Juan Gabriel Vásquez, Die Gestalt der Ruinen

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Der Mord an dem Anwalt, liberalen Politiker und Hoffnungsträger Jorge Eliécer Gaitán vom 9. April 1948 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte Kolumbiens und seiner Hauptstadt Bogotá. Es kommt zu den gewaltsamen Unruhen des „Bogotazo“, zum Bürgerkrieg und das Land wird in eine politische und gesellschaftliche Krise gestürzt, die Jahrzehnte anhalten wird. Um dieses Attentat und seine Bedeutung für die Gegenwart kreist auch der neue, große Roman von Juan Gabriel Vásquez, der spätestens mit diesem Buch zu einem der bedeutenden Autoren unserer Zeit wird.
Ich-Erzähler und eine der Hauptfiguren ist Vásquez selbst. Ausgangspunkt des Erzählens ist die Verhaftung eines Mannes bei dem Versuch, Gaitáns Anzug, den er während des Attentats getragen hat, aus einem Museum zu stehlen. Vásquez kennt diesen Mann: Es ist Carlos Carballo, ein gleichermaßen sinistrer Typ wie schräger Vogel, für den die Beschäftigung mit dem Gaitán-Attentat zur fixen Idee geworden ist, der er alles in seinem Leben unterordnet. Ein Mythomane und Verschwörungstheoretiker, der steile Thesen aufstellt, die auf Vergleichen mit den Morden an John F. Kennedy, Rafael Uribe Uribe und Franz Ferdinand, mit den Ereignissen des 11. September, apokryphen Informationen und geheimem Wissen aufbauen. Oder ist doch etwas dran an seiner Theorie, dass sich das Attentat anders zugetragen muss als in der offiziellen Version? Vásquez‘ Verhältnis zu diesem Mann jedenfalls ist von Beginn an schwierig. Gleich bei ihrer ersten Begegnung, die ein gemeinsamer Freund, der Arzt Francisco Benavides (eine großartige Romanfigur), arrangiert, schlägt er ihm mit einem Aschenbecher ins Gesicht. Doch Carballo lässt nicht locker. Er möchte, dass Vásquez sich mit seinen Informationen beschäftigt und auf deren Grundlage und ein Buch schreibt. Und weil Vásquez ihm im Eifer des Gefechts ein Geheimnis verrät, das Benavides ihm anvertraut hat, wird er nach Jahren im Ausland doch tiefer in die Geschichte hineingezogen.
Wie entstehen aus Geschichte Geschichten – und wie aus Geschichten Geschichte? Wie und von welchen Standpunkten aus generieren wir Wahrheiten? Wem können wir trauen? Welche Position kann die Literatur einnehmen, trägt sie eine Verantwortung? Es sind diese und andere große Fragen, die „Die Gestalt der Ruinen“ verhandelt. Der Roman ist vielschichtig und komplex, aber nicht überanstrengt: Ein spannender Politthriller, der ohne Effekte und Cliffhanger auskommt, ein Buch über die suggestive Kraft von Verschwörungstheorien, aber weniger verspielt-verschachtelt als Ecos „Das Foucaultsche Pendel“ und eine reflexive autobiographische Verortung im eigenen Stoff, die elegant und ohne radikale Selbstbespiegelung funktioniert. Großartig!!!

Schöffling & Co., 26,- €, gebunden, Erscheinungsdatum 18.09.2018