Unsere Empfehlungen

GEORGI GOSPODINOVZEITZUFLUCHTübers. v. Alexander Sitzmann(Aufbau | gebunden, 342 S. | EUR 24,-)

Er wirkt wie aus der Zeit gefallen und doch wird bald klar, dass Gaustín den Nerv unserer Zeit sehr wohl trifft: In Zürich eröffnet er die „Klinik für Vergangenheit“, in der jede Abteilung detailgetreu einem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gewidmet ist. Demenzkranke sollen hier ein bekanntes Umfeld vorfinden, sich in einer Zeit bewegen können, die sie erinnern und nach der sie sich zurücksehnen. Der Erzähler, von Beruf Schriftsteller und mit Gaustín entfernt bekannt, wird angeheuert, um Recherchen zu betreiben und passende Geschichten, Produkte, Gerüche und alles Mögliche aus der Vergangenheit ausfindig zu machen. Diese Arbeit lässt ihn nicht zuletzt seiner eigenen bulgarisch-europäischen Existenz nachgehen.

Der Erfolg gibt Gaustín recht, denn immer mehr Menschen interessieren sich für seine reenactment-Strategie, möchten sich in seinen Vergangenheitswelten bewegen. Es entstehen Dependancen in verschiedenen Ländern und schließlich finden ganze Staaten Gefallen an einer Wiederbelebung ihrer Vergangenheit und lassen darüber abstimmen, in welches Jahrzehnt sie zurückkehren sollen…

Zukunftsverweigerung, die Kollektivierung von Sehnsüchten und die Flucht in die Vergangenheit: Im alternden und wieder einmal vom kriegerischen Revanchismus gepackten Europa ist das hoch aktuell. „Zeitzuflucht“ ist ein großer, kraftvoller und fein komponierter Roman, der so komisch wie bedrückend die europäische Gegenwartsflucht verhandelt. Seine Kunst besteht darin, die Dystopie einer näheren europäischen Zukunft gerade in einem zur großartig düsteren Groteske sich auswachsenden Vergangenheitstaumel zu zeichnen.

Und das kann, wie der Erzähler in einer der vielen philosophischen Einlassungen festhält, eigentlich nicht gut ausgehen:
„Ein Rat von mir, besucht nie, wirklich nie nach langer Abwesenheit den Ort, den ihr als Kinder zurückgelassen habt. Er ist ausgetauscht worden, von Zeit entleert, verlassen, gespenstisch. Dort. Ist. Nichts.“

Empfohlen von Gerrit Völker.

KEIICHIRO HIRANODAS LEBEN EINES ANDERENÜBERS. V. NORA BIERICH(SUHRKAMP | GEBUNDEN, 333 S. | EUR 25,-)

Dieser Fall wirft Fragen auf: Akira Kido, ein auf Scheidungen spezialisierter Anwalt, wird von seiner Klientin Rie beauftragt, der Geschichte ihres kürzlich bei einem Unfall gestorbenen Manns nachzugehen.

Denn dieser war nicht etwa, wie er vorgegeben und wie Rie es angenommen hatte, ein Mann namens Tanigushi Daisuke, sondern jemand anderes. Wer war er aber wirklich? Warum hat er die Identität eines Anderen angenommen? Wo ist der echte Tanigushi und was ist mit ihm geschehen?

Akira nimmt der sonderbare Fall immer mehr ein. Auch von Rie erfährt er mehr und verliebt sich in sie. So wird er auf seine eigene Existenz gestoßen und wieder stellen sich ihm Fragen: Wer bin ich jenseits der zu erfüllenden Rollen als Ehemann und Vater? Möchte, kann ich dieser Mensch sein? Wäre es reizvoll, ein Anderer zu werden, eine neue Identität anzunehmen?

Dieselben Fragen vielleicht, die sich der Verstorbene gestellt haben mag.
„Das Leben eines Anderen“ ist an keiner Stelle auf spektakulär getrimmt und kein Kriminalroman, auch wenn er zunächst um ein Rätsel kreist. Es ist vielmehr eine schöne melancholische Reflexion um Themen von Existenz und Einsamkeit, über das Unmögliche in einem Leben der vermeintlichen Möglichkeiten. Zurückhaltend und doch intensiv.

Empfohlen von Gerrit Völker

ABBAS KHIDERDER ERINNERUNGSFÄLSCHER(HANSER | GEBUNDEN, EUR 19,-)

Eines hat Said al-Wahid immer bei sich, egal wo er gerade ist: seinen deutschen Reisepass.

Als ein aus dem Irak Geflüchteter, der dabei ist, sich in Deutschland als Schriftsteller zu etablieren, weiß er nämlich genau, dass er im Zweifel auf dieses eine Dokument reduziert wird, das ihm somit eine gewisse Sicherheit verschafft. Und er kann seinen Reisepass gebrauchen, als er nach dem Anruf seines Bruders beschließt, nach einer Veranstaltung nicht zu seiner Frau und seinem Sohn nach Hause zu fahren, sondern das nächste Flugzeug nach Bagdad zu nehmen. Seine Mutter liegt im Sterben, im Irak.

Saids Reise lässt ihn sein Leben rekapitulieren: Das Aufwachsen im Irak, die Diktatur, die Kriege, die Flucht mit vielen Umwegen, sein Studium und seinee Familie in Deutschland. Doch nicht an alles kann er sich erinnern – es gibt Lücken in diesem Bild, Ereignisse und Zusammenhänge fehlen. So bleibt es beim Fragment – und Said füllt diese Lücken mit erfundenem Möglichen. Das Erzählen wird so zu einem spannenden literarischen Spiel von Realität und Fiktion.

„Der Erinnerungsfälscher“ ist ein schmaler Roman, aus dem man sehr Vieles mitnehmen kann. Seine reduzierte und verdichtete Sprache, seine konzentrierte und doch immer wieder humorvoll-sympathische Art machen ihn zu Abbas Khiders vielleicht bestem Buch und zu einem literarischen Höhepunkt dieses Jahres.