Nis-Momme Stockmann, Der Fuchs (Rowohlt)

Cover_Stockmann_RowohltEine Empfehlung von Gerrit Völker

Wow, auch als Buchhändler kommt es selten vor, dass man nachts um 0:58h auf die Uhr sieht, nachdem man die Lektüre für diesen Tag nach 161 Seiten mit den wunderbaren Sätzen „Sie liest die Vorgänge. Deutet sie. Gestaltet sie bei Bedarf. Surft auf der Wirklichkeit. Flüstert ihr ihre Wünsche ins Ohr. Und die Wirklichkeit hört nickend zu und tut alles, um es möglich zu machen.“ beendet, sich fragt, was zum Teufel man da gerade Unglaubliches liest und sich einfach nur auf die folgenden etwa 550 Seiten freut.

So geschehen mit dem Roman „Der Fuchs“, mit dem Nis-Momme Stockmann in die Vollen geht:
Thule, ein Kaff an der deutschen Nordseeküste, versinkt im Meer. Eine Springflut überschwemmt das Land, verschluckt die Kleinstadt mit all ihren Straßen, Gebäuden, Existenzen. Menschen und Tiere sind den Naturgewalten ausgeliefert, Gegenstände und Leichen treiben im Wasser. Gleichzeitig ist es heiß, die Sonne brennt. Finn Schliemann schafft es mit einigen anderen auf das Dach eines Hauses (wo es fatalerweise zwar ein Gewehr, aber keinen Schatten und kein Trinkwasser gibt) und blickt auf das Chaos. Wie konnte es dazu kommen? Finn muss einige Jahre zurückdenken an seine Zeit mit Katja, die auf einmal da war, auf der Wirklichkeit surfte und Finn nicht nur vor den Baschis, Thules sadistischen Dorfschlägern, rettete, sondern ihn mit ihren kruden Erzählungen und Theorien von etwas Größerem spinnen ließ: Thule sei der Ort eines Kampfes von kosmischem Ausmaß, eine Gruppe von Agenten überwache den Fortgang der Geschichte nach den Maßgaben einer strengstens geregelten Agenda. Katja und Finn seien Auserwählte, die sich gegen diese Totalität stemmen müssten. Und tatsächlich: Ein abgetrennter Arm, Schwärme von Käfern und seltsame Symbole tauchen auf, ein unheimlicher Klingenmann tritt auf den Plan. Menschen sterben. Spooky. Ist alles nur kindliche Spinnerei, gepaart mit den Zufällen des Ortes? Ist Finn nur das Opfer von Katjas Hirngespinsten, möchte er doch nur allzu sehr der Ödnis Thules und seiner traurigen Familie ohne Vater, mit behindertem Bruder und abgestumpfter Mutter entkommen? Oder ist etwas dran an jenen Geschichten, die Katja und Finn in einem Buch festhalten und die für beide nicht gut enden werden? Denn immerhin hat Katja die Katastrophe kommen sehen…

Für die große Flut reißt Stockmann die Schleusen des Erzählens weit auf. Auf seiner Rahmenebene ist „Der Fuchs“ ein Katastrophenroman, der vom Überleben und Sterben mit allen Abgründen und Widerlichkeiten im Augenblick der Katastrophe handelt. Doch indem Finn die alten Geschichten erinnert, zunehmend delirierend weiterspinnt und aktualisiert, erschließen sich Ebenen, die aus diesem Roman ein vielstimmiges, komplexes und grandios konzipiertes Werk werden lassen. So beinhaltet er eine Art Chronik des fiktiven Thule, erzählt von den Menschen, von Deichbauern, von Kindern und Familien und vererbtem Leid, Lehrerinnen, Künstlern, dem Stadtrat. Und er erzählt von babylonischen Göttern, deren konkurrierende Schöpfungsmodelle in genau jenen Kampf und jene Ereignisse zu münden scheinen, die Katja und Finn sich verschwören, verraten und verlieren lassen. Finn, der Fuchs, gräbt als Erzähler Tunnel von Ebene zu Ebene, verbindet und kanalisiert sie zu dieser einen, ganz großen Erzählung, die letztlich doch nur Fragment sein kann.

Nein, es ist natürlich ganz und gar nicht leicht und letztlich wohl unmöglich, auf der Wirklichkeit zu surfen, sie zu beugen oder gar zu entwerfen. Das müssen die Menschen in diesem Roman ebenso erfahren wie die Götter. Und leicht ist die Lektüre dieses inhaltlich wie formal anspruchsvollen Buches auch nicht immer, soll sie auch nicht sein. Fiktion und Wirklichkeit, Erinnern und Erzählen, Kontingenz und Raster, Ödnis und Fantasie, Fortlauf und Gleichzeitigkeit, Bild, Abbild und Trugbild: „Der Fuchs“ verhandelt mal ernsthaft und mal komisch, mal eifernd und mal schnodderig, mal schön und mal brutal die ganz großen Fragen. Und man darf rätseln, ob (sorry Hamlet!) die Zeit wirklich aus den Fugen gerät oder ob das nicht vielmehr nur eine Frage der Perspektive ist, der Seite, auf der man steht. Vielleicht ist das vermeintliche Chaos doch Teil einer großen Ordnung? Vielleicht ist die Zeit und mit ihr die Welt auch überhaupt niemals in irgendwelchen Fugen gewesen? „Der Fuchs“ öffnet Räume, lässt vieles zu und an vieles denken. Literatur eben, und zwar besonders gute!

(Rowohlt, gebunden, 24,95 €)