Mircea Cărtărescu , Die schönen Fremden (Zsolnay)

978-3-552-05764-7-Cover-Web-Standard-278x454Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Was ist das? Mircea Cărtărescu, der große rumänische Erzähler, dessen Mega-Romanprojekt „Orbitor-Trilogie“ zu den absolut großartigsten, aber auch irritierenden Leseerfahrungen zählt, die man in der gegenwärtigen Weltliteratur machen kann, überrascht mit drei äußerst komischen und kurzweiligen Erzählungen. Er richtet, ausgehend von erlebten Begebenheiten, seinen Blick auf die Absurditäten des Literaturbetriebs und jenen, die sein Leben als Schriftsteller und als Rumäne mit sich führt.

Als Triptychon angelegt, bildet die titelgebende Erzählung „Die schönen Fremden (oder Wie ich ein Dutzendschriftsteller war)“ den furiosen Mittelteil. Cartarescu berichtet hier von einer Lesereise, die ihn und elf weitere rumänische Autoren in das „für sein Interesse an der Kultur anderer berühmte Frankreich“ verschlägt. Unter anderem geht es da nach Castelnaudary, „die Welthauptstadt der Haxen mit Bohnen“. Und, nun ja, auch im gelobten Land der Literatur werden die tapferen Zwölf konfrontiert mit eben den Absurditäten des Schriftstellerdaseins (enger Terminplan, Reisestrapazen, seltsame Interviews (oder noch schlimmer: unterbundene Interviews), seltsames Publikum) und des Rumäne-Seins (Sprachbarrieren, befremdlich-exotistische und absolut sinnfreie Folklore-Darbietungen und weitere Demütigungen, Minderwertigkeitsgefühle). Und auch das Essen hält so gar nicht, was man sich verspricht. Diese Erlebnisse steigern sich bei Cărtărescu bis ins Groteske, sein irgendwo zwischen heiter-ironisch und geistreich-ätzend sich bewegender Stil treibt wahre Höhepunkte des Erzählens hervor.

Auch die flankierenden kürzeren Erzählungen wimmeln vor so realen wir grotesken Szenen: „Anthrax“ erzählt von einem an Cărtărescu gerichteten seltsamen Brief aus Dänemark, von Briefanschlägen, kafkaesken Erlebnissen mit der Bukarester Kriminalpolizei und einer völlig durchgeknallten Kunstaktion. Und „Wie in Bacovia“ schließlich berichtet von der von absolut fatalen Umständen begleiteten Lesung eines sehr jungen und sehr, sehr hungrigen Cărtărescu im Rumänien der Vorwendezeit. Eine Geschichte, aus der unser Autor ein etwas verbeult hervorgehen wird.

Mit leichter Feder und großer Lust am Erzählen schildert Cărtărescu die grotesken Erfahrungen des Lebens aus der Sicht des Schreibenden. Toll und speziell ist, dass er dabei seinen genialischen Gestus nicht zurücknimmt, sondern ihn ironisiert, indem er ihn auf die profanen Ereignisse treffen lässt. Und so kann er alles, was es braucht, um gut und saftig über den Literaturbetrieb und das Autorendasein zu schreiben: Er kann plaudern, ironisieren, ätzen, klugscheißen, bereuen, leiden, abfeiern, aus der Hüfte schießen, gewinnen, verlieren, Hirngespinste aufbauen und wieder einstürzen lassen – und herausragend klug unterhalten.

(übersetzt von Ernest Wichner, Zsolnay, gebunden, 21,90 €)