Gert Loschütz, Ein schönes Paar

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Sie sind ein schönes Paar: Herta und Georg, die Eltern des Erzählers Philipp. Erst nach ihrem Tod, sie sterben kurz nacheinander, kann er es wagen sich ihrer Geschichten, ihrer ihm nicht vollkommen verständlichen und nicht aufzulösenden Lebensumstände  anzunehmen. Sie haben sich als junge Menschen kennenglernt, Herta träumte von einem Leben als Mannequin, Georg war ein ehemaliger Soldat, und sie schienen für die Zukunft bereit. 1957 kommt die große Zäsur: Sie müssen raus aus der DDR, als Georg Probleme auf der Arbeit kriegt. Vom fiktiven brandenburgischen Ort Plothow ziehen sie ins fiktive Städtchen Tautenburg. Sie nehmen eine Kamera mit, mit deren Verkauf sie sich ein kleines Startkapital aufbauen möchten. Doch kein Hahn kräht nach Ostprodukten; die mit hartem Einsatz erworbene Kamera ist unverkäuflich. Schließlich tut Georg etwas, das er wohl aus Liebe tut, das ihm jedoch nicht nur auf seiner neuen Arbeit im Westen erneut Probleme bringt, sondern das womöglich und paradoxerweise ein Auslöser für das Scheitern seiner Ehe ist. Herta verlässt ihren Mann und ihren Sohn, verlässt auch Tautenburg, macht sich unsichtbar und schickt nur hin und wieder verschrobene Postkarten. Jahrzehnte später erst taucht sie wieder auf, Philipp ist bei seinem Vater, der ihm eigentlich nicht minder seltsam erscheint, in der bundesdeutschen Provinz aufgewachsen und mittlerweile ausgerechnet Fotograf geworden.

„Ein schönes Paar“ ist eine literarische Spurensuche, lotet die Möglichkeiten des Erzählens aus; ein dichtes, detailreiches und doch immer wieder um unauflösbare Leerstellen kreisendes Doppelportait aus der Sicht des Sohnes. Loschütz ist ein grandioser Erzähler, von den ersten Sätzen an merkt man seine Meisterschaft. Er erzählt ruhig und reflektiert, die große Klarheit seiner Sprache und Komposition steht in einem reizvollen Kontrast zu den schwarzen Flecken, die seine Geschichte bereithält. Hier ist kein Satz, keine Silbe zu viel. Nichts ist unwichtig, alle erzählerischen Einheiten korrespondieren und bilden ein Ganzes. Dies ist ein brillanter Roman, der zeigt, dass es oft das Rätselhafte und schwer Fassbare ist, das ein Leben ausmacht und das es lohnt, in Literatur übertragen zu werden.

Schöffling & Co., gebunden 22,-€, Erscheinungsdatum: 06.02.2018