Tomer Gardi, Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Das hatte sich der Schriftsteller Kaldi bestimmt anders vorgestellt, der in Israel auf dem Amt Arbeitslosenhilfe beantragen möchte. Diesen Beruf, Schriftsteller eben, gebe es nicht, so sein Sachbearbeiter, und somit könne er auch gar nichts beantragen, es gibt nichts. Verdammt. Doch der Schriftsteller hat eine Idee, so einfach wie riskant. Er schlägt vor, dem Beamten mit jedem wöchentlichen Termin fortlaufend Geschichten zu erzählen, ihm zu beweisen, dass Erzählen sehr wohl eine Profession ist. Solange dieser zuhört, kriegt Kaldi seinen Stempel und sein Geld und „sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück“. Der Beamte geht auf den Deal ein und Kaldi beginnt mit dem Erzählen: von einer Schriftstellerin, die auf dem Amt Arbeitslosenhilfe beantragen möchte und erfährt, dass es ihren Beruf gar nicht gebe, von einem Gasballonverkäufer, einem Messer und einem Vorwurf, von einer Flaschensammlerin und einem rosafarbenen Glücksfisch, von einem Schriftsteller, der den Kriegsdienst „verweigert“, indem er besoffen antritt, wofür er büßen muss, von einem Putzmann in Stierkampfarenen und der Geschichte des Stierkampfs in Israel (!)… Ihnen allen ist gemein, dass sie arme Schlucker sind, für die es ums Überleben geht, die aber in einem Staat Israel leben, der sie abweist, klein hält, degradiert und aus dem sie nicht einfach raus können, in dem sie gewissermaßen gefangen sind.
Gardi erzählt zügellos, wild und virtuos, mal realistisch und mal märchenhaft vom Leben und Zusammenleben in Israel. Es geht um Staatsmacht, Amtswillkür und Zynismus, die Ohnmacht des Einzelnen, um Macht und Ohnmacht des Erzählens und um die Absurdität all dessen. „Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück“ ist so komisch wie tiefsinnig, poetisch ausgefeilt und doch griffig. Ein famoser Roman, auch weil er auf sehr sympathische Weise der feuilletonistischen Gefälligkeitsliteratur das Risiko und das Abenteuer entgegensetzt – echte, lebendige Literatur!

(übers. v. Anne Birkenhauer, Literaturverlag Droschl, gebunden, 160 S., 20,- €)