Maternus-Echolot #2: „Rausch mit Fremden.“ Ein Interview mit Tomer Gardi

Maternus-Echolot #2:
„Rausch mit Fremden“.
Ein Interview mit Tomer Gardi

Foto: © Dirk Skiba

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 05. Juni 2019, hat Tomer Gardi in der proppenvollen Maternus gelesen. Es war ein intensiver, furioser und wundervoller Abend. Nun werden wir eine proppenvolle Maternus in absehbarer Zeit leider nicht erleben dürfen. Mit der zweiten Ausgabe unseres MATERNUS-ECHOLOTS bringen wir Ihnen Tomer Gardi aber wieder ein Stück näher. Exklusiv für unsere Kund*innen und Abonnent*innen antwortet er auf Fragen unseres Buchhändlers Gerrit Völker. Dafür unterbricht er kurz die finale Arbeit an seinem neuen Roman und schreibt über Corona, das Fehlen rauschender Nächte in Berlin, Sprachen, das Schreiben, Alterität und und und… In echtem Tomer-Deutsch, ungefiltert und ungekürzt – das geht ab! Gardi beweist eindrucksvoll, dass seine Interviews sind wie seine Bücher und Lesungen: intensiv, furios und wundervoll.

Gerrit Völker: Mein lieber Tomer, vielen Dank für dieses Interview! Du lebst seit 1,5 Jahren in Berlin und erlebst die Stadt, deinen Kiez und dieses Land nun in einer Ausnahmesituation. Was hat sich für dich geändert, worauf verzichtest du, was vermisst du, was genießt du?
Tomer Gardi: Schau, Gerrit, es ist so. Was ich Tagsüber tuhe, hat sich fast nicht gerändert. Ich wach auf, trinke viel Tee, dann Cafe und brot, und dann setze ich mich hin und schriebe. Das habe ich vor der Weltinfektion gemacht, und auch dannach. Was geändert hat, waren die Nächte. Vor die Weltinfektion, habe ich die lange tägliche Stunden, in die ich alleine war und geschrieben habe, mit lange nächtliche Stunden in latue, volle Kneipen ausgeglichen. So habe ich eine herliche Gleichgewicht geschaft und gehalten. So ein Tanz ist nicht immer stabil,  das ist klar, aber für die Musik die ich mag, war es gut. Dieses Ausgleich hab ich im Zeiten der Pandemie veloren. Es ist seltsam aber so, die meisten Menschen werden schwindelig wenn sie trinken, ich werde schwindelig, wenn ich nüchtern bin. Naja. Das musste ich irgend wie lösen, und hab es auch gelöst. Ich hab Freuninnen und Freunde abends zuhause oder drausen getroffen, und so wars gut. Doch ich verzcihte sehr das Gefühl von Rausch mit Fremden. Und ist das nicht, Gerrit, was Literatur ist? Hier, gleich am erste Frage hab ich dir ein Tittel für den Interview gefunden und gegeben. Rausch mit Fremden.

GV: Okay, sehr gut, nehme ich. Apropos: Als wir kurz vorm Shutdown hier in Köln einen schönen schrägen Abend hatten, habe ich meine Bedenken geäußert, dass eine Corona-Debatte unter dem Begriff der „Hygiene“ aufgemacht werden könne. Wegen seiner historisch-semantischen Untiefen, völkischen Konnotationen. Auf sogenannten „Hygiene-Demos“ treten jetzt deutschlandweit neben vielleicht harmlosen Freaks auch Reichsbürger, AFD-Anhänger, Rassisten, Antisemiten, überhaupt Nazis auf den Plan. Wie nimmst du das wahr – ist das für dich eher eine schrullige Randnotiz oder fühlst du dich bedroht?
TG: Im algemein finde ich es spannend, wie der Misstrauen und Skepsis der Stadt gegnüber in den letzten Zeiten von der politische Links zum politischen rechts sich bewegt. Das dachte ich auch vor die Corona Zeiten zu beobachten, und auch jetzt, in den letzten Corona Monate.
Zeiten von Epidemien sind immer gute Zeiten für Fremdenhass, approps Rausch mit Fremden.  Als die ganze Corona Sache erst ernstgenommen war hab ich wieder über die Judenverfolgung während der Zeit der scshwarzen Tod in Europa gelesen. Die Epidamie bewegte sich von Süden nach Norden, und dammit auch die Judenverfolgung und die Progromme: Toulon, Barcelona, dann Erfut, Basel, Frankfurt am Main, Mainz, Köln. Die Demos habe ich als eine zeitgenosische Entwicklung dieser Kräfte verstanden, doch die Fremde sind nicht immer die gleiche Fremde.

GV: Insgesamt verläuft zumindest der offizielle politisch-gesellschaftliche Diskurs in Deutschland aber recht besonnen. Und in Israel, wie sieht es da aus? Neben strengen Corona-Maßnahmen hat das Land eine neue Regierung: Ein wegen Korruption angeklagter Premierminister Netanyahu, ein wortbrüchiger ehemaligen Kontrahent Gantz und sage und schreibe 36 Minister*innen. Wie hängen Corona und Politik hier zusammen?
TG: Es gibt keine wirkliche Unterschiede zwischen Netanyahu und Gantz, die beide sind von Ideologie wie auch von politischen Vision und Programm ähnlich. Nun vor die Corona hatte jeder von die beiden ein Interess sich selbst so zu vermarkten, als wäre er eine qualitative, andere Wahl als der andere. Nach der zweite, uneentschieden Runde, und die Corona Zuastand, Diskurs, und Massnahmen, war diese Interesse nicht so groß, man könnte ja sagen „in diese, ernste Zustand, müssen wir gemeinsam für die Stadt arbeiten“ bla bla bla. Aber ich, zwischen Scheiße und Kake, wähle ich lieber nein danke.
Zum Glück gab es auch andere Wahlmöglichkeiten. Die Vereinte Liste, mit Ayman Odeh als Partei­vorsitzender, ist eine echte progresive politische Möglichkeit und Wahl, und die Liste war diesmal die drittgröste Partei. Ich hofe sie wächst weiter, und schnell.

GV: Dein großartiger Roman „Sonst kriegen Sie ihr Geld zurück“ hat eine Handvoll mittelloser Protagonisten, die ums Überleben kämpfen und eigentlich auf Hilfe angewiesen wären. Vom Staat und seinen Organen werden sie aber degradiert und delegitimiert. Was meinst du: Wie ergeht es wohl Kaldi, Tolli, Lea, Abu Adwan & Co. im jetzigen Tel Aviv?
TG: Ach ja, die. Lange habe ich über ihnnen nicht gedacht. Ich nehme an, es geht ihr nicht so gut, aber sehr unterschiedlich. Lea Agunis, die Pfandflaschen Sammlerin, darf jetzt nicht so oft in den Supermarket rein, um die Flaschen zurück zu bringen und Geld abholen, und dazu sind wirklich weniger Flaschen jetzt auf den Straßen, denn Menschen in Israel dürfen sich in den letzten zwei Monate oder so kaum bewegen, also, kein trinken auf den Straßen, kein Pfandflaschen für Lea. Mist. Kaldi, der ist ja Putzmann bei eine große Stierkampf Arena, und die Stierkampf Arenas sind seit mindestens zwei Monate zu, Putzkräfte natürlich entlastet. Kaldi ist Arbeitsloss, aber die Stiere freuen sich bestimmt. Abu Adwan liefert weiter seine Gas Flaschen, es ist aber jetzt viel gefährlicher, den er macht das ja piratisch, die Polizei ist also ein Problem, den er darf ja nicht frei rumfahren, wie die offizielle Gasliefer Firmen. Anderseits, weil die Restaurants und so geschloßen waren, haben die Menschen mehr zuhause gekocht, und waren sowieso viel mehr zuhause, also hatte er nehr Arbeit, weil er mehr Kochgas verkaufte. Er vermisst Aber seine Familie, er ist ja aus der gegend von Hebron und arbeitet in Israel ohne Papiere, und Weltinfektionszeiten, wenn er über den Checkpoints gehen wird, seine Familie zu besuchen, wird er es nicht wieder zurück schafen. Also bleibt er wo er ist, macht seine Arbeit, und hat Heimweh.

GV: Corona bedeutet für viele Künstler*innen eine finanzielle Krise. Autor*innen brechen ganze Lesereisen weg, die einen Gutteil ihres Einkommens ausmachen. Wie sieht es bei dir aus – du hast dieses Jahr immerhin ein gut dotiertes Stipendium?
TG: Ach, bei mir war zum Glück alles gut. Ich hab ein Stipendium von August 2019 bis August 2020 gekriegt, also hatte ich immer noch eine stabile Einkommen. Dazu, erschien Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück Februar 2019, und mehr als ein Jahr nach der Erscheinungstermin hatte ich sowieso nicht so viele geplannte Termine. Aber vergiss das, jetzt mache ich Werbung.
Online Tomer Gardi Lesung, Samstag, den 27. Juni 2020 um 21 Uhr, im Rahmen von „Heidelberger Literaturtage“, info im Netz. Kommt. Es wird schön.
https://www.heidelberg.de/hd/HD/Leben/heidelberger+literaturtage.html

GV: Du schreibst sowohl auf Deutsch als auch auf Hebräisch. Was ist im Moment die Sprache deiner Wahl – und warum?
TG: Broken German war meine erste Roman auf Deutsch. Nach seiner Erscheinen, würde ich oft in Interviews und Lesungen gefragt, warum ich eigentlich auf Detusch schreibe – eine Sprache die ich ja nur begrenzt kann, und auch zum Glück nicht beherrsche – wenn ich auf Hebräisch schreiben kann.  Darüber hatte ich immer mehr oder weniger eine ähnliche Antwort: meine Erfahrungen auf Deutsch sind anders als meine Erfahrungen auf Hebräisch, meine Fantasie auf Hebräisch ist anders als meine Fantasie auf Deutsch, was ich auf jeder Sprache schreiben kann, und wie ich es schreiben kann, ist total unterschiedlich, und deswegen mache ich das.
Aber, während ich diese Antwort wieder und wieder sagte, hab ich angefangen, es zu hinterfragen. Ist das wirklich so? Ich war nicht so sicher, dass es genau stimmt.
Meine neue Roman heißt Eine runde Sache. Wie auch die zwei andere erwähnte Romane, wird es im wunderbaren Droschl Verlag erscheinen. Es ist ein Versuch, in Fragen über die Zusammenhänge von Erfahrung, Fantasie, Bewegung und Sprache, durch Prosa tief zu gehen und sie zu recherchieren. Ich hab eine Kern von eine Idee ausgesucht. Dieses Kern entwickle ich ein mal auf Hebräisch, und ein mal auf Deutsch. Der hebräischsprachige Teil wird dann ins Detusch übersetzt, von die wunderbare Übersetzungsküntslerin, Anne Birkenhauer. Der ins Deutsch übersetzte Teil wird neben der von mir auf Deutsch geschriebene Teil in einem Roman Form veröffenlicht, zwei Teile die vieles miteinander teilen, aber auch sehr unterschiedlich sind. Es ist in der Tat eine andere Geschichte. Aber dann auch nicht. Es ist großartig so zu schreiben, es macht große spass und ist hochinteressant. Und wenn das meine Erfahrung beim Schreiben ist, kann es auch gut sein, dass es etwas über das Leseerfahrung hindueten kann.

GV: Wir nehmen doch mal stark an und hoffen, dass Corona irgendwann vorbei ist. Was würdest du als erstes tun, wenn du wieder alles tun dürftest?
TG: Meine Mutter wird in eine Woche Siebzig. Vor die Weltentzündung hatte ich vor jetzt in Israel zu sein, und gemeinsam mit meine Familie zu feiern. Das wird nicht der Fall sein. Aber sobald ich nach Israel fliegen kann, werde ich es tun. Es wird aber noch dauern. Vorher werde ich in die Kneipe gehen, für eine schöne, tiefe Rausch mit Fremden.

 

Foto: © Dirk Skiba