Ludwig Fels, Die Hottentottenwerft (Jung und Jung)

Fels_Hottentottenwerft_Jung und JungEine Empfehlung von Gerrit Völker

Ludwig Fels‘ „Die Hottentottenwerft“ ist ein herausragender Roman und einer der interessantesten Titel der letzten Monate. Er bietet ein großartiges literarisches Erlebnis, indem er von Liebe erzählt, ohne kitschig zu sein, indem er ein Afrika-Abenteuer erzählt, ohne klischeehaft zu sein und indem er deutsche Kolonialgeschichte erzählt, ohne in einen lehrerhaften Ton zu verfallen. Und er ist in einer grandiosen, ebenso wuchtigen wie luziden Sprache geschrieben.

1903: Crispin Mohr macht sich auf, um den schwierigen familiären Verhältnissen und einer unglücklichen Liebe in seiner Heimat Pappenheim zu entkommen. Nach Afrika geht es, als Kavallerist in Deutsch-Südwest. Er träumt davon, von Reich und Kaiser belohnt zu werden, hier siedeln und seine Mutter nachholen zu können, wenn er einige Zeit dient. Doch der fremde Kontinent und die Realitäten der deutschen Kolonie empfangen ihn weniger offen als erhofft. Und es passiert ihm, was aus einem militärisch-kolonialen Selbstverständnis heraus nicht passieren darf: Er verliebt sich vom Fleck weg in Hulette, Enkelin eines afrikanischen Stammesoberen und „Hausmädchen“, besser Sklavin, seines vorgesetzten Offiziers. Auch hier erweist er sich als so naiv wie standhaft. Erst, als alles zu spät ist, wird er erfahren, ob seine Liebe von ihr erwidert wird. Doch er hält daran fest, träumt von einem friedlichen Farmleben mit Hulette und versucht, sich gegen brutale Widerstände zum Helden seiner eigenen Geschichte aufzuschwingen.

„Die Hottentottenwerft“ hält zum einen die brutale und zynische Seite des deutschen Kolonialismus in den Monaten vor dem Herero-Aufstand fest. Dabei überwiegt jedoch keineswegs das Dokumentarische: Fels nutzt diesen historischen Kontext vielmehr, um einen wahrhaft „gewaltigen Roman (…) über Sehnsucht und Stolz und das Drama einer Liebe ohne Zukunft“ (Klappentext) zu schreiben. Und das tut er auf grandiose Weise. Wie er die stoische Energie seines modernen Sisyphos auf die Ebene des Textes und auf seine Sprache überträgt, wie er empathisch seinem Protagonisten folgt und dessen Geschichte doch konsequent bis zum Ende erzählt – das findet man sonst in dieser literarischen Qualität im deutschsprachigen Raum vielleicht nur bei Feridun Zaimoglu und das macht ihn zu einem im besten Sinne eigensinnigen und großartigen Autor.

(Jung und Jung, gebunden, 24,90 €)