Tanguy Viel, Das Verschwinden des Jim Sullivan. Ein amerikanischer Roman (Wagenbach)

Viel_SullivanEine Empfehlung von Gerrit Völker

Viels Erzähler treibt eine Frage um, die nicht wenige Schriftsteller tatsächlich beschäftigen dürfte: Wie kann ich endlich „erfolgreicher“ werden, mehr Bücher verkaufen? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Ein „amerikanischer Roman“ muss geschrieben werden, diese sind nämlich von internationalem Format und werden in viele Sprachen übersetzt. Ort der Handlung? Detroit natürlich, Sinnbild gleichermaßen für den Aufstieg und die Krise Amerikas. Protagonist? Dwayne Koster klingt gut, Dozent für Literatur, um die 50. Und noch ein passendes Auto: ein Dodge Coronet, 60er-Jahre-Modell. Der Plot: Dwayne betrügt seine Frau mit, na klar, einer Studentin. Seine Frau betrügt ihn zwar auch mit, na klar, einem seiner Kollegen, Dwaynes Betrug fällt aber eben auf und seine Frau lässt sich scheiden mit allem Pipapo. Dwayne verlagert sein Leben mehr und mehr in sein Auto und sinnt nach Vergeltung. Er gerät in Kontakt mit, na klar, Mafia und FBI und gibt sich der Melancholie und der Musik des auf mysteriöse Weise verschwundenen Freak-Sängers Jim Sullivan hin.

Doch ganz so einfach ist das nun nicht mit dem amerikanischen Roman. Zum einen tut sich der französische Erzähler doch schwer mit der gewählten Erzählform; zum anderen machen seine Figuren letztlich was sie wollen und bringen das ganze Romankorsett zum Einsturz.

„Das Verschwinden des Jim Sullivan“ ist ein Roman auf zweiter Stufe, ein Bericht über den scheiternden Versuch dieses amerikanischen Roman-Projekts. Und indem er das Schreiben selbst thematisiert, ist es eben kein großer amerikanischer Roman (auch sein knapper Umfang verrät es), sondern wohl eine Hommage an und Parodie auf amerikanisches Schreiben und amerikanische Musik, letztlich aber ein selbstreflexives Stück französischer Literatur. Oder wird genau diese parodiert? Heiter-melancholisch, augenzwinkernd, subversiv, vielschichtig, leichtfüßig und komisch. Wundervoll, also bitte lesen!

(Wagenbach, gebunden, 16,90 €)