Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel (C.H. Beck)

Scheuer_Sprache (C.H. Beck)Eine Empfehlung von Gerrit Völker

„Mein Urahn Ambrosius Arimond glaubte, alle Vögel unserer Erde besäßen eine gemeinsame Sprache. Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der Entschlüsselung ihrer Gesänge, einer Welt magisch klingender Töne, Zeichen und Bedeutungen. Jede Vogelart und ihr individueller Gesang waren für Ambrosius Buchstaben eines kryptischen Alphabets.“ So beginnt der neue Roman von Norbert Scheuer, den man mit guten Gründen als eine der besten deutschsprachigen Prosa der letzten Jahre bezeichnen kann.

2003 begibt sich Paul Arimond in jene Region, in die im 18. Jahrhundert schon sein wohl mythischer „Urahn“ von der Eifel aus gereist sein soll, um dort den Spuren der Vögel zu folgen: Afghanistan. Freiwillig, als Sanitäter der Bundeswehr in einem unübersichtlichen Konflikt. Und Paul kommt aus Gründen dorthin, die ihn in den Augen seiner Kameraden als Sonderling erscheinen lassen. Ihm geht es nicht darum, eine vaterländische Pflicht zu erfüllen, soldatisches Abenteuer zu erleben oder militärische Ehren zu erlangen. Er möchte indes, auf den Spuren seines Ahnen, Vögel beobachten und beschreiben. Dafür nutzt er jede sich bietende Möglichkeit. Und so steht er mit seinem Fernglas auf dem Wachturm des Soldatenlagers und schaut auf einen See, der für ihn zur naturromantischen Imaginationsfläche, locus amoenus, und dessen Erreichen zur fixen Idee wird, für die er sein Leben riskieren wird.

Während seiner Zeit in Afghanistan führt Paul ein Tagebuch, das den kompositorischen Kern der Erzählung bildet. In ihm beschreibt und zeichnet er seine Vogelsichtungen und Naturbeobachtungen und schildert zugleich das Leben im Lager, in dem er sich gefangen fühlt und dessen Enge und vorherrschenden Strukturen mit seinem ornithologischen Projekt kollidieren.

© Erasmus Scheuer / C.H. Beck

Ebenfalls blickt er in seinem Tagebuch zurück auf seine Vergangenheit in der Eifel, was seine ins Wahnhafte sich steigernde Passion als versuchte Überblendung seines bisherigen Lebens mit seinen ungelösten Konflikten, denen er auch in Afghanistan nicht entkommen kann, erscheinen lässt. Und so zieht der Roman auf elegante Weise Ebenen und Motive ein, schwärmt aus, überbrückt Raum und Zeit, ordnet das vielschichtige Material. Ein Kunstgriff, der aus ihm so viel mehr macht als eben „nur“ einen Afghanistan-Roman. Von Pauls Leben in der Eifel wird erzählt, von seiner Familie, seinem besten Freund Jan, nach einem Unfall schwer behindert, und von seiner Freundin Theresa, mit der er von Afghanistan aus in eher losem Kontakt steht, während sie in der Eifel ihr Leben neu zu regeln versucht. Und davon, wie all das zusammenhängt. Und schließlich, auf einer metanarrativen Ebene, wird die Geschichte des Tagebuchs fortgesetzt, das als zunehmend wirr sich gestaltendes und beinahe fantastisch anmutendes Fragment schließlich in die Hände von Pauls ehemaliger Lehrerin gelangt, die sich daran macht, die Papiere zu ordnen. Und das passt dann irgendwie auch: In diesem Buch nämlich ordnen die Frauen die Dinge, zumindest versuchen sie es – während die Männer durchdrehen oder sterben. Oder beides.

„Vielleicht kommt es im Leben nur darauf an, irgendetwas zu finden, bei dem alles andere in Vergessenheit gerät.“, notiert Paul. Das gelingt den wenigsten Figuren in diesem Roman. Auch die Sprache der Vögel bleibt eine Idee, letztlich unergründlich, kryptisch. Eskapismus. Und doch ist es der Text selbst, der bei all seiner Komplexität, aller Traurigkeit und den Schicksalen, von denen er erzählt, auf beinahe paradoxe Weise eine Schönheit und vogelflughafte Leichtigkeit vermittelt, die immerhin den Leser bei der Lektüre diesem Zustand nahekommen lassen kann.

„Die Sprache der Vögel“ ist ein in Inhalt und Poetik herausragender Roman. In einer klaren und schönen Sprache verfasst, beschreibend ohne kalt zu sein, klug komponiert, vielstimmig, vielschichtig und wundervoll gestaltet bereichert er die Literatur und den Erfahrungsraum aller, denen Geschichten, Bücher und das Lesen etwas bedeuten.

(mit Illustrationen von Erasmus Scheuer, C.H. Beck, gebunden, 19,95 €)