José Eduardo Agualusa, Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

José Eduardo Agualusa ist einer der wichtigen portugiesischsprachigen Autoren und mit jedem seiner ins Deutsche übersetzten Titel darf man betonen, dass es mit seinen Büchern ein literarisches Werk von Rang zu entdecken gibt, dessen Rezeption bei uns, vielleicht auch wegen des postkolonialen westlichen Dünkels gegen afrikanische Literatur, seiner literarischen Qualität und Bedeutung bei weitem nicht gerecht wird.
Agualusa, der die gesamte lusophone Welt sein Zuhause nennt, stammt aus Angola und hier spielt auch sein neuer, von Michael Kegler großartig übersetzter Roman „Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“, der die Schwellensituation angolanischer Gegenwart zwischen Bürgerkriegsgeschichte und Aufbruch ungemein geistreich einfängt. Als Kunstgriff erweist sich dabei sein Verfahren, die Handlung aus den Figuren, aus ihren Vergangenheiten und ihrem Aufeinandertreffen in der Gegenwart heraus zu entwickeln. Hauptfigur ist der kritisch-politische Journalist Daniel Benchimol, der nach einer eher räudigen Scheidung nach Halt und neuen Wegen sucht. Um sich vom stressigen Alltag der Hauptstadt Luanda zu erholen, reist er für ein paar Tage ans Meer, in das Hotel seines Bekannten Hossi. Von Hossi wird schnell klar, dass er einerseits wegen seiner kämpferischen Vergangenheit im Bürgerkrieg heute die relative Anonymität des Hotelbetriebs schätzt. Andererseits hat er eine seltsame Eigenschaft: Er erscheint, in eine merkwürdige Uniform gekleidet, in den Träumen von Menschen, die sich in seiner Nähe befinden. Wegen beidem scheint der Geheimdienst sich für ihn zu interessieren. Benchimol seinerseits träumt von einer attraktiven Frau, die sich zu seiner Überraschung als die reale südafrikanische Künstlerin Moira herausstellt. Sie lernen sich kennen und nähern sich an. Sie ist gleich auch fasziniert von Hossis verrückter Rolle als Traumgänger und macht ihn, zusammen mit einem Neurologen, zum Gegenstand eines wissenschaftlich-künstlerischen Joint Ventures. Die Träume von Benchimols Tochter Lúcia hingegen sind politischer Natur. Sie kehrt aus Portugal zurück nach Angola und schließt sich einer Gruppe von Aktivisten an, die sich gegen den korrupten Machtapparat  stellen und das Parlament in Luanda stürmen. Dafür gehen sie in den Knast und treten in einen Hungerstreik. Benchimol ist gezwungen, sich nicht nur kontrovers mit seiner Exfrau über die Situation seiner Tochter, sondern abermals auch mit der politischen Lage seines Landes auseinanderzusetzen.
Es ist faszinierend und bewundernswert, mit welcher Poesie und leichter Feder Agualusa mit seiner „Gesellschaft“ komplexe Fragen nach meschlichem Miteinander und zeitlichen Kontexten unserer Gegenwart verhandelt, ohne jemals ins Diskurshafte abzugleiten. Die Träume sind hier nicht nur wundervolle fantastische Einlassungen in die Wirklichkeit, sondern stehen als mögliche Zukunft in Relation zu unserer jeweiligen Gegenwart: als vergangene und gegenwärtige Zukunft, als vergangene und gegenwärtige Vergangenheit. Vielleicht sogar als zukünftige Gegenwart, denn Träume sind bei Agualusa, wie die Literatur, subversiv und mächtig: Sie können sogar Regierungen in die Knie zwingen. Groß!

(übers. v. Michael Kegler, C.H. Beck, gebunden, 304 Seiten, 22,- €)