Norbert Scheuer, Winterbienen (C.H. Beck)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Die Eifel 1944/45. Während der Zweite Weltkrieg auch die westdeutsche Provinz erreicht, kämpft der Lehrer Egidius Arimond ums Überleben. Als Epileptiker hat er Berufsverbot, ist zwangssterilisiert und braucht dringend lebenswichtige Medikamente, die immer schwerer zu beschaffen sind. Er kann froh sein, dass er noch nicht im Zuge des NS-Euthanasieprogramms ermordet worden ist. Als Imker und Bienenzüchter hingegen kann er etwas einbringen: Bienen sind als Bestäuber kriegswichtig. Weil er seine Medikamente durch Handel mit Bienenprodukten nicht finanzieren kann, arbeitet er als illegaler Fluchthelfer, indem er Juden versteckt und mittels präparierter Bienenstöcke an die belgische Grenze bringt. In seinem Wohnort Kall lässt er sich auf einige Affären ein, besucht die Bibliothek und forscht über einen seiner Vorfahren, der sich im späten Mittelalter nicht nur mit der Imkerei beschäftigt hat, sondern auch an der spektakulären Überführung des Herzens und der Bibliothek des Nikolaus von Kues beteiligt war.
Es ist großartig, wie Norbert Scheuer die Ebenen und Motive seines Romans in einer ungemein vielschichtigen und spannenden, in Tagebuchform gehaltenen Geschichte zusammenführt: die lange Zeit der Erdgeschichte, die zyklische Zeit der Natur und die irrwitzig kurze aber heftige Zeit menschlicher Ereignisgeschichte; Organisation des Bienenvolkes und menschliche Gesellschaft; Erzählung, Archiv und Fragment; Kontruktion und Destruktion; Natur und Kultur – es gibt sehr viele Möglichkeiten und Lektüreangebote, die dieser Roman seinen Leser*innen macht. „Winterbienen“ ist nicht nur ein Highlight in Norbert Scheuers großem literarischem Werk, es ist in seinem wundervollen Zusammenspiel von Geschichte, eleganter Sprache und Komposition ein Höhepunkt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur überhaupt.

(mit Illustrationen von Erasmus Scheuer, C.H. Beck, gebunden, 22,- €)