Umberto Eco, Die Geschichte der legendären Länder und Städte (Hanser)

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

Endlich liegt er vor, Umberto Ecos nächster Baustein zu einem Archiv des Imaginativen. Nach den Geschichten der Häßlichkeit und der Schönheit sowie der Unendlichen Liste folgt diese wunderbare Sammlung und Beschreibung von Imaginationsorten, von großen Utopien und Topoi der Literatur- und Kulturgeschichte: Atlantis, Wunderland, Thule, Schlaraffenland, Pole, Unterwelten… Eco nimmt uns in seinen Einführungen, in ausgewählten Textausschnitten und hervorragend ausgesuchten Bildern hochgelehrt, aber nicht belehrend oder streberhaft, mit auf die Reise zu diesen fiktiven Orten. Als großer Vorteil erweist sich dabei, dass es keine Hierarchisierung der Quellen zugunsten der sogenannten Hochkultur gibt; Science-Fiction, Trash und Kuriositäten stehen ebenfalls im Mittelpunkt der Ausführungen und steigern deren Unterhaltungswert erheblich. Mit feiner Ironie verweist Eco immer wieder auch auf das zum Scheitern verurteilte Handeln derer, die in diesen Fiktionen eine höhere Wahrheit zu erkennen meinen – so bekommen Verschwörungstheoretiker (etwa Dan Brown) und Okkultisten (besonders interessant sind Exkursionen in den kruden Okkultismus im Umfeld des Nationalsozialismus) ihr Fett weg. Es gibt in diesen mythischen Regionen wohl keinen besseren und unterhaltsameren Reiseführer als Umberto Eco.
(Hanser, gebunden, 39,90 €)