Jean-Philippe Toussaint, Nackt (FVA)

Toussaint

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was vom Belgier Jean-Philippe Toussaint kommt, gehört schon lange zum Besten, was die europäische Erzählliteratur zu bieten hat. Sein vierbändiger Romanzyklus rund um die Hauptfigur Marie, der mit „Nackt“ seinen wundervollen Abschluss erfährt, wäre an sich ein mehr als guter Anlass für die Damen und Herren im Nobelpreiskomitee gewesen, ihre diesjährige Entscheidung zu überdenken, wenn es denn ein französischsprachiger Autor sein sollte.

Eine durchgeknallte Modenschau in Tokio, eine Verabredung in Paris, der rätselhafte Brand einer Schokoladenfabrik und eine beinahe verpasste Beerdigung auf Elba – es sind diese Orte und Ereignisse, zu denen es die Modedesignerin und Künstlerin Marie mit dem weitgehend eigenschaftslos bleibenden Erzähler zieht. Ob sie wieder zueinander finden? Welches Geheimnis hütet Marie? Dass der Erzähler ein kleines Fläschchen mit Salzsäure mit sich führt, zeigt die möglichen Abgründe in diesem virtuos verdichteten und zugleich so cool wie leichthändig erzählten Roman.

Toussaint schreibt über eine Liebe, ohne in Gefühlspornografie oder Tränendüsen-Affekte abzugleiten – schwerelos, andeutend und szenisch, aber nie trocken. Was für eine großartige Episode etwa, in welcher der Erzähler auf dem Dach eines Tokioter Museums liegend durchs Dachfenster auf das Geschehen einer Vernissage blickt und unter den Besuchern endlich Marie findet: „Voller Rührung beobachtete ich Marie dort unten im Ausstellungssaal, sah ihre ergreifende Gestalt durch die Lichtkuppel, ich öffnete ein wenig die Lippen und wisperte sachte ihren Namen in die Nacht, aber kein Laut drang aus meinem Mund, nur ein schwacher Hauch, ein zögerlicher Dunst, den ich für einen Augenblick vor mir sah, eine kleine dampfende Wolke, die gerade ,Marie‘ gesagt hatte und sich vor meinen Augen langsam in der eisigen Nacht verflüchtigte.“

Groß.

(übers. v. Joachim Unseld; FVA, geb., 19,90 €)