Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes (Matthes & Seitz)

Carrère_Reich_Matthes SeitzEine Empfehlung von Gerrit Völker

Emmanuel Carrère verfolgt schon seit einigen Jahren ein Erzählkonzept, das sich einer einfachen Kategorisierung entzieht: Mit „Limonow“ lotet er die erzählerischen Möglichkeiten einer extremen historischen Biographie aus und „Alles ist wahr“ erzählt anhand der Tsunami-Katastrophe in Ostasien, die Carrère selbst erlebt hat, wie zufällige Ereignisse in die eigene Biographie und die Art und Weise, sich und seine Umwelt zu reflektieren, eingreifen können. Und nun: „Das Reich Gottes“, ein Buch, das auf über 500 mehr als lesenswerten Seiten so etwas wie die Frage aller abendländischen Fragen stellt, nämlich die nach den Zusammenhängen von Religion und Sein in der westlichen Welt.

Ausgehend von einem Tischgespräch mit Filmleuten, bei dem es unter anderem um den Anachronismus geht, dass christlich-religiöse Aspekte im 21. Jahrhundert noch immer einen so großen Einfluss auf Individuum und Gesellschaft ausüben, folgt Carrère zunächst jenen Spuren, die Religion und Glauben in seinem eigenen Leben hinterlassen haben. Dreh- und Angelpunkt ist eine persönliche Krise Anfang der 1990erjahre, in der Carrère sich auf fundamentale Weise dem Christentum und dem Studium der Evangelien zugewandt hat. Er kramt die Tagebücher aus dieser Zeit hervor, die eher Glaubenssätzen als Lektüreerfahrungen ähneln und ihm aus seiner heutigen Sicht etwas peinlich sind (er hatte sie vor Jahren schon in der hinterletzten Ecke seiner Wohnung verstaut). Doch er verharrt nicht auf dieser Ebene, sondern begibt sich in die früheste Zeit des Christentums, das er zum Zeitpunkt seines Entstehens mit einiger Berechtigung als „jüdische  Sekte“ bezeichnet. In diesen großartigen Passagen liest sich „Das Reich Gottes“ wie ein Abenteuerroman, dessen Hauptfiguren der Apostel Paulus, Typ bärbeißiger Reiseprediger, und der Evangelist Lukas, Typ suchender Intellektueller, sind. Seine Quellen, die weit über die Hinweise des neuen Testaments hinausgehen, nennt er präzise, beugt sie aber im Zweifelsfall, um persönliche Prioritäten als Erzähler zu setzen. Die erste Generation von Menschen, die ihr Leben und ihre Weltanschauung auf die Überlieferung der Lehre Christi gründeten, benutzt Carrère wiederum, um sie mit der heutigen Zeit rückzukoppeln: Was ist davon geblieben? Welche Ursubstanz hat zwei Jahrtausende überstanden? Welchen Platz nimmt die Religion ein? Und die Frage nach dem eigenen Glauben, nach der Motivation seines Erzählens, klärt er auch:

„Nein. Nein, ich glaube nicht, dass Jesus auferstanden ist. Ich glaube nicht, dass ein Mensch von den Toten zurückgekehrt ist. Aber man kann es glauben, und dass ich es selbst geglaubt habe, weckt meine Neugier, fasziniert, verwirrt mich, wirft mich aus der Bahn – ich weiß nicht, welches Verb hier am besten passt. Ich schreibe dieses Buch, um mir nicht einzubilden, als Nichtmehrgläubiger mehr zu wissen als jene, die glauben, und als ich, da ich selbst noch glaubte. Ich schreibe dieses Buch, um mir selbst nicht zu sehr recht zu geben.“

Das finden wir auch: Emmanuel Carrère hat ein glanzvolles Buch verfasst, das dokumentarisch wie fiktional, autobiographisch wie philosophisch, intim wie reflektiert Fragen von Bedingungen, Möglichkeiten und Paradoxien des christlichen Glaubens in Gegenwart und Antike nachgeht. Mit „Das Reich Gottes“ macht er ein großes Fass auf – sehr spannend und eine große Leseerfahrung!

(übers. v. Claudia Hamm, Matthes & Seitz Berlin 2016, gebunden, 24,90 €)