Sascha Reh, Gegen die Zeit (Schöffling & Co.)

g-Reh-Sascha-Gegen-die-ZeitEine Empfehlung von Gerrit Völker

Vergangene Zukunft: Diese Bezeichnung umfasst Zukunftsvorstellungen und -modelle der Geschichte, die in ihrer Zeit relevant und visionär sein können, aber nicht immer direkten Niederschlag in den historischen Ereignissen finden und von diesen oft eingeholt werden. In seinem dritten Roman birgt Sascha Reh ein Erzählkonzept mit hohem literarischen Potenzial, indem er sich solchen vergangenen Zukunftsentwürfen anhand politischer und technischer Utopien 1970er-Jahre und ihrer Konfrontation mit der Realität widmet.

Chile ist Anfang der 1970er Jahre unter seinem Präsidenten Salvador Allende Experimentierfeld und Projektionsfläche für politische Visionen. Auch Hans Everding, ein junger deutscher Industriedesigner, begibt sich ins Land, um im Projekt „Cybersin“ mitzuwirken, dessen Ziel die Steuerung der gesamten Produktion des Landes mittels eines Computersystems ist. Sozialismus, Vernetzung und Kybernetik lauten die Zauberworte und der Idealismus des jungen Teams ist stark genug, um mangelhafte technische und finanzielle Möglichkeiten durch Improvisationskunst halbwegs auszugleichen. Hans ist voller Elan und außerdem verliebt in seine Kollegin Ana – gute Zeiten scheinen sich anzukündigen.

Natürlich kommt alles anders: Am 11. September (!) 1973 putscht das Militär und schafft die Grundlagen für eine Diktatur, die bis 1989 anhalten wird. Hans und ein Kollege versuchen, die gesammelten Daten des Projekts in Sicherheit zu bringen. Doch für Datensammlungen, und das lässt den Roman so aktuell wirken, interessieren sich die Mächtigen egal welchen Systems. Der Putsch bereitet „Cybersin“ ein schnelles Ende stellt Hans und das Projektteam vor eine veränderte, brutale Gegenwart. Genau diese historische Schwelle, diesen Punkt totaler Ungewissheit, nimmt der Roman zum Ausgangspunkt des Erzählens und beginnt eindrucksvoll:

„Während draußen geschossen wurde, blieb ich in meinem Zimmer, hungrig, in dumpfer Sorge vor einer Infektion, in Gedanken bei Ana. Ich tat nichts als darauf zu warten, dass sie mich holten.“

Hans, der schließlich vom Militär verhört wird (diese Szenen gehören zu den stärksten Seiten des Romans), findet sich auf einmal in einem chaotischen, ihn seine fremde Herkunft spüren lassenden Land wieder. Auch seinen ehemaligen Kollegen kann er nicht mehr trauen – und was ist mit Ana?

Wer Sascha Rehs Roman „Gibraltar“ kennt, weiß, wie gekonnt er die Irritation, das Zersplittern von Gegenwart, den Wechsel von Vorzeichen literarisch zu inszenieren vermag. Das gelingt ihm mit „Gegen die Zeit“, wo Bezüge von System und Biographie, Utopie und Geschichte, Realität und Fiktion verhandelt werden, einmal mehr auf grandiose Weise. Er erspart uns dabei eine übermäßige Psychologisierung seiner Figuren und die Romantisierung ihrer Ideale; sein Erzählstil ist nüchtern und unverzärtelt. Durch seinen gut ausgestalteten Spannungsbogen, die spektakuläre retro-futuristische Kulisse und die Aktualität seines Themas in Zeiten systematischer Datenspeicherung steckt ohnehin jede Menge Stoff in diesem vielschichtigen und außergewöhnlichen Roman.

(Schöffling & Co., gebunden, 21,95 €)