Eva Schmidt, Ein langes Jahr (Jung und Jung)

Eva Schmidt_Jung und JungEine Empfehlung von Gerrit Völker

Eine Siedlung und ihre Bewohner, ein Hochhaus, Einfamilienhäuser. Ein langes Jahr. Mehr Raumund Zeit braucht die österreichische Autorin Eva Schmidt nicht, um einen wunderbar reduzierten und in seiner ruhigen Art dennoch bewegenden Roman zu schreiben.

Suburbia, die Vorstadt – welcher Ort könnte mehr für ein Leben außerhalb des Spektakulären stehen? Und welcher Ort wird von der altbauberlinhamburgleipzigbegeisterten Gegenwartsliteratur so sehr links liegen gelassen? Normalität, Sorgen, wenig Glanz, keine Meisterwerke, keine Unsterblichkeit, die Zeit vergeht langsam aber bestimmt. Und doch, Eva Schmidt lässt sich auf diese Topographie ein, denn sie erkennt in ihr ein erzählerisches Potenzial: Die Vorstadt erzeugt Sehnsüchte. Bezeichnenderweise stellt sie ihrem Roman ein Zitat aus Robert Walsers „Rose“ voran („Sehnsüchtig sein heißt nicht wissen, wohin man möchte.“) und überschreibt das letzte der 38 kurzen Kapitel mit „Der schönste Platz auf der Welt“.

Alles beginnt distanziert, abwartend, Erzählen wie aus der Kameraperspektive und Eva Schmidt lässt ihren Ort buchstäblich erst einmal erwachen. Nach und nach treten, einem Versuchsaufbau gleich, einzelne Personen auf. Der ziellose Sohn aus reichem Hause. Ein Mann, der mit dem Fernglas seine Nachbarin beobachtet und eine Waffe besitzt. Der Junge Ben, der sich einen Hund wünscht, seine alleinerziehende Mutter, sein Freund Joachim, seine Vater und der alte Herr Agostini. Karin, die sich ein Seil und eine Leiter kauft. Auch eine Ich-Erzählerin taucht auf. Ein Ende das keines ist. Mit fortschreitendem Verlauf ergeben sich Zusammenhänge und eine Handlung entwickelt sich ebenso wie eine Empathie des Erzählens, ohne dass die Perspektive des Beobachtens verlassen wird.

Eva Schmidt hat seit fast 20 Jahren (!) kein Buch mehr veröffentlicht und ist eine echte Wiederentdeckung. „Ein langes Jahr“ ist eine Prosa von bewundernswerter Klarheit, die auf überflüssige Sprachergüsse ebenso wie auf spektakuläre Effekte sehr gut verzichten kann. Aus den alltäglichen Dingen, aus Nachbarschaften, Sehnsüchten, Möglichkeiten und Hemmnissen webt Eva Schmidt gekonnt die Textur einer Siedlung. Und umgekehrt, die Siedlung wird zur formalen Referenz für den Text. Es gelingt ein Roman, der schlicht vom Leben handelt: Beobachtendes Schreiben von feinsinniger Erhabenheit.

(Jung und Jung, gebunden, 20,- €)

WIR FREUEN UNS AUF DIE AUTORIN: Eva Schmidt liest in der Maternus
Donnerstg, 12. Mai 2016 | 19:30h | Eintritt: 10,- €