Davide Longo, Der Fall Bramard (Rowohlt)

Longo_BramardEine Empfehlung von Gerrit Völker

Zwanzig Jahre ist es her, dass Corso Bramard als Kommissar der Turiner Polizei in einer Frauenmordserie ermittelte. Bis der Mörder seine Frau umbringt und auch seine Tochter spurlos verschwindet. Corso quittiert den Dienst und zieht sich in sein Elternhaus, in die Berge des Piemonts zurück, wo er, gezeichnet, aber nicht abgestumpft, als Lehrer arbeitet und beim Bergsteigen die Grenze zwischen Leben und Tod auslotet. Doch auch hier lässt der Täter ihn nicht in Ruhe: Er schickt Corso Briefe, die jeweils Verse aus Leonard Cohens Song „Story of Isaac“ enthalten. Und mit einem dieser Briefe könnte er sich schließlich verraten. Möchte er womöglich genau das? Corso nimmt den alten Fall wieder auf und kriegt eine junge und nicht weniger gezeichnete Polizistin zur Seite gestellt. Die einzige Zeugin sitzt in der Psychiatrie…

In klarer Sprache verfasst, mal beklemmend, mal luzid, mit häufigen Perspektivwechseln und virtuos verschränkten, sich mehr und mehr kanalisierenden Handlungsebenen ist dieses Buch alles andere als der x-te Krimi von der Stange und sicher kein Staubfänger im Bücherregal.

Davide Longo schafft es wie schon in seinem Debüt „Der Steingänger“, die karge und schroffe Bergwelt des Piemonts mit ihren herben Bewohner und ihrer eigenen Zeitdauer in ungemein dichter Atmosphäre abzubilden und kontrastiert sie mit dem dekadenten Treiben der Turiner Oberschicht. Und er bewegt sich dabei auf einem literarischen Niveau, das aus „Der Fall Bramard“ einen großen Kriminalroman macht. Als kriminalistisches Spiel konzipiert, spannend, wuchtig und dicht bis zum Schluss, hebt er sich in die Nähe der ganz Großen dieses Genres: Dürrenmatt, Sciascia, Chandler…

(übers. v. Barbara Kleiner, Rowohlt, gebunden, 19,95 €)