Verena Roßbacher, Ich war Diener im Hause Hobbs

Eine Empfehlung von Gerrit Völker

„Es war ein schlampiger Tag. Dies ist eine einfache Geschichte.“
Das sind die ersten Sätze in Verena Roßbachers wundervollem Roman „Ich war Diener im Hause Hobbs“. Für Christian allerdings, den etwas verpeilten Erzähler, soll es nicht der einzige schlampige Tag sein. Und ganz so einfach ist diese Geschichte beileibe nicht, denn Roßbacher spannt so virtuos wie genüsslich ein Netz an Beobachtungen, Intrigen, menschlichen Abgründen, biographischen und literarischen Wendungen und Finten.
Christian blickt zurück auf zehn Jahre, die er als Diener bei einer schwerreichen Zürcher Familie gearbeitet hat. Von seinem Beruf, den er an einer Butlerschule in Holland erlernt hat, hat er ein durchaus romantisches Bild, doch die hehre Dezenz, die er an den Tag zu legen versucht und die ihm auch der Überschreibung seiner provinziellen Vergangenheit dient, wirkt angesichts der Verhältnisse lächerlich und grotesk. Seine Arbeitgeber spielen da einfach nicht mit. Schnell ist klar, dass sowohl der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Jean-Pierre Hobbs, als auch sein Zwillingsbruder Gerome, ein in Bezug auf die Kunst wenig ambitionierter Künstler, als auch seine hübsche Frau Bernadette keineswegs so verhalten, wie sich Christian (als Diener lässt er sich Robert nennen) das idealerweise ausmalt und wie es ihm in den Kram passen würde. Sie haben alle Dreck am Stecken, spielen ihre Spielchen; darüber können ihre perfekt arrangierten Familienfotos, die sie als Grußkarten verschicken, nicht hinwegtäuschen. Doch Christian hat Probleme, all diese Andeutungen unter der Oberfläche, seine vielen kleinen Beobachtungen, die unklaren Handlungen und mehrdeutigen Blicke zu ordnen und ein schlüssiges Bild zu gewinnen. Hoffnungslos überfordert ist er schließlich, als Frau Hobbs sich in den Kopf setzt, nach Feldkirch in Vorarlberg zu reisen, um der dortigen Schubertiade beizuwohnen. Das ist nämlich sein Herkunftsort und es schmeckt ihm überhaupt nicht, dass die moderne und allzu aufgeschlossene Frau Hobbs das Städtchen und seine alten Freunde kennenlernt. Diese beiden Welten – Zürich, wo er Robert heißt, und Feldkrich, wo man ihn „Krischi“ ruft – möchte er nur zu gerne voneinander getrennt sehen. Doch zu spät. Und was läuft da eigentlich zwischen Frau Hobbs und seinem alten Kumpel Olli? In Feldkirch nehmen neue Entwicklungen ihren Ausgang, die letztlich nicht nur mit einem schlampigen Tag, sondern mit zwei Toten enden werden. Echt keine einfache Geschichte.
„Ich war Diener im Hause Hobbs“ ist ein großartiger Roman, der unglaublich lässig und präzise mit Klischees spielt, mit Motiven jongliert, Versatzstücke einfügt. Es ist gleichermaßen ein Butlerroman wie eine Krimiparodie und, in den grandiosen Feldkirch-Episoden, eines der schönsten Provinzporträts in Romanform der letzten Jahre. Aus einer tragikomischen Grundstruktur entwickelt Roßbacher eine inhaltliche Dynamik und eine erzählerische Vielfalt, die ihren „Diener“ zu einem durchweg unterhaltsamen und bereichernden Leseerlebnis machen.

(Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 380 S., 22,- €)