Daniel Galera, So enden wir

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Der apokalyptisch anmutende Titel ist Programm dieses Romans. Die aufstiegsverwöhnte Mittelschicht Brasiliens -und stellvertretend nicht nur dort- sieht sich im Vorfeld des globalen Ereignisses der Fußballweltmeisterschaft großen Erschütterungen ausgesetzt. Der grenzenlosen Idealisierung des Internets steht eine große Ernüchterung gegenüber, Lebensläufe scheinen erstarrt in öder Routine, Gewissheiten im Leben äußerst porös und fragil. Überall wird gestreikt, ständig für oder gegen etwas demonstriert; das Land scheint in großer Aufruhr, wo sich selbst die Polizeigewalt nicht mehr nur gegen die Bitterarmen der Favelas richtet, sondern gerade gegen jene, die sich als Normalbürger unter den Demonstranten wähnen.

Erzählt wird die polyperspektivische Geschichte von vier Freunden.

Künstler, Kulturschaffende, Vertreter der digitalen Boheme in der Mitte ihres Lebens:

Emiliano, ein freier Feuilletonjournalist, Aurora, eine Genetikerin, Antero, ein Verhaltens-Ökonomen und Duque, ein ehemals hochgelobter Schriftsteller, der bei einem brutalen Raubüberfall stirbt. An dessen Grab finden sich nun seine drei engsten Freunde wieder und die scheinbar grundlose Melancholie, die in ihrem Alltag ständig präsent war, weicht der Trauer über den Verlust, den nicht zu ändernden Tod. Kurioserweise scheint der Tod des Autors sie bei aller wahrhaftig empfundenen Trauer der Lethargie zu entreißen, die Trauer erwächst zu neuer Lebensintensität. Emiliano beschließt, sich weniger dem Alkohol und seinen promisken Männeraffären hinzugeben und dafür eine Biographie über Duque zu schreiben.

Große Sinnfragen werden verhandelt, wie z.B. ob die Vorstellung, dass jeder von uns so einzigartig ist wie die strukturelle Beschaffenheit einer Schneeflocke nicht etwa nur eine narzisstische Verblendung sei? Ist Schnee nicht -aus großer und gleichzeitig kritischer Distanz betrachtet- nicht einfach eine konforme Masse?

Wer sind wir? Und: Wie enden wir?

Im Roman wird viel getrunken und Galera zeigt Körperlichkeit nah und direkt. Vielleicht bilden die teilweise drastisch pornographischen Elemente das Gegengewicht zu den intellektualisierten Diskursen. Galera bricht somit nicht nur mit dem sogenannten magischen Realismus, der für die südamerikanische Literatur lange stilgebend und prägend war, sondern vielleicht auch mit mancherlei Lesererwartung. Ein kluger, überraschender Roman, der die Gefühls- und kulturelle Mentalitätslage der sich im Leben vermeintlich Eingerichteten verhandelt und erforscht.

Suhrkamp, gebunden, 22,00 €, Erscheinungsdatum: 12.02.2018