Maike Wetzel, Elly

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Die elfjährige Elly verschwindet, von jetzt auf gleich ist sie einfach weg. Zuletzt wurde sie auf dem Weg zum Training gesehen. Was mit ihr geschehen ist und ob etwas mit ihr geschehen ist – man weiß es nicht. Unfall, Entführung, Mord, Suizid oder Flucht von Zuhause, alle Möglichkeiten kommen in Frage, es gibt keine Indizien, die für oder gegen etwas sprechen würden. Zurück bleiben ihre Eltern und ihre ältere Schwester, deren Gedanken sich rat- und rastlos um die Fragen danach drehen, was Ellys Verschwinden zu Grunde liegt, ob sie noch lebt, ob sie vielleicht zurückkehren wird. Ihre Fragen bleiben im Raum stehen; Ellys Verschwinden hinterlässt eine Leere, aus der keine Antworten zu erwarten sind. Und so versucht jeder für sich, die Lücke zu füllen, Elly zu substituieren, bis die Eltern schließlich einen krassen Schritt gehen.
„Elly“ ist ein Roman, der Spuren hinterlässt. Maike Wetzels bemerkenswert präzise Sprache und ihre Komposition, die an einen Versuchsaufbau erinnert und auf das Theater verweist, sorgen dafür, dass er an keine Stelle ins Emotive oder Therapeutische entgleitet. Die Psychologie findet im Handeln und Denken der Figuren statt, nicht in der Sprache. Diese Geschichte von Verlust und vergeblicher Wiederaneignung, von Latenz und tiefer Irritation ist frappierend und ergreifend, ihre Sprache reduziert und wesentlich und ihre Poetik überlegt und umsichtig. „Elly“ ist eine unbedingte Entdeckung, also: Lesen!

Schöffling & Co., 20,- €, gebunden, Erscheinungsdatum 07.08.2018