Haruki Murakami, Die Ermordung der Commendatore Bd. I & Bd. II

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Haruki Murakami, Die Ermordung der Commendatore Bd. I (Eine Idee erscheint) & Bd. II (Eine Metapher verwandelt sich)

Eines gleich vorab: „Die Ermordung des Commendatore“ ist wohl das Beste, das man in den letzten sicher zehn Jahren vom großen Haruki Murakami zu lesen bekommen hat. Diese Geschichte übt eine seltsame Faszination aus und erzeugt einen Sog, wie sie selbst in Murakamis Werk von Weltrang nur die absoluten Highlights zu erzeugen vermögen.
Eigentlich ist der namenlose Erzähler dieses Romans ein ziemlicher Normalo. Er ist Maler und als solcher spezialisiert auf Auftragsporträts, die vor allem reiche Männer von sich anfertigen lassen und in ihr Büro hängen. Er ist Mitte dreißig, mit einer Frau verheiratet, die er gerne bekocht und mit der er ein recht unspektakuläres Leben in Tokio lebt. Nichts Bedeutendes, nichts besonders Aufregendes. Sein wunder Punkt ist der frühe Tod seiner Schwester, die an einer Herzkrankheit gestorben ist, als beide noch Jugendliche waren. Doch alles ändert sich, als seine Frau ihn aus heiterem Himmel verlässt. Der Erzähler fährt zunächst ziellos durch Japan, bevor er im Haus eines berühmten alten Malers unterkommt, mit dessen Sohn er befreundet ist. Im nahegelegen Ort kann er Malkurse für Kinder und Erwachsene geben. Doch in diesem abgelegenen Haus widerfahren ihm seltsame Dinge, die seine Irritation nach der Trennung von seiner Frau erheblich verstärken und den Rahmen einer kontrollierbaren Welt sprengen. Auf dem Dachboden des Hauses entdeckt er ein bislang unbekanntes, faszinierendes Werk des Großmeisters namens „Die Ermordung des Commendatore“, das im Stile der traditionellen japanischen Malerei auf rätselhafte Weise eine Opernszene aus Don Giovanni mit einem biographischen Erlebnis des Meisters im Wien der 1930er Jahre zu verbinden scheint. Ein ebenso weltgewandter wie mysteriöser, schwerreicher Mann namens Menshiki tritt an ihn heran und bietet ihm eine abstrus hohe Summe für ein Porträt, für das der Erzähler einen völlig anderen, für ihn neuen Stil wählt. Zusammen gehen sie dem mysteriösen Läuten einer Klingel nach, das jede Nacht um dieselbe Zeit zu hören ist. Es scheint aus einem alten Schrein zu stammen, den sie öffnen lassen und unter dem sich eine gemauerte Grube verbirgt. Hier finden sie tatsächlich das Glöckchen – aber wer hat geläutet? Jetzt wird es abgefahren: Eine seltsame Figur erscheint ihm, die sich als „Idee“ ausgibt und sich ihm in Gestalt des Commendatore aus eben jenem rätselhaften Bild manifestiert. Menshiki bietet erneut eine hohe Summe, wenn er ein Mädchen porträtiert, das möglicherweise seine Tochter ist und das beim Erzähler Erinnerungen an seine verstorbene Schwester hervorruft. Und das sind nur einige der seltsamen Ereignisse und Entwicklungen, denen er sich gegenübersieht…
Aus dem Aufeinandertreffen seines Protagonisten mit einer Anderswelt, in der alles in ihm rätselhaften Zusammenhängen zu stehen scheint und die immer größeren Einfluss auf sein Leben und sein Werk als Künstler nimmt – beides erfährt eine bemerkenswerte Entgrenzung – entsteht eine Spannung, die bis zum Schluss anhält. Dabei ist Murakamis Sprache und Erzählweise (in der tollen Übertragung ins Deutsche von Ursula Gräfe) nicht auf Effekte angelegt, was auch ein besonderes Faszinosum dieses Romans und vielleicht von Murakamis Werk insgesamt ausmacht: Es ist auf unspektakuläre Weise spektakulär – Weltliteratur!

DuMont Buchverlag GmbH, gebunden, 26,00 €, Erscheinungsdatum Band I: 22.01.2018 und Band II: 16.04.2018