Deborah Levy, Heiße Milch

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Psychologisch faszinierende Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung
Sofia begleitet ihre Mutter nach Spanien. Mutter Rose soll in einer Spezialklinik behandelt werden, da ihre Beine ihr den Dienst versagen. Doch ist die Krankheit der Mutter tatsächlich physischer Natur, oder versucht sie verzweifelt, ihre erwachsene Tochter an sich zu binden?
Dieser Roman über eine allzu enge Mutter-Tochter-Beziehung, über Strategien, die wir anwenden, um Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, ist wunderbar temporeich, klug und witzig geschrieben.
Die vielschichtige Beziehung zwischen Sofia und ihrer Mutter, die sehr dynamisch ist und oft unfreiwillig (?) komisch, ist auch eine Geschichte über vertauschte Rollen. In jungen Jahren übernimmt sie Verantwortung für ihre Mutter, was auch zugleich als bequemer Vorwand dient, kein eigenes Risiko einzugehen und ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen zu müssen. Sofia, deren griechischer Vater die Familie vor Jahren verließ, versucht zu ergründen, woran ihre Mutter erkrankt ist und wo sie selber steht.
Der Leser begleitet Sofia bei ihren Befreiungsversuchen und in ihrer Entwicklung. Eine besondere Rolle spielt hierbei Dr. Gomez, dem sich beide Frauen anvertrauen. Ist dieser Arzt ein Genie, ein schillernder Sigmund Freud oder doch bloß ein Quaksalber?
Ein Roman, der in seiner Klarheit an Virginia Woolf erinnert, urteilte „The Guardian“. „Heiße Milch“ stand auf der Shortlist des Man Booker Prize und ich wünsche mir für dieses Buch, was so herrlich schräg – ohne daß die Autorin ihre Figuren vorführt – , warmherzig – ohne plump oder gar kitschig zu sein und leichtfüßig philosophisch ist, ohne je in einen angestrengten Duktus zu verfallen, sehr viele Leserinnen.

Kiepenheuer & Witsch, gebunden 20,- €, Erscheinungsdatum: 15.02.2018