das Thema Zeit. Und da gibt es zum Beispiel ein „Zeitloch“. Und da tun sich dann auch irgendwie Parallelen auf zu unserer Situation gerade.

GV: Wir kennen und schätzen dich als Autor, der gerne und lebendig über seine Bücher und seine Arbeit spricht. Wie verändert sich eigentlich dein Verhältnis zum „Picknick“, wenn du es nicht wie gewünscht deinem Publikum präsentieren, auf Fragen eingehen kannst?
MO: Zum Glück bekomme ich gerade viele Reaktionen von Lesern zu dem Buch, sehr erfreute, sehr schöne. Das ist ganz wunderbar und ersetzt ein bisschen den direkten Kontakt bei Lesungen. Jedoch finde ich, sollte ein Autor das „Verhältnis“ zu seinem Buch nicht abhängig machen von Leserinnen und Lesern. Insofern: Das Buch ist mir sehr wichtig, auch und gerade als in der Tradition der „phantastischen Literatur“ stehend, als zweites Buch beim Hanser Verlag, und das zweite Buch bei einem Verlag ist immer sehr wichtig. Und da bin ich sehr, sehr froh, dass sich das Buch trotz dieser Zeiten so gut verkauft und so gut ankommt.

GV: Mit Stan Laurel und Thomas von Aquin treffen im „Picknick“ nicht nur zwei unterschiedliche Charaktere aus unterschiedlichen Jahrhunderten, sondern eigentlich zwei Prinzipien der menschlichen Zuordnung auf Leben und Tod aufeinander. Was auf der einen Seite einem Versuchsaufbau ähnelt, ein literarisches Experiment ist, hat darüber hinaus aber auch persönliche Hintergründe. Welche Rolle spielt dein Vater bei diesem Roman? Wie greift das alles ineinander?
MO: Einen Roman im Dunklen zu schreiben, hat mich ungeheuer gereizt! Endlich mal darauf verzichten, darüber zu schreiben, was man SIEHT! Denn wir sind ja sehr gelenkt durch die SICHT.
Dazu kam der Reiz, zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten aufeinander prallen zu lassen, die sonst niemals unter einen Hut gebracht werden können und die sich dem Leben von völlig unterschiedlichen Seiten nähern: von der Seite des Lachens und von der Seite des Denkens. Beides ist für mich wichtig. Ich mag Witze, in denen über den Tod gelacht wird. Und ich habe mich viel mit der Existenzphilosophie beschäftigt: Dort spielt der Tod eine zentrale Rolle. Das war der inhaltliche Attraktor für mich: das Phänomen des Todes im Angesicht des Denkens und des Lachens.
Es ging auch um ein Hauptproblem unserer Zeit: dass wir dem anderen nicht mehr zuhören; den (entgegengesetzten) Standpunkt des anderen schon vorab verneinen. Es müsste heute mehr denn je darum gehen, den anderen zunächst einmal vom anderen her zu verstehen. Dann erst ins Gespräch zu kommen. Mit Argumenten. Gegenargumenten. Das habe ich bei Thomas versucht. Thomas von Aquins Denken steht mir sehr fern. An die Offenbarung einer göttlichen Wahrheit, die er predigt, glaube ich selber nicht. Ich habe seine Aussagen aber in diesem Roman nachzuvollziehen versucht.
Diese Ideen schwelten schon länger, Hauptauslöser dafür, den Roman zu schreiben, war dann sicher der Tod meines Vaters vor vier Jahren. Mein Vater war ein gläubiger Christ. Im Grunde genommen steckt mein Vater auch ein wenig in der Figur des Thomas. Genauer gesagt, all das, was mich – als Agnostiker – von meinem Vater trennt (und dem ich nachspüren wollte). Während in der Figur des Stan Laurel vieles von dem steckt, was mich mit meinem Vater verbindet, denn mein Vater hatte einen unvergleichlichen Humor. Insofern ist dieses Buch für mich auch eine Art Abschiednehmen: sich einem wichtigen Menschen noch einmal zu nähern, seinem fernen Glauben (Thomas), seinem nahen Lachen (Stan), mit ihm durchs Dunkle zu gehen, in dem er jetzt ist, ein Dunkel, das wir im Leben niemals durchdringen können, außer in der Imagination. Daher ist für mich das Buch ein sehr persönliches Buch. Was man aber auf den ersten Blick sicher gar nicht so sieht.

GV: Bist du selbst darüber erstaunt, wie dein „Picknick“ in Coronazeiten noch an Aktualität und Relevanz gewinnt? Freiheit, Toleranz, Dialog, Perspektive, die gemeinsame Suche nach einem Ausweg und die notwendige Prise Humor sind wichtige Themen in deinem Buch –  all das beschäftigt uns gerade, oder?
MO: Gut, ich hätte lieber auf Corona verzichtet, aber tatsächlich finde ich dieses Buch auf geradezu unheimliche Weise in diese Zeit passend. Wir tappen im Dunkeln, allesamt, selbst die Wissenschaftler, keiner weiß, was kommt, es gibt nur Vermutungen und endlose Gespräche über das, was geschehen KÖNNTE. Es ist darüber hinaus ein Buch über den Tod, die Angst davor: Wie komme ich aus dem Tunnel heraus? Es ist ein Buch über das, was wir gerade in der Abstands-Zeit nicht mehr tun können: Berühren, Tasten, Fühlen. Und dass dieses Buch nun ins Dunkle sackt, finde ich, passt auch zu ihm. Und die Leserinnen und Leser müssen es suchen, finden, sich zu ihm vortasten. Irgendwie – so schlimm es auch ist – finde ich es auf eine übergeordnete Weise auch: passend.

GV: Ein Virus bringt die Welt zum Stillstand, Grenzen werden dichtgemacht, die Wirtschaft fährt runter die Politik regiert auf Erlass,Verschwörungs-Spinner  treten auf den Plan… Hand aufs Herz: Ist das nicht ein super literarischer Stoff? Juckt es dir diesbezüglich in den Fingern – oder entspricht in diesem Fall die Realität gar zu sehr dem literarischen Klischee?
MO: Ich glaube, nichts ist für einen Romancier schwieriger als dem „brandaktuellen“ Zeitgeschehen in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Es ist und bleibt immer ein Hinterherhecheln. Allein schon zeitlich: Wenn ich jetzt einen Corona-Roman schreibe, brauche ich im besten Fall ein Jahr. Dann dauert es noch einmal mindestens ein Jahr, ehe es veröffentlicht werden kann. Dann sind wir bereits im Jahr 2022. Vielleicht, das heißt hoffentlich ist Corona dann schon längst Geschichte. Ein Buch zu dieser Zeit, das aktuell sein will, kommt immer zu spät. Die Literatur „reagiert“ immer zeitversetzt.

GV: Welches Buch / welche Bücher liest du denn gerade – hast du zwei-drei Tipps für uns?
Ich lese gerade „Die Schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf. Weil „schwarze Spinnen“ auch in meinem neuen Kinderbuch eine Rolle spielen und ich mal schauen wollte, wie und was der Kollege so darüber geschrieben hat und weil ich das Buch immer schon mal lesen wollte, einfach wegen seines genialen Titels! Ich bin sehr überrascht: Der Beginn, also der Teil, in dem von der Taufe erzählt wird, ist an (vielleicht sogar ungewollter) Hölzernheit, Steifheit, triefender Idylle und langweiligem, unwichtigem Zeugs nicht zu überbieten. Dann aber, als die Erzählung in der Erzählung beginnt (die Erzählung mit dem Teufel und dann hoffentlich alsbald mit der Spinne, so weit bin ich noch nicht …), geht voll die Post ab. Grandios! Also unterstelle ich dem Autor, dass diese holzschnittartige Langeweile-Idylle zu Beginn durchaus gewollt war. Sozusagen als Kontrast zu dem, was folgt. Aber ich muss erst zu Ende lesen, um das beurteilen zu können.
Davor las ich den sehr schönen Auftakt einer Fantasy-Trilogie einer ehemaligen Schreib-Schülerin von mir: Katharina Hartwells „Die Silbermeer-Saga“.
Und „Das brennende Meer“ von John von Düffel.
Und „Imperia“ von Joachim Zelter, den ich sehr schätze.
Empfehlen kann ich „du, alice“ von Simone Scharbert, erschienen in der edition azur, die auch einen Gedichtband meines Lieblings-Lyrikers Max Sessner im Programm hat: Das Wasser von gestern. Und Max Sessner muss man unbedingt und dringend lesen, wenn man Literatur liebt! Seine Gedichte gehen unter die Haut, auch die beiden Bücher im Droschl Verlag: Unvergessene Bilder!

WIR SIND WIEDER DA!! UNSERE ÖFFNUNGZEITEN

Endlich dürfen wieder das Ladengeschäft wieder öffnen, das ist eine Erleichterung! Wir öffnen natürlich mit strengen und unbedingt sinnvollen Hygienevorschriften. Sie sind uns herzlich willkommen!
Unsere Öffnungzeiten:
Montag – Freitag: 10 – 19 Uhr
Samstag: 10 – 18 Uhr.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch!!

Corona-Krise: Wir liefern an Ihre Privatadresse!

Es sind traurige Zeiten, aber es ist eine notwendige Maßnahme:
Seit dem 18. Marz 2020 bis voraussichtlich zum 19. April 2020 ist die Maternus-Buchhandlung auf Erlass des Landes NRW geschlossen.
Wichtig: SIE KÖNNEN WEITERHIN IHRE BÜCHER ÜBER UNS BEZIEHEN. Wir liefern nach Absprache per Bote an Ihre Privatadresse. Zahlung per Bargeld möglich, aus Hygienegründen aber lieber mit EC-Karte. Wir haben ein EC-Gerät dabei. Nutzen Sie dieses Angebot gerne, das hilft uns!
Bestellen können Sie telefonisch (Mo.-Fr. 10-12 Uhr):
0221-329993
oder per Mail:
kontakt@maternus-buchhandel.de
voelker@maternus-buchhandel.de

Ihnen, Ihren Familien und Freunden wünschen wir alles Gute und Gesundheit. Wir freuen uns, wenn wir Sie in besseren Zeiten wiedersehen!

Ihr Team der Maternu-Buchhandlung

(Unser Beitragsbild zeigt ein Poster des Tulipan-Verlags)

ABGESAGT: Lesung mit Markus Orths am 01. April.

Es ist sehr schade, aber es geht nicht anders: Die Lesung mit Markus Orths am 01. April wird nicht stattfinden. Wie machen keinen Ersatztermin. Alle Tickets können gegen Bargeld, gerne aber auch gegen Bücher, Gutscheine, Tickets für Abbas Khider am 30. September, umgetauscht werden.

Autorenlesung: Lukas Bärfuss, Malinois (Wallstein) | Mittwoch, 12. Februar 2020

Mittwoch, 12. Februar 2020 | 19:30 Uhr
Odeon-Kino | Saal 2
Severinstr. 81 | 50678 Köln
Eintritt: 15,- €
anschließend Umtrunk & Signierstunde in der Maternus-Buchhandlung

Foto © Stefano de Marchi

Er ist einer der spannendsten deutschsprachigen Autoren und ein Mensch mit Haltung. Wir freuen uns riesig, dass mit Lukas Bärfuss der aktuelle Büchnerpreisträger erneut in der Maternus aufschlägt! Er liest aus seinem großartigen neuen Buch „Malinois“.

In zugleich sinnlicher wie analytischer Sprache gehen die Erzählungen Lukas Bärfuss‘ der Liebe und dem Begehren nach. Der erste Erzählband von Lukas Bärfuss! Die Liebe und das Begehren in all ihren Spielarten sind die Fluchtpunkte in diesen Erzählungen von Lukas Bärfuss. Wie begegnen wir uns? Welche Sehnsüchte treiben uns um? Nach welchen Vorlagen entwerfen wir die Geschichten unserer Leidenschaften? Bärfuss zeichnet eine Kartographie der Passionen. Seine Geschichten handeln von Grenzerfahrungen, die wir mitten im Alltag machen können. Sie zeigen die Momente der Verwandlung.

Malinois (Erzählungen), Wallstein Verlag 2020, gebunden, 18,- €

ZUSATZLESUNG! Autorenlesung mit Norbert Scheuer, Winterbienen (C.H. Beck) | Donnerstag, 14. November

Mittwoch, 14. November 2019, 20:00 Uhr
Maternus Buchhandlung
Foto © Elvira Scheuer

 Januar 1944: Egidius Arimond, ein frühzeitig aus dem Schuldienst entlassener Latein- und Geschichtslehrer, schwebt wegen seiner Frauengeschichten, seiner Epilepsie, aber vor allem wegen seiner waghalsigen Versuche, Juden in präparierten Bienenstöcken ins besetzte Belgien zu retten, in höchster Gefahr. Gleichzeitig kreisen über der Eifel britische und amerikanische Bomber.

Arimonds Situation wird nahezu ausweglos, als er keine Medikamente mehr bekommt, er ein Verhältnis mit der Frau des Kreisleiters beginnt und schließlich bei der Gestapo denunziert wird. Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in „Winterbienen“ einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.

Winterbienen
Roman von Norbert Scheuer
(mit Illustrationen von Erasmus Scheuer)

C.H. Beck, gebunden, 22,- €

AUSVERKAUFT: UNSERE LESUNG MIT NORBERT SCHEUER AM 13.11.

Unsere Lesung mit Norbert Scheuer am 13.November, 20:00h, ist ausverkauft. Leider haben wir für diesen Abend keinen größeren Raum buchen können. Wir führen eine Warteliste und bitten diejenigen, die reserviert haben, ihre Tickets bald abzuholen. Allen, die schnell waren, wünschen wir eine tolle Lesung, Wir freuen uns auf Sie!
Autorenfoto: Elvira Scheuer