Maternus-Echolot #1: „Und das Schreiben hat mich gepackt, wie ich es mir erträume.“ Ein Interview mit Markus Orths

Maternus-Echolot #1
„Und das Schreiben hat mich gepackt, wie ich es mir erträume.“
Ein Interview mit Markus Orths

Foto: © Yves Noir

„Was machen eigentlich die Autor*innen in der Coronazeiten?“ – diese Frage habe wir von unsere Kund*innen immer wieder gehört. Also tun wir das Naheliegende: Wir fragen „unsere“ Autorinnen einfach selbst, lassen sie exklusiv für unsere Kund*innen zu Wort kommen über Bücher, Corona und vieles mehr. Mit einer kleinen Interviewreihe schaltet Gerrit Völker das Maternus-Echolot ein und schreibt Autor*innen an (je nach Resonanz auch weitere Protagonist*innen der Literatur), die mit unserer Buchhandlung in Verbindung stehen. Den Anfang macht der famose Markus Orths, der eigentlich am 1. April bei uns hätte lesen sollen – wir holen die Lesung nach, sobald es wieder geht!

Gerrit Völker: Lieber Markus, hab‘ vielen Dank, dass du unsere Fragen beantwortest, das ist großartig! Du gehörst zu den Autor*innen, die gerne und viel in Buchhandlungen lesen. Was bedeutet dir der direkte Draht zum Buchhandel und seinem Publikum?
Markus Orths: Sehr viel! Schreiben ist eine einsame Tätigkeit. Die Lesungen sind beinah die einzige Möglichkeit für mich, Leserinnen und Leser, Buchhändlerinnen und Buchhändler mit dem, was ich schreibe, unmittelbar zu konfrontieren. Also auch zu merken: Wie wirkt das, was ich schreibe, wenn ich es anderen Menschen vorlese? Das ist ungemein spannend. Ebenso wie die Gespräche nach Lesungen. Und davon abgesehen: Ohne Buchhändler, die sich für unsere Bücher einsetzen, wären wir Schriftsteller sowieso verloren. Und das sage ich jetzt nicht, weil du ein Buchhändler bist, sondern weil es stimmt!

GV: Corona trifft auch die Buchbranche heftig, vor allem euch Autor*innen. Du wolltest gleich mit zwei neuen Büchern durchstarten. Auch wir hatten ja mit „Picknick im Dunkeln“ eine größere Lesung im Odeon-Kino geplant. Wie fühlt sich das an, wenn man auf diese Weise ausgebremst wird?
MO: Zunächst einmal sehr schlecht. Ich hatte bereits sieben Lesungen aus dem „Picknick“ gehalten, und es begann ganz zauberhaft. Es gibt ja Bücher, die eignen sich mehr, und Bücher, die eignen sich weniger für Lesungen. Und das „Picknick“ hätte sich, wie ich bei den ersten Malen feststellte, perfekt geeignet. Und dass dann etwa 40 Termine (mit den Lesungen aus „Luftpiraten“ zusammen) einfach so gecancelt werden, das tat mir richtig weh. Viele Buchhändlerinnen und Buchhändler standen mir aber auch da zur Seite und versprachen, sich zu bemühen, im Herbst einen Ersatztermin zu finden. Hoffen wir, dass es in den meisten Fällen klappt.
Zugleich aber geschah ganz Wunderbares. Die Stoiker sagten schon: Was man nicht ändern kann, muss man annehmen. Und das Absagen der Lesungen bedeutete plötzlich auch: Ich hatte UNGEHEUER viel Zeit! Und das ist ja etwas, was man sich als Schriftsteller immer wünscht. Da ich schon im Januar und Februar zu schreiben begonnen hatte, konnte ich im März, April und Mai einfach nahtlos weitermachen. Es entstanden in diesen 4 Monaten zwei Bände Billy Backe (Band 3 und Band 4), die hoffentlich im Herbst 2021 erscheinen können. Sowie bislang bereits 400 Seiten einer neuen Kinderbuchreihe, einer Trilogie. Und das Schreiben hat mich gepackt, wie ich es mir erträume. Es war und ist wunderbar. Sprich: Die Situation anzunehmen, wie sie ist, hat sich als goldener Weg erwiesen.

GV: Du lebst mit deiner Familie in Karlsruhe. Welche Hilfestellungen gibt das Land Baden-Württemberg seinen freischaffenden Autor*innen und fühlst du dich in diesen Maßnahmen aufgehoben? Nutzt du jetzt digitale Wege für Lesungen?
MO: Ich habe mich darum nicht gekümmert. Ich werde keine Hilfe beantragen. Meine Frau ist Lehrerin und verdient Geld. Und ich selbst verdiene ja gerade mindestens genauso viel Geld wie bei den Lesungen: Denn für das, was ich gerade schreibe, bekomme ich ja Honorare. Insofern denke ich, das gleicht sich mindestens aus. Online-Lesungen mache ich nicht. Weil ich es elementar wichtig finde, die Menschen, die Zuhörer zu sehen, zu hören, bei ihnen zu sitzen. Vor einer weißen Wand oder vor einem Laptop oder einer Kamera kann und will ich einfach nicht lesen. Dann warte ich lieber, bis es wieder Veranstaltungen geben kann.

GV: Schreibst du derzeit weniger, gleichviel oder sogar mehr? Hat die Situation Auswirkungen auf deine Arbeit?
MO: Siehe oben: Ich schreibe VIEL MEHR! Und freue mich darüber. Die Situation hat auch Auswirkungen auf den Inhalt. Das neue Kinderbuch (eineinhalb Bände sind fertig) kreist stark um das Thema Zeit. Und da gibt es zum Beispiel ein „Zeitloch“. Und da tun sich dann auch irgendwie Parallelen auf zu unserer Situation gerade.

GV: Wir kennen und schätzen dich als Autor, der gerne und lebendig über seine Bücher und seine Arbeit spricht. Wie verändert sich eigentlich dein Verhältnis zum „Picknick“, wenn du es nicht wie gewünscht deinem Publikum präsentieren, auf Fragen eingehen kannst?
MO: Zum Glück bekomme ich gerade viele Reaktionen von Lesern zu dem Buch, sehr erfreute, sehr schöne. Das ist ganz wunderbar und ersetzt ein bisschen den direkten Kontakt bei Lesungen. Jedoch finde ich, sollte ein Autor das „Verhältnis“ zu seinem Buch nicht abhängig machen von Leserinnen und Lesern. Insofern: Das Buch ist mir sehr wichtig, auch und gerade als in der Tradition der „phantastischen Literatur“ stehend, als zweites Buch beim Hanser Verlag, und das zweite Buch bei einem Verlag ist immer sehr wichtig. Und da bin ich sehr, sehr froh, dass sich das Buch trotz dieser Zeiten so gut verkauft und so gut ankommt.

GV: Mit Stan Laurel und Thomas von Aquin treffen im „Picknick“ nicht nur zwei unterschiedliche Charaktere aus unterschiedlichen Jahrhunderten, sondern eigentlich zwei Prinzipien der menschlichen Zuordnung auf Leben und Tod aufeinander. Was auf der einen Seite einem Versuchsaufbau ähnelt, ein literarisches Experiment ist, hat darüber hinaus aber auch persönliche Hintergründe. Welche Rolle spielt dein Vater bei diesem Roman? Wie greift das alles ineinander?
MO: Einen Roman im Dunklen zu schreiben, hat mich ungeheuer gereizt! Endlich mal darauf verzichten, darüber zu schreiben, was man SIEHT! Denn wir sind ja sehr gelenkt durch die SICHT.
Dazu kam der Reiz, zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten aufeinander prallen zu lassen, die sonst niemals unter einen Hut gebracht werden können und die sich dem Leben von völlig unterschiedlichen Seiten nähern: von der Seite des Lachens und von der Seite des Denkens. Beides ist für mich wichtig. Ich mag Witze, in denen über den Tod gelacht wird. Und ich habe mich viel mit der Existenzphilosophie beschäftigt: Dort spielt der Tod eine zentrale Rolle. Das war der inhaltliche Attraktor für mich: das Phänomen des Todes im Angesicht des Denkens und des Lachens.
Es ging auch um ein Hauptproblem unserer Zeit: dass wir dem anderen nicht mehr zuhören; den (entgegengesetzten) Standpunkt des anderen schon vorab verneinen. Es müsste heute mehr denn je darum gehen, den anderen zunächst einmal vom anderen her zu verstehen. Dann erst ins Gespräch zu kommen. Mit Argumenten. Gegenargumenten. Das habe ich bei Thomas versucht. Thomas von Aquins Denken steht mir sehr fern. An die Offenbarung einer göttlichen Wahrheit, die er predigt, glaube ich selber nicht. Ich habe seine Aussagen aber in diesem Roman nachzuvollziehen versucht.
Diese Ideen schwelten schon länger, Hauptauslöser dafür, den Roman zu schreiben, war dann sicher der Tod meines Vaters vor vier Jahren. Mein Vater war ein gläubiger Christ. Im Grunde genommen steckt mein Vater auch ein wenig in der Figur des Thomas. Genauer gesagt, all das, was mich – als Agnostiker – von meinem Vater trennt (und dem ich nachspüren wollte). Während in der Figur des Stan Laurel vieles von dem steckt, was mich mit meinem Vater verbindet, denn mein Vater hatte einen unvergleichlichen Humor. Insofern ist dieses Buch für mich auch eine Art Abschiednehmen: sich einem wichtigen Menschen noch einmal zu nähern, seinem fernen Glauben (Thomas), seinem nahen Lachen (Stan), mit ihm durchs Dunkle zu gehen, in dem er jetzt ist, ein Dunkel, das wir im Leben niemals durchdringen können, außer in der Imagination. Daher ist für mich das Buch ein sehr persönliches Buch. Was man aber auf den ersten Blick sicher gar nicht so sieht.

GV: Bist du selbst darüber erstaunt, wie dein „Picknick“ in Coronazeiten noch an Aktualität und Relevanz gewinnt? Freiheit, Toleranz, Dialog, Perspektive, die gemeinsame Suche nach einem Ausweg und die notwendige Prise Humor sind wichtige Themen in deinem Buch –  all das beschäftigt uns gerade, oder?
MO: Gut, ich hätte lieber auf Corona verzichtet, aber tatsächlich finde ich dieses Buch auf geradezu unheimliche Weise in diese Zeit passend. Wir tappen im Dunkeln, allesamt, selbst die Wissenschaftler, keiner weiß, was kommt, es gibt nur Vermutungen und endlose Gespräche über das, was geschehen KÖNNTE. Es ist darüber hinaus ein Buch über den Tod, die Angst davor: Wie komme ich aus dem Tunnel heraus? Es ist ein Buch über das, was wir gerade in der Abstands-Zeit nicht mehr tun können: Berühren, Tasten, Fühlen. Und dass dieses Buch nun ins Dunkle sackt, finde ich, passt auch zu ihm. Und die Leserinnen und Leser müssen es suchen, finden, sich zu ihm vortasten. Irgendwie – so schlimm es auch ist – finde ich es auf eine übergeordnete Weise auch: passend.

GV: Ein Virus bringt die Welt zum Stillstand, Grenzen werden dichtgemacht, die Wirtschaft fährt runter die Politik regiert auf Erlass,Verschwörungs-Spinner  treten auf den Plan… Hand aufs Herz: Ist das nicht ein super literarischer Stoff? Juckt es dir diesbezüglich in den Fingern – oder entspricht in diesem Fall die Realität gar zu sehr dem literarischen Klischee?
MO: Ich glaube, nichts ist für einen Romancier schwieriger als dem „brandaktuellen“ Zeitgeschehen in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Es ist und bleibt immer ein Hinterherhecheln. Allein schon zeitlich: Wenn ich jetzt einen Corona-Roman schreibe, brauche ich im besten Fall ein Jahr. Dann dauert es noch einmal mindestens ein Jahr, ehe es veröffentlicht werden kann. Dann sind wir bereits im Jahr 2022. Vielleicht, das heißt hoffentlich ist Corona dann schon längst Geschichte. Ein Buch zu dieser Zeit, das aktuell sein will, kommt immer zu spät. Die Literatur „reagiert“ immer zeitversetzt.

GV: Welches Buch / welche Bücher liest du denn gerade – hast du zwei-drei Tipps für uns?
Ich lese gerade „Die Schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf. Weil „schwarze Spinnen“ auch in meinem neuen Kinderbuch eine Rolle spielen und ich mal schauen wollte, wie und was der Kollege so darüber geschrieben hat und weil ich das Buch immer schon mal lesen wollte, einfach wegen seines genialen Titels! Ich bin sehr überrascht: Der Beginn, also der Teil, in dem von der Taufe erzählt wird, ist an (vielleicht sogar ungewollter) Hölzernheit, Steifheit, triefender Idylle und langweiligem, unwichtigem Zeugs nicht zu überbieten. Dann aber, als die Erzählung in der Erzählung beginnt (die Erzählung mit dem Teufel und dann hoffentlich alsbald mit der Spinne, so weit bin ich noch nicht …), geht voll die Post ab. Grandios! Also unterstelle ich dem Autor, dass diese holzschnittartige Langeweile-Idylle zu Beginn durchaus gewollt war. Sozusagen als Kontrast zu dem, was folgt. Aber ich muss erst zu Ende lesen, um das beurteilen zu können.
Davor las ich den sehr schönen Auftakt einer Fantasy-Trilogie einer ehemaligen Schreib-Schülerin von mir: Katharina Hartwells „Die Silbermeer-Saga“.
Und „Das brennende Meer“ von John von Düffel.
Und „Imperia“ von Joachim Zelter, den ich sehr schätze.
Empfehlen kann ich „du, alice“ von Simone Scharbert, erschienen in der edition azur, die auch einen Gedichtband meines Lieblings-Lyrikers Max Sessner im Programm hat: Das Wasser von gestern. Und Max Sessner muss man unbedingt und dringend lesen, wenn man Literatur liebt! Seine Gedichte gehen unter die Haut, auch die beiden Bücher im Droschl Verlag: Unvergessene Bilder!