Manuele Fior, Die Übertragung (avant-verlag)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Es nervt ja schon ein wenig, dass man hierzulande noch immer auf die literarische Legitimation und die erzählerischen Möglichkeiten des Genres Comic hinweisen muss. Aber noch einmal: Bitte lesen Sie Comics, wenn Sie sich für Literatur, ihre Formen und Erzählweisen interessieren! Grafische Erzählungen bereichern die Literatur in vielerlei Hinsicht!

Dass das keine steile These ist, beweist auch Manuele Fiors in Italien zur Mitte des 21. Jahrhunderts angesiedelte Graphic Novel „Die Übertragung“. In politisch schwierigen Zeiten, nach nicht genau bezeichneten gesellschaftlichen Unruhen, trifft es den Psychologen Raniero gleich mehrfach hart. Nicht nur, dass seine Frau und er in ihrem Haus überfallen werden, nicht nur, dass seine Frau ihn verlassen möchte –zudem hat er einen Autounfall, weil er seltsame Zeichen am nächtlichen Himmel sieht. So gebeutelt, nehmen die Irritationen auch danach kein Ende. Eine junge Patientin sagt von sich, sie habe telepathische Fähigkeiten, stünde im Austausch mit einer außerirdischen Zivilisation und sehe dieselben Himmelszeichen wie Raniero. Bald sieht diese auch die ganze Stadt…

„Die Übertragung“ ist kein Sci-Fi-Kitsch, hier laufen keine Aliens herum, es gibt keinen Krieg der Zivilisationen. Vielmehr umkreist Fior assoziativ und komplex das Leben in einer Stadtgesellschaft, die sich mit dem Anderen konfrontiert sieht und doch eigentlich so sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Beziehungen, Liebe und Sexualität, die Macht der Gewohnheit, Selbst-Entfremdung und Generationenkonflikte sind die großen Themen, die in diesem virtuos gezeichneten Comic kunstvoll arrangiert und verknüpft werden.

(avant-verlag, gebunden 24,95 €)