María Cecilia Barbetta, Nachtleuchten

Eine Empfehlung von Birgit Matthias

Bevor wir Ihnen von all den schönen Neuerscheinungen berichten (nun – natürlich nicht von allen; es erscheinen aber in der Tat wunderschöne Novitäten in diesem Frühjahr!), möchte ich eine Lektüre aus dem vergangenen Herbst empfehlen, welche mir ganz besonders gut gefallen hat.

Es ist das Buch „Nachtleuchten“ von Maria Cecilia Barbetta.

Was für eine Geschichte, was für ein Roman !!!

Dieser ist in Buenos Aires verortet und zeitlich am Vorabend eines politischen Umsturzes – der Militärdiktatur in Argentinien, die von 1976-1983 andauerte – situiert.

Aus der gesamten Welt stammen die Protagonisten und haben sich in Buenos Aires, in dem Viertel Ballester, eine neue Existenz aufgebaut.

Erzählt wird von Teresa und ihren Klassenkameradinnen in der katholischen Mädchenschule ebenso wie von Celio, dem Friseur des Salons „Ewige Schönheit“ oder den Mechanikern der Autowerkstatt „Autopia“ und wie natürlich alles miteinander zusammenhängt.

Die Themen, die verhandelt werden, sind der Aufbruch, der Neubeginn, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und gleichzeitig die bedrohender werdende Atmosphäre, das sich verschlechternde, zuspitzende politische Klima.

Die Bewohner vom Ballester träumen vom Lottogewinn, singen Boleros unter der Dusche, lauschen den Stimmen der Vergangenheit und glauben an die Zukunft.

Wenn politische Unruhen und Gewalt am Vorabend der Militärdiktatur das Land in einen zutiefst unheimlichen Ort verwandeln, wissen sie, was zu tun ist.

Wer überleben will, braucht eine Vision. Oder, um es mit Alvaro Fatini zu sagen: „Ohne Utopie kein Durchhalten…Unser Leben basiert auf dem Prinzip der Mechanik. Die Existenz lässt sich bewerkstelligen. Man kann daran herumbasteln…Man soll Ansprüche runterschrauben, ab und an auf die Bremse treten, aber auch keine Kraftanstrengung scheuen. Unser Motor will geschont werden, damit wir im richtigen Moment Gas geben können…selbst

die Oberfläche muss stimmen, wenn man als blitzgescheites Individuum darauf aus ist, einen glänzenden Eindruck zu hinterlassen.“

Anklänge sowie Rekurrenzen an Bilder, Filme, Kunstwerke und literarische Größen kann – wer will – zuhauf finden: einen mehr oder weniger gut versteckten Rene Magritte, einen Federico Fellini, einen Joseph Beuys, einen Andre Breton, einen Julio Cortazar, einen Johann Peter Hebel, einen Goethe, einen Samuel Beckett, einen David Lynch und eine Rebekah del Rio, um nur einige der Künstler aus den unterschiedlichen Sparten zu nennen, die im Text aufleuchten. Manche Referenzen sind offensichtlich, da sie kursiv gesetzt sind, andere sind als Idee in der Geschichte eingeflochten, im Erzählkorpus eingegangen bzw. darin verschwunden.

In diesem sprachlich überschäumenden und virtuosen Roman verlässt sich die Autorin auf die Leserin oder den Leser, auf die Komplizen eines jeden Autors, wie Julio Cortazar die Weggefährten nennt, die sich auf das Abenteuer der Lektüre einlassen, um dem Mysterium, das der Literatur innewohnt und der Wucht der Sprache, auf die Spur zu kommen.

Der Roman war unter den 6 nominierten Finalisten der shortlist des Deutschen Buchpreises 2018. Zu Recht – ein grandioses Buch!!!

S. Fischer, 24,- €, gebunden, Erscheinungstermin 15.08.2018