Unsere Empfehlungen

Hari KunzruRed Pill(Liebeskind | gebunden, 355 S. | EUR 22,-)

Hari Kunzru gehört zu den spannenden Stimmen der internationalen Gegenwartsliteratur. Mit seinem aktuellen Roman gelingt es ihm, unsere Gegenwart in einem packenden Plot zu kanalisieren, gleichzeitig aber ihre Komplexität und Konstruiertheit, ihre Zerbrechlichkeit einzufangen und aufzugreifen.

Ein amerikanischer Autor erhält ein Stipendium für einen Aufenthalt in Berlin. Im (fiktiven) Deuter-Zentrum am Wannsee angekommen gelingt es ihm aber so gar nicht, in den geförderten und gewollten Dialog mit den anderen Stipendiaten zu treten. Im Gegenteil: Er fühlt sich gegängelt und überwacht, verschanzt sich und zieht sich eine Cop-Serie rein, in deren simplen Brutalo-Plots immer wieder Textpassagen auftauchen, die wie rätselhafte Botschaften auf ihn wirken. Als er auf eine Berlinale-Party mitgenommen wird und dort den Regisseur der Serie kennenlernt, einen smarten rechten Verschwörungsmythologen, wird sein bräsiges liberales Selbstverständnis ebenso hart herausgefordert wie seine angeknackste Psyche.

Dass „Wirklichkeit“ eine Konstruktion ist, diffus für die einen, manipulierbar und beherrschbar für die anderen, ist vielleicht keine neue Erkenntnis. Die Konsequenz aber, mit der Kunzru seinen namenlosen Protagonisten redlich, hoffnungslos und von Anfang an verloren durch den Roman taumeln lässt, macht das Lesen zu einem nachdenklichen Erlebnis. Und: Wenn am Ende Trump gewinnt – wer ist dann eigentlich der Spinner?

Tomer GardiEine runde Sache(Literaturverlag Droschl | gebunden, 255 S. | EUR 22,-)

Ein Autor namens Tomer Gardi landet in einer apokalyptischen Slapstick-Groteske als ewiger Jude im deutschen Wald. Seine Begleiter: Ein sprechender Schäferhund namens Rex und der Erlkönig. Geschrieben ist dieser erste Teil des Romans in einem „unkorrekten“ Deutsch – so wundervoll, wie nur Tomer Gardi es beherrscht.

Der zweite Teil, auf Hebräisch verfasst und ins Hochdeutsche übertragen, folgt dem indonesischen Künstler Raden Saleh, der im 19. Jahrhundert dem Ruf der Kolonialmacht folgt und sich in den Niederlanden zum Kunstmaler ausbilden lässt. In Europa findet er sich eigentlich zurecht, doch nicht immer verhält er sich so, wie es von ihm erwartet wird – eine hoch aktuelle historische Erzählung.

Tomer Gardi spielt virtuos mit Sprache, Klischees und Konventionen. Gewieft stellt er Fragen nach Erfahrungen, Erwartungen, Macht und Rollenzuweisungen im (freiwilligen) Exil. So charmant und bissig bereichert und provoziert wohl derzeit kein anderer Autor die deutsche Sprache und Literatur.

Gert LoschützBesichtigung eines Unglücks(Schöffling & Co. | gebunden, 331 S. | EUR 24,-)

Dass das bis heute schwerste Zugunglück in Deutschland 1939 in Genthin geschehen ist, wissen vielleicht die wenigsten. Für diesen herausragenden, mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichneten Roman ist das Ereignis Ausgangspunkt für die Geschichte zweier Frauen und ihrer Zeit. Die eine, Carla, überlebt das Unglück schwer verletzt.

Warum war sie mit einem Italiener unterwegs und versucht sich als dessen Frau auszugeben? Die andere, Lisa, ist die Mutter des Erzählers und lebt 1939 als junge Frau in Genthin. Wahrscheinlich war sie es, die Clara nach dem Unglück mit Kleidung aus dem Kaufhaus versorgt hat. Nach dem Krieg zieht es sie mit ihrem Kind in den Westen.

Die Geschichte durch das Brennglas der Gegenwart betrachtet: Gert Loschütz‘ Blick auf Menschen und Dinge ist dezent, seine Sprache bewundernswert reduziert, seine Poetik erkennt die Möglichkeiten der Zwischenräume.

Mit Besichtigung eines Unglücks zeigt Loschütz ein weiteres Mal seinen Ausnahmewert für die deutschsprachige Literatur – so feinsinnig wie ihm gelingt den wenigsten Autoren seiner Generation der Blick auf die deutsche Geschichte.